Die Bewältigung von Übergriffen beschäftigt Opfer, Angehörige und Betreuer meist ein Leben lang. Zum Beispiel Ueli Affolter, Geschäftsführer des Heimverbands Bern. Am Mittwoch orientierte er mit sechs Leitern von betroffenen bernischen Institutionen über Hansjürg S.’ unglaubliche Missbrauchsserie. Dabei kennt Funktionär Affolter alle Seiten aus eigener Erfahrung: Als Schüler und Mitarbeiter eines Heimes war er einst selber von Übergriffen betroffen. Im anderen Fall wurde 2003 ein Arbeitskollege zu mehreren Jahren Haft verurteilt.

Herr Affolter, gestern wirkten Sie tief betroffen. Wie geht es Ihnen heute?

Ueli Affolter: Solche Vorfälle beschäftigen ein Leben lang. Normal Begabte können zumindest darüber reden. Ich frage mich, wie muss das sein für Opfer, die sich nicht ausdrücken können? – Meine Jugend verbrachte ich in Internaten. Von der 3. bis zur 7. Klasse war ich Opfer eines Terrorregimes, von Zynismus, Gewalt und sexuellen Übergriffen. Als sich vor zwei Jahren alle damaligen Zöglinge erstmals wieder trafen, fühlten wir uns als Teilnehmer von etwas ganz, ganz Schrecklichem. Bisher sprach ich nicht oft darüber, im Detail war bis jetzt nur meine Familie im Bild.

Wann haben Sie von der aktuellen Missbrauchsserie erfahren?

Affolter: Erst kurz vor den Medien wurden wir über das volle Ausmass informiert. Ich war absolut schockiert über die Anzahl und Dauer der Fälle sowie die vielen verschiedenen betroffenen Institutionen. Es ist aber beileibe kein Einzelfall, nur die Dimension.

Wie gingen Sie danach vor?

Affolter: Weil die Polizei die Namen nicht nannte, standen alle Heime unter Generalverdacht. Auch aus Solidarität entschied ich, mit den betroffenen Heimleitern vor die Medien zu treten. Wir stehen ein für Offenheit, Transparenz, und wollen hinschauen, wo allenfalls Fehler passiert sind.

Wäre das vor 20 Jahren undenkbar gewesen? – Das Image der Heim-Szene ist doch eher ein verstaubtes, abgrenzendes, zurückgezogenes ...

Affolter: Das kann ich nicht beurteilen. Als Heimkanton sind Berns Institutionen heute gut vernetzt. Seit den 2000er- Jahren knüpft der Kanton Betriebsbewilligungen an Konzepte zu Qualitätsmanagement, affektiver Erziehung, Sexualität oder Gewalt. Klar sind diese unterschiedlich. Ob Kleinheim, Internat oder Behindertenwerkstatt: Mindeststandards sind gegeben.

Wie sensibilisieren Sie Ihre Mitglieder?

Affolter: Über die Arbeit in Fachkommissionen, an Tagungen oder im täglichen Kontakt mit Heimen. Letzten Herbst organisierten wir beispielsweise einen Workshop zur professionellen Beziehungsgestaltung, da war unter anderem auch die Prävention von sexuellen Übergriffen Thema. Dennoch war nun solch eine Missbrauchsserie möglich. Das löst in mir Wut aus.

Wie ist das Klima unter den Leitern?

Affolter: Die Stimmung ist natürlich gedrückt. Zuerst standen die Opfer und Angehörigen im Fokus. Nach der Medienorientierung waren wir überzeugt, richtig gehandelt zu haben. Wir wollen weder Verwedeln noch Vertuschen: Das infrage gestellte Vertrauen wollen wir wiederherstellen.

Nicht jeder Verdacht erhärtet sich jeweils. Wie raten Sie, vorzugehen?

Affolter: Egal, ob der Verdacht in der Familie, Schule oder einem Heim aufkommt: Sofort Anzeige erstatten. Das passiert heute in den meisten Fällen. Als Verband wurden wir in den letzten Jahren ein paar Mal damit konfrontiert. Ausser bei einem Skandal läuft das nicht in der Öffentlichkeit ab.

Wie sehen Ihre nächsten Tage aus?

Affolter: Wir wollen die Koordination unter den betroffenen Institutionen aufrechterhalten, sie bei Medienanfragen begleiten und die Vernetzung weiter verbessern. Dazu gibt es erste Fragen von Heimen zu Arbeitszeugnissen. Diese dritte Phase der Krisenbewältigung wird andauern. Wir müssen klären, wie das Personal geschult werden kann, um Bewerbungsdossiers noch besser «lesen» zu können. Vergessen wir nicht, in Heimen sind immer wieder kurzfristig Aushilfen nötig. So kam ja auch H. S. zu Stellen. Der Ruf nach einer «schwarzen Liste» ist nachvollziehbar und muss geprüft werden.

Ueli Affolter, seit drei Jahren Geschäftsführer des Heimverbands Bern, arbeitete zwölf Jahre als Sozialpädagoge in einer Institution einer Berner Vorortsgemeinde.