47 Menschen starben am 21. Februar 1970 in Würenlingen beim Swissair-Absturz – ausgelöst von einer Bombe, die an Bord explodiert war. Es ist bis heute der grösste Terroranschlag, der jemals die Schweiz erschütterte.

Im Oktober 1970 reichte der leitende Untersuchungsrichter der Staatsanwaltschaft Bülach Robert Akeret seinen 165-seitigen Schlussbericht bei der Bundesanwaltschaft ein. Für Akeret waren die Täter zweifelsfrei ermittelt: Bei den Attentätern handelte es sich um Terroristen der palästinensischen Befreiungsorganisation PLO. 

Dennoch schlief das Strafverfahren gegen die tatverdächtigen Jordanier Sufian Radi Kaddoumi und Badawi Mousa Jawher ein.

Flugzeugabsturz Würenlingen

Eigentlich schon verjährt

Zum 25. Jahrestag des Absturzes der Swissair-Coronado 1995 wurde die damalige Bundesanwältin Carla Del Ponte auf den «vergessenen» Fall Würenlingen aufmerksam. Inzwischen war das schreckliche Verbrechen nach schweizerischem Recht bereits fünf Jahre verjährt. Dies hielt die schon damals als beharrlich bekannte Tessinerin nicht davon ab, das Verfahren wieder aufzunehmen.

Ihr Adjunkt erhielt den Auftrag, einen Weg zu finden, den Fall wieder aufzurollen. So durchforstete er zwei Wochen lang sämtliche Fallakten, bis er schliesslich etwas fand. Er teilte Bundesanwältin Del Ponte, er habe einen Hinweis gefunden, bei dem «wir uns auf den Standpunkt stellen können, der Coronado-Fall sei unverjährbar», zitiert die «NZZ» aus einem bisher unveröffentlichten Dokument aus dem Bundesarchiv. Dabei handelte es sich um das Protokoll eines anonymen Telefonanrufs.

Neues Buch, brisante Enthüllungen

Neues Buch, brisante Enthüllungen

Der Flugzeugabsturz von Würenlingen soll nie aufgeklärt worden sein, um die Schweiz vor Anschlägen zu schützen. Dies behauptet ein NZZ Journalist in seinem Buch.

Der juristische Kniff

Dieser Anruf ging 1970 zwei Tage nach dem Bombenanschlag in der Swissair-Zentral in Zürich ein: «Hier spricht die palästinensische Befreiungsfront. Wir werden so lange Bomben werfen, bis die Winterthurer Helden frei sind», drohte der Anrufer mit fremdländischem Akzent. Die besagten «Helden» waren drei Mitglieder einer palästinensischen Kommandogruppe, die kurz zuvor wegen eines tödlich verlaufenen Überfalls auf ein Flugzeug in Kloten zu langjährigen Freiheitsstrafen verurteilt worden waren.

Carla Del Ponte nutzte also eine simple Notiz zu einer vergleichsmässig harmlosen Attentatsdrohung, um das Verfahren wieder aufzunehmen – und als unverjährbar zu erklären. Dies war ihr dank eines juristischen Kniffs möglich: Das Schweizerische Strafgesetzbuch sah dies vor, wenn «erpresserische Drohungen gegen die schweizerischen Behörden» vorliegen (Art. 75bis Abs. 1 Zif.3 alt StGB). 

Offiziell wurde der Grund aber nie bekannt gegeben, was unter anderem zu Spekulationen führte, dass die palästinensische Seite massiven Druck auf die Schweizer Behörden ausgeübt hätte.

Heimlich ad acta gelegt

Und dennoch: Weniger als fünf Jahre nach Del Pontes Schachzug – inzwischen war die Bundesanwältin bereits am UNO-Kriegsverbrechertribunal in Den Haag – wurde das unverjährbare Strafverfahren am 3. November 2000 eingestellt.

Die Einstellung wurde verstohlen und unbeachtet verfügt – es gab weder eine Medienmitteilung noch wurden die Angehörigen der Opfer und die übrigen Behörden informiert.

Doch warum legte Del Ponte den Fall ad acta? Gab es externe Einflüsse – wie ein geheimes Stillhalteabkommen mit der Palästinensischen Befreiungsorganisation (PLO) vom Herbst 1970. So soll gemäss «NZZ»-Recherchen soll der damalige SP-Bundesrat Pierre Graber einen Kuhhandel mi den Terroristen geschlossen haben: Die Schweiz setzt sich diplomatisch für die palästinensische Sache ein – im Gegenzug gerät sie nicht mehr in deren Fadenkreuz.

Wie der Bundesrat 2009 in einer Interpellationsantwort schrieb geschah die Verfahrenseinstellung, «weil nicht genügend Elemente vorlagen, um die mutmasslichen Täter zu identifizieren und zu verhaften». Die vergangene Zeit habe die Spuren des Attentats weiter verwischt.

Auftraggeber in Syrien

Offenbar soll im Fall Würenlingen schon früh auch der Schweizer Geheimdienst ermittelt haben, schreibt die «NZZ» unter Berufung auf die Auswertung weiterer Dossiers im Bundesarchiv. Verschiedene Geheimdienste sind sich sicher, dass der Syrer Ahmed Jibril der Auftraggeber des Bombenattentats ist. Jibril kämpft bis heute als Chef einer Splittergruppe der palästinensischen Volksbefreiungsfront PFLP in Syrien an der Seite von Präsidenten Bashar al-Asad. (edi)