Die Luzerner Staatsanwaltschaft sistierte diese Woche eine der aufwendigsten Ermittlungen der Schweizer Kriminalgeschichte: die Untersuchungen im Vergewaltigungsfall von Emmen. Alleine die technischen Abklärungen wie der DNA-Massentest und der Antennensuchlauf kosteten mehr als 100 000 Franken, wie Simon Kopp, Sprecher der Staatsanwaltschaft, auf Anfrage sagt. Noch teurer sind die Personalkosten für die zweieinhalbjährige Ermittlungsarbeit. Die Bilanz: ausser Spesen nichts gewesen. Der Täter läuft weiter frei herum.

Das Geld wäre besser investiert gewesen, hätte die Staatsanwaltschaft mehr Befugnisse. Sie ist zwar im Besitz von DNA-Material des Täters, der im Sommer 2015 eine damals 26-jährige Frau vom Velo riss und querschnittgelähmt liegen liess. Doch die Ermittler dürfen die DNA nicht vollständig auswerten. Gemäss dem DNA-Profil-Gesetz von 2005 ist es ihnen nur erlaubt, das Geschlecht des Täters zu bestimmen. Nur: Dass er männlich ist, hat in diesem Fall keinen Erkenntniswert.

Mit den aktuellen wissenschaftlichen Möglichkeiten könnte man aus der DNA auch Informationen zu Haut-, Haar- und Augenfarbe sowie zum ungefähren Alter und zur geografischen Abstimmung gewinnen. Doch das ist in der Schweiz nicht erlaubt. Der Luzerner FDP-Nationalrat Albert Vitali verlangte deshalb vor zwei Jahren eine Gesetzesänderung, die von National- und Ständerat angenommen wurde. Als er den Vorstoss einreichte, ging es ihm darum, die Ermittlungen in künftigen Fällen zu erleichtern.

Oktober 2015: Massen-DNA-Test nach der Vergewaltigung von Emmen

Oktober 2015: Massen-DNA-Test nach der Vergewaltigung von Emmen

Im Vergewaltigungsfall von Emmen LU kommt es zu einem Massen-DNA-Test. Insgesamt wurden 372 Männer per Post zur Speichelprobe aufgeboten.

Hoffnung auf den Durchbruch

Doch da die Akte Emmen nun immer noch ungeklärt ist, könnte die Gesetzesänderung auch in diesem Fall zum Durchbruch führen. Lulzana Musliu, Sprecherin des Bundesamts für Polizei Fedpol, bestätigt: «Wenn das Gesetz in Kraft ist, kann man grundsätzlich auch alte Fälle mit den neuen Methoden nochmals untersuchen, solange der Fall nicht verjährt ist.» Dies beabsichtigt die Luzerner Staatsanwaltschaft, wie Sprecher Kopp ankündigt: «Wir würden die Täter-DNA entsprechend auswerten lassen und dann sehen, ob wir zu neuen Ansätzen kommen, etwa zum Signalement. Das könnte neue Ermittlungsansätze geben.»

Gesetz verzögert sich

Das Problem: Die Fedpol-Juristen benötigen mehr Zeit als erwartet. Das Bundesamt für Polizei, das zum Departement von SP-Bundesrätin Simonetta Sommaruga gehört, kündigte den Entwurf für Ende 2017 an. Nun verspricht es, die Vernehmlassungsvorlage komme «noch dieses Jahr», wie Sprecherin Musliu sagt. Eine genauere Prognose sei nicht möglich. Danach durchläuft das Gesetz den parlamentarischen Prozess. Datenschützer haben bereits Bedenken angekündigt. Frühestens 2019 wird die Luzerner Staatsanwaltschaft wissen, was die Gene über den Vergewaltiger von Emmen verraten.

Vergewaltigungsopfer von Emmen war auf dem Heimweg

August 2015: Vergewaltigungsopfer von Emmen war auf dem Heimweg

Die 26-Jährige war nur noch rund 500 Meter von ihrer Wohnung entfernt als sie vom Velo gerissen und vergewaltigt wurde. Sie war auf dem Heimweg von der Arbeit. Die Nachbarn sind tief betroffen.