Was geht in einem Kind vor, wenn der Kopf zehn Jahre älter ist als der Körper? Maximilian Janisch war immer besonders, das brach schon aus ihm heraus, bevor er richtig sprechen konnte. Einmal – der Bub war gerade zweieinhalb – versuchte er auf den Zehenspitzen und mit Nuggi im Mund an die Tasten eines Bancomaten zu kommen. Sein Grossvater hatte den PIN vergessen. Er wusste ihn.

Maximilian, kariertes Hemd, zerzaustes Haar, sitzt auf dem Sofa zu Hause in Meierskappel LU und lacht über die väterliche Anekdote. Der 13-Jährige wirkt wie so viele Teenager: etwas unbeholfen, etwas schlaksig, ein bisschen verlegen. Vorbei sind die Zeiten, als er als Neunjähriger anderen Maturanden Nachhilfe in Mathematik gab. Altklug kam das rüber. Ungewollt, aber wie soll es wirken, wenn ein Kind Dinge erklärt, die andere ein Leben lang nicht verstehen?

In einem Jahr wird Maximilian offiziell die Universität Zürich besuchen und damit zum jüngsten Studenten der Schweiz. «Das ist der Plan», sagt er. Zuerst will er reden. Darüber, warum die Förderung von hochbegabten Kindern in der Schweiz kaum stattfindet, und über seinen eigenen Kampf für mehr Unterstützung. «Auch wenn meine Aussagen nicht den grössten Impact haben werden, so hoffe ich doch, dass andere Kinder von meinen Erfahrungen profitieren.»

Bis heute ist Maximilian der berühmteste Hochbegabte der Schweiz. Mit einem IQ von 149+ sprengt er die gängige Skala. In der 1. Klasse sollte er als Hausaufgabe bis 20 zählen, dabei wusste er, was eine Billion ist. Innert weniger Wochen übersprang er mehrere Klassen. Mit acht landete er am Gymnasium Immensee. Nur ein Jahr später legte er die Mathematik-Matura mit Bestnoten ab. Eine Leistung, wie es in der Schweiz keine vergleichbare gibt.

Der Abschluss war zugleich ein Beginn. Aus dem Hochbegabten wurde ein Medienphänomen. Zeitungen, Radio- und TV-Stationen rissen sich um den damals Neunjährigen. Nicht nur in der Schweiz. Deutsche Sender berichteten über ihn, auch die britische BBC und ein japanisches Magazin: Maximilian, das «Genie», das «Wunderkind», der «Mozart der Mathematik». «Das ist arg übertrieben», sagt Maximilian heute und schmunzelt.

Doch der Hype ging nicht spurlos vorbei. Eine Welle der Empörung schwappte über die Familie. «Rabeneltern», hiess es in Dutzenden Briefen und Tausenden Kommentaren. Man solle Maximilian Kind sein lassen, schrieben sie. Sein Platz sei auf dem Spielplatz, nicht hinter einem verstaubten Mathebuch.

Ein Talent wie Roger Federer

Maximilians Vater Thomas Drisch, ein pensionierter Mathematikprofessor mit grauem Bart, schüttelt den Kopf. «Die grosse Mehrheit der Bevölkerung glaubt, die Kleinen könnten nichts», sagt er, «was für ein Unsinn.» Sein Sohn solle tun, was ihm Spass mache, und das sei nun mal die Mathematik. Ihn stört, dass Maximilian seine Interessen rechtfertigen muss, dass ihn die Menschen lieber bremsen statt fördern. «Hat je einer Roger Federers Vater und Mutter als Rabeneltern bezeichnet?»

Drisch kritisiert, dass es in der Schweiz zwei Dutzend Sportgymnasien und viele Mittelschulen mit Schwerpunkt Musik gibt, doch kein einziges Gymnasium für Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften oder Technik (MINT). «Dabei hängt die Zukunft der Schweiz nicht von der Zahl der Goldmedaillen ab, sondern von der Entwicklung ihrer MINT-Talente.»

Die Förderprogramme, die es heute gibt, würden längst nicht reichen, sagt Drisch. Er will gerade über die Kurse der Integrativen Förderung sprechen (IF), als ihn Maximilian unterbricht. «Sei vorsichtig, was du sagst.» Stille, die beiden schauen sich an – und lachen los. «Ich sage besser nichts», meint der Vater. In früheren Gesprächen sagte er noch: «Das war Müll, eigentlich hätte Maximilian die IF-Lehrerinnen unterrichten müssen.» Aber diesen Kampf will er nicht über die Presse austragen.

Dok-Film über Maximilian Janisch

Ohnehin ist das Verhältnis der Familie zu den Medien gespalten. «Alle wollen zu Maximilian, am besten bis ins Kinderzimmer, und ein Foto schiessen», sagt Drisch, «aber über die Förderung will niemand sprechen.» Dass beide selbst die Hysterie befördern, wenn Maximilian als 11-Jähriger mit dem Vater als Ghostwriter eine Autobiografie veröffentlicht, sieht Drisch nicht. «Es geht nicht um den Hype, es geht immer um die Sache.»

Letztlich hat der Hype auch geholfen. Eigentlich wollte Maximilian nach der Mathe-Matura an die ETH Zürich, die Schweizer Elite-Uni schlechthin. Doch kein Neunjähriger darf hierzulande Student sein. Die besten amerikanischen Hochschulen meldeten sich, Harvard kämpfte um das Mathematik-Talent, doch umziehen kam für die Familie nicht infrage. Maximilian sollte nicht aus seinem Umfeld gerissen werden. Die Sache schien gegessen, bis eines Abends das Telefon klingelte.

Die MINT-Fächer boomen – Mathe wird wieder beliebter

Manchmal fühlt es sich an wie ein Bundesrat in der Endlosschleife: Wirtschaftsminister Johann Schneider-Ammann lässt keine Gelegenheit aus, zu betonen, wie wichtig die MINT-Fächer für die Zukunft der Schweiz sind. Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technologie seien Motor von Innovation und Wirtschaft, die Fächer solle man am besten schon im Kindergarten fördern, wiederholt Schneider-Ammann seit Jahren. Jetzt zeigt sein Appell offenbar Wirkung.

Die Begeisterung für MINT-Fächer ist deutlich gestiegen, wie neuste Zahlen des Bundes zeigen. Immer mehr Studierende nehmen ein MINT-Studium in Angriff. Zwischen 2010 und 2015 stieg der Anteil um 14 Prozent, in allen anderen Fächern lediglich um 5 Prozent. Fachhochschulen spüren den Zuwachs am stärksten (plus 17 Prozent), die Universitäten etwas weniger (plus 12 Prozent), aber noch immer deutlich. Damit beginnt heute jeder dritte Studienanfänger ein Bachelorstudium in Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft oder Technik.

Bundesrat Schneider-Ammann ist nicht der Einzige, den die Zunahme freut. Martin Vetterli, Präsident der ETH Lausanne (EPFL), hebt die Bedeutung der MINT-Fächer im Zeitalter der Digitalisierung hervor. Diese Fähigkeiten würden in fast allen Wirtschaftsbranchen künftig noch wichtiger, sagt er. Doch mehr Studierende bedeutet nicht zwingend bessere. Noch immer haben viele gerade zu Beginn ihres Studiums Mühe. Seit zehn Jahren sinkt an der EPFL die Erfolgsrate der Erstsemestrigen.

Früher fielen 50 Prozent der Studenten durch die Zwischenprüfung nach einem Jahr. Heute sind es 54 Prozent. Besonders in der Mathematik tun sich Studenten schwer. Dabei zählt die EPFL nicht nur zu den besten Hochschulen des Landes, sondern zu den besten weltweit. Eine Garantie für Spitzenleistung ist das gerade zu Beginn nicht. «Viele Erstsemestrige müssen sich erst an das Tempo der EPFL gewöhnen», sagt Vetterli. Die Hochschule gibt im ersten Jahr Hilfestellung mit Onlinekursen.

Für den ehemaligen SP-Nationalrat Rudolf Strahm ist es dennoch ein Irrweg zu glauben, die Wissensgesellschaft erfordere immer mehr Leute an den Universitäten. Es gäbe heute einige Länder, die deswegen in der Akademisierungsfalle steckten. Zwar begrüsst Strahm die Entwicklung, denn die Hochschulen müssten sich stärker nach den Bedürfnissen des Markts richten, was bei MINT-Fächern der Fall sei. Trotzdem liege der Schlüssel zur Bewältigung der digitalen Revolution im lebenslangen Lernen – über alle Bildungsstufen hinweg. «Die Wirtschaft funktioniert bei uns nach wie vor besser, weil auch 30- oder 40-Jährige über eine höhere Berufsbildung die neusten digitalen Kompetenzen erwerben», sagt Strahm. Yannick Nock

Michael Hengartner, Rektor der Universität Zürich, war am anderen Ende der Leitung. Er hatte den Rummel um Maximilian verfolgt und bot ihm ein spezielles Programm an. Nicht als Student im Hörsaal, aber als Schüler im Privatunterricht. «Ich bin der Meinung, dass jeder junge Mensch das Anrecht hat, so gefördert zu werden, wie es für ihn am besten ist», sagt Hengartner. Und er hatte den passenden Mentor, einen 40-jährigen Mathematik-Professor, der selbst ein hochbegabtes Kind war. «Ich konnte damals an keinem Förderprogramm teilnehmen», sagt Camillo De Lellis. «Maximilian soll es besser haben, deshalb helfe ich.»

Uni Zürich sucht nach Lösung

Alle zwei Wochen unterrichtet er den 13-Jährigen am Mathematischen Institut der Universität Zürich. «Ich habe nie eine solche Begabung gesehen wie bei ihm», sagt Mentor De Lellis. Maximilian hat bereits einige Prüfungen des Bachelor-Studiums abgelegt, bald erreicht er das Niveau eines Masterstudenten. Angerechnet wurden ihm seine Leistungen nicht. Wieder betritt Maximilian Neuland. Das Schulsystem ist auf einen wie ihn nicht vorbereitet. Gemäss Statuten muss er zuerst in allen Fächern die Matura absolvieren, dafür büffelt er derzeit am Gymnasium Immensee. Englisch und Französisch sind kein Problem, beides spricht er fliessend. Mühe hat er nur in einem Fach. «Also in der Geografie bin ich doch eher schlecht.» Schlecht heisst bei ihm: Note 4.

Mit dem Abschluss kommen die nächsten Fragen. Was passiert mit all den Prüfungen, die er bereits an der Universität abgelegt und mit Bestnoten bestanden hat? Sind sie wirklich wertlos? «Wir werden eine Lösung finden», verspricht Rektor Hengartner. Sie müsse fair gegenüber Maximilian, aber auch gegenüber allen anderen Studenten sein. Womöglich kann Maximilian die Resultate mündlich zügig bestätigen. Damit würde er auf einen Schlag seinen Bachelor machen – mit 15.

Silicon Valley und ein Nobelpreis?

Nächstes Jahr könnte Maximilian im Hörsaal mit Masterstudenten sitzen. Noch immer wird der Kopf älter sein als der Körper. Wo wird das enden? Darf man Grosses von ihm erhoffen? «Jede Erwartung ist unsinnig», sagt sein Vater. Es habe Hochbegabte gegeben, denen nie eine Entdeckung gelang, und weniger begabte, die den Nobelpreis erhielten. Maximilian kümmern solche Gedankenspiele nicht, einzig, wo er neben der Universität Zürich studieren möchte, weiss er schon: in Stanford, Herz des Silicon Valley.

Doch zuerst will er das Schweizer Schulsystem verändern. Hochbegabte Kinder sollen – anders als er – nicht abhängig vom Einsatz eines Universitäts-Rektors sein. Talent müsse auf allen Stufen gefördert werden, sagt er. Egal ob am Gymnasium Immensee, an der Universität Zürich oder in Stanford. Ein Wunderkind mit klarem Ziel, ein Wunderkind, das erwachsen wird.