Nägel mit Köpfen
«Sealed the deal»: Wie der freundliche Mike Kelley der Schweiz den F-35 verkaufte

Entgegen dem Wunsch von Bundesrätin Amherd operierte Jet-Hersteller Lockheed offensiv – und gewann.

Henry Habegger
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Kampfjets F-35 aus der Fabrik in Fort Worth, Texas. Bald auch für die Schweiz?

Kampfjets F-35 aus der Fabrik in Fort Worth, Texas. Bald auch für die Schweiz?

Orjan F. Ellinvag/Getty

Mike Kelley schrieb am Dienstag in einem E-Mail an CH Media: «In der Tat bin ich seit Ende 2020 zurück in Texas.» Er sei gebeten worden, nach Hause zu kommen, um von hier aus Kampagnen in Asien-Pazifik zu beaufsichtigen, «inklusive die F-21-Kampagne in Indien». Das sei eine «logische nächste Aufgabe», lebte er doch lange in Indien.

Kelley (56), das war der Mann von Kampfjet-Hersteller Lockheed Martin in Bern. Er sorgte mit dafür, dass sich der Bundesrat letzte Woche für den umstrittenen US-Tarnkappenjet als neues Kampfflugzeug entschied. Es sei eine Ehre, dass die Schweiz den F-35 ausgewählt habe, schreibt Kelley.

«Wir sind sehr stolz auf die Kampagne, die wir in der Schweiz führten, und ein wichtiger Teil davon war das offene und ehrliche Verhältnis zu den Medien.»

Offen in einigen Bereichen, zugeknöpft in anderen

In der Tat führte Lockheed Martin eine sehr offensive Kampagne. Obwohl Verteidigungsministerin Viola Amherd den Jet-Herstellern Zurückhaltung auferlegte, suchten die Texaner seit Anfang 2019 die Öffentlichkeit. In Bern war Kelley am Werk, ein Schrank von einem Mann, zurückhaltend, freundlich. Er hatte mit seiner Familie im Kirchenfeldquartier eine Wohnung genommen, im Stadtzentrum Büros gemietet. Als Geschäftsführer leitete er die extra gegründete Zweigniederlassung von Lockheed Martin Global.

Über eine Kommunikationsagentur gelangte Lockheed Anfang 2019 an die Schweizer Medienhäuser: «Herr Kelley ist seit Anfang Monat in Bern ansässig und baut dort ein als dreiköpfig geplantes Büro auf. Kelley käme für ein erstes Kennenlernen in den nächsten Tagen sehr gerne persönlich bei Ihnen vorbei.»

Lockheeds Strategie ging auf. Viola Amherd und die Schweizer Regierung entschieden sich für ihren Kampfjet. Im Bild: Die Verteidigungsministerin und der Chef der Armee, Thomas Suessli.

Lockheeds Strategie ging auf. Viola Amherd und die Schweizer Regierung entschieden sich für ihren Kampfjet. Im Bild: Die Verteidigungsministerin und der Chef der Armee, Thomas Suessli.

Keystone

Gute Verbindungen in die Armee

Es gab aber auch bei Lockheed Bereiche, die die Firma nicht an die grosse Glocke hängen wollte. Da war etwa eine «Schweizer Soldat»-Connection. So ist Patrick Nyfeler seit 2018 für Lockheed tätig, seit Anfang Jahr Nachfolger von Kelley als Leiter der Berner Niederlassung. Vor 2018 betreute Nyfeler für eine IT-Firma den Topkunden Armasuisse, also den Rüstungsbeschaffer des Bundes, der die Jet-Evaluation durchführte. Nyfeler war bis Mai 2020 stellvertretender Chefredaktor des «Schweizer Soldat». Als Korrespondenten dort arbeitet zudem Generalstabsoberst Jürg Kürsener, der über eine Drittfirma als Berater für Lockheed tätig ist.

Lockheed ist Grossinserent im Blatt und verfügt über beste Verbindungen in der Armeeszene. Von Nutzen war da als Berater mit Sicherheit auch der ehemalige Berner Militärdirektor Hans-Jürg Käser.

Immer wieder meldete sich Lockheed bei den Medien. Für Gespräche mit Kelley in Bern, für Besuche des Werks in Norditalien, für Treffen mit Piloten wie Tony «Brick» Wilson. Immer das gleiche Ziel: Nähe und Vertrautheit schaffen. «Die Türen des Berner Büros und Mikes Telefon ist immer für Sie offen», hiess es wiederholt.

Michael N. Kelley, Geschäftsführer Schweiz, Lockheed Martin

Michael N. Kelley, Geschäftsführer Schweiz, Lockheed Martin

zVg

Kelly hatte offensichtlich den Auftrag, den Jet und die Herstellerfirma in der Schweizer Öffentlichkeit zu verankern, Kritiken am als teuer bekannten «Pannen-Jet» sofort zu kontern. Kelley platzierte rasch und überall die Botschaft, dass der F-35 entgegen aller Gerüchte der günstigste und für die Schweiz beste Jet sei. Die Rechnung ging auf. Zur Überraschung vieler, auch der Konkurrenz, gewann der F-35 das Rennen klar. Kelley hatte seinen Auftrag erfüllt.

Etwas wehmütig reiste er gegen Ende 2020, nachdem Lockheed Martin seine finale Offerte eingereicht hatte, endgültig in die USA zurück. Er war dankbar, wie er einmal sagte, auf dem Höhepunkt der Covid-Krise in der Schweiz zu sein, wo alles unter Kontrolle sei. Das war in Trump-Amerika damals definitiv nicht der Fall.

«Schweiz kommt mir vor wie die Truman-Show»

Angetan hatte es die Schweiz auch anderem Lockheed-Personal. Etwa dem Kampfjet-Pilot Drew «Growler» Allen, der im Juni 2019 am Rande der F-35-Tests in Payerne VD zu CH Media sagte: Die Schweiz sei klein, offen, sauber. «Es kommt mir vor wie die Truman-Show – zu schön, um wahr zu sein.»

Zurück zu Mike Kelley. Er freue sich, schlussendlich das Richtige getan zu haben, schreibt er aus Texas. Er hoffe, eines Tages in die Schweiz zurückzukehren, um alle seine Freunde und Kollegen wiederzusehen. «Aber das wird für Ferien sein, und nicht für Arbeit.»