«Le Nouvelliste»
Wie der Streit zwischen Sion-Präsident Constantin und einer Tageszeitung im Boykott endete

Was die Affäre um den FC-Sion-Präsidenten Christian Constantin und die Tageszeitung «Le Nouvelliste» über das Wallis verrät.

Doris Kleck
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Sorgt für Schlagzeilen: Christian Constantin boykottiert den «Nouvelliste». key

Sorgt für Schlagzeilen: Christian Constantin boykottiert den «Nouvelliste». key

KEYSTONE

Am Anfang der Eskalation stand dieser Satz: Er habe zu sehr wie ein Walliser reagiert, sagte FC-Sion-Präsident Christian Constantin im letzten Herbst, nachdem er den TV-Experten Rolf Fringer attackiert hatte. «Nein, Herr Constantin, die grosse Mehrheit der Walliser regelt ihre Probleme nicht mit Ohrfeigen und Fusstritten in den Hintern», schrieb daraufhin Vincent Fragnière im «Nouvelliste». Der Chefredaktor der Unterwalliser Tageszeitung warf Constantin vor, er nehme das Wallis in Geiselhaft.

Der Kommentar missfiel dem selbstherrlichen Fussballboss besonders. Ihm, der sich als Vorkämpfer für seinen Kanton sieht und 2012 nach der Annahme der Zweitwohnungsinitiative ernsthaft fragte: «Warum soll das Wallis nicht aus der Schweiz austreten und ein souveräner Staat werden, so wie es das Fürstentum Liechtenstein ist?» Eine Leserbriefschreiberin verglich im «Walliser Boten» Constantin mit dem US-Präsidenten: «Trump glaubt, er sei Amerika. Constantin glaubt, er sei das Wallis.»

Kritisch oder polemisch?

Fragnière äussert sich seit einem Jahr alle zwei Wochen zum FC Sion. Er tut das kritisch. Constantin nennt die Kommentare «polemisch». Sie sind offiziell der Grund, weshalb Constantin vor Wochenfrist dem «Nouvelliste» die Saisonakkreditierung verweigert und den Spielern sowie Betreuern jeglichen Kontakt mit den Journalisten der Unterwalliser Zeitung untersagt hatte.

Beim ersten Saisonspiel gegen Lugano blieb der Platz 51 auf der Medientribüne des Stade de Tourbillon deshalb leer. Der «Nouvelliste» schrieb in der Montagsausgabe keine Zeile über die Startniederlage des FC Sion, zeigte stattdessen ein grosses Foto des Stadions vom Parkplatz aus und brachte Leserreaktionen zum Boykott. Darunter viel Zuspruch für die Journalisten und viel Schelte für den FC-Sion-Boss. Doch es gab auch wehmütige Stimmen. Stimmen, die an das alte Wallis erinnerten. Als es zwischen dem FC Sion und dem «Nouvelliste» eine Symbiose gab, von der beide Seiten profitiert hätten.

Das Ende alter Machtstrukturen

Tatsächlich: Der FC Sion und der «Nouvelliste» sind zwei Walliser Institutionen – eine Zeit lang auch personell verknüpft. André Luisier, Herausgeber und Chefredaktor des «Nouvelliste», präsidierte zwischen 1981 und 1992 auch den FC Sion. Für den konservativen Verleger, fest verankert in der dannzumal alles dominierenden CVP, war der FC Sion eine Möglichkeit, um seinen Einfluss im Kanton zu sichern und die Leserschaft des «Nouvelliste» zu verjüngen. Bis 1992 prangte das Logo der Zeitung auf dem Trikot des Fussballclubs. Im letzten Amtsjahr Luisiers gewann der FC Sion den ersten von zwei Meistertiteln. Aus diesem Grund wird der Patriarch noch heute verklärt. Nach dem Titelgewinn musste er den FC Sion jedoch aus finanziellen Gründen verkaufen. Constantin übernahm.

Der «Nouvelliste» hat sich verändert – vor allem seit 2014 Vincent Fragnière und Sandra Jean die Chefredaktion übernahmen. Sie machten aus dem C-Blatt eine ganz normale Regionalzeitung: Unabhängiger, kritischer, näher bei den Leuten und stärker auf Recherche ausgerichtet. Diese Neuorientierung manifestiert sich nicht nur in den Kommentaren zum FC Sion, sondern zeigte sich auch in der Berichterstattung über eine Kandidatur Sions für die Olympischen Spiele 2026. Nach dem Volks-Nein sagte CVP-Staatsrat Christophe Darbellay etwas zerknirscht, nicht mal «unsere Tageszeitung» sei hinter dem Projekt gestanden. In der Olympia-Abstimmung wurde eine Bruchlinie sichtbar: Die Walliser emanzipieren sich von alten Obrigkeiten; Regierung, bürgerliche Parteien und Wirtschaftsverbände verlieren an Einfluss. Mittendrin: der «Nouvelliste».

Das Geschäftsmodell Constantins

Constantin wird in diesen Tagen nicht müde zu erklären, dass der «Nouvelliste» stärker auf den FC Sion angewiesen sei als umgekehrt. Zeitungsdirektorin Sandra Jean bekam diesen Satz schon zu hören, als sie noch Chefredaktorin des «Le Matin» war. Jean bestreitet nicht, dass Fussball extrem populär und wichtig sei für eine Zeitung. Aber ob all der Affären, Trainer- und Spielerwechsel merkt sie an: «Constantin alimentiert die Medien dauernd mit Geschichten.» Jean schliesst daraus: «Er braucht die Sichtbarkeit für seine Geschäfte.» Deshalb ärgere sich Constantin auch, dass Tamedia die Printausgabe von «Le Matin» eingestellt habe. Derzeit verhandelt er mit dem Verlagshaus über eine neue Sportzeitung, die 18 Mal pro Jahr erscheinen soll.

Für Beobachter ist es kein Zufall, dass die Einstellung von «Le Matin» und die Druckversuche auf «Le Nouvelliste» zusammenfallen. Die Medien gehören in dieser Leseart zum Geschäftsmodell des Immobilienunternehmers.

Wie der «Nouvelliste» mit dem Boykott umgehen will, wird die Zeitung in ihrer heutigen Ausgabe erklären. Klar ist, dass das Blatt weiterhin über den FC Sion berichten will. Die Leser sollen nicht in Geiselhaft genommen werden.

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