In Jacques Dubochets Jugend sah es nicht danach aus, als würde er je eine wissenschaftliche Karriere machen. Denn seine Legasthenie beeinträchtigte seine Leistungen in der Mittelschule. Und dies nicht nur in den sprachlichen Fächern, wie er gestern an der Pressekonferenz der Uni Lausanne sagte: «Ich wurde immer schlechter in allen Fächern.» So schlecht, dass es schliesslich nicht mehr reichte.

Doch seine Eltern glaubten an ihn und steckten ihn in die Kantonsschule in Trogen, Appenzell Ausserrhoden. So schaffte Dubochet dann doch noch die Matur, Voraussetzung für das Studium. Über die Physik kam er zur Biologie. Bereits 1969, als 27-Jähriger, begann er an der Universität mit Untersuchungen der DNA mit dem Elektronenmikroskop – jenem Fachgebiet, in welchem er nun mit dem Chemienobelpreis ausgezeichnet worden ist.

Chemie-Nobelpreis: Jacques Dubochet im Video-Interview

  

Kleinsten Strukturen widmete er seine berufliche Karriere. Dabei verlor er aber nie den Blick für die Welt ausserhalb des Labors. An den Universitäten Genf und Basel habe er von seinem Doktorvater Eduard Kellenberger nicht nur Biophysik gelernt, sondern auch ethische Verantwortung und dauerhafte Freundschaft, schreibt er in seinem Lebenslauf. Und offenbar ist es ihm dann auch gelungen, diese Werte zu leben, als er am Europäischen Labor für Molekularbiologie (EMBL) in Heidelberg seine eigene Gruppe leitete.

«Ein sanfter Philosoph»

Alasdair McDowall, inzwischen Direktor eines Forschungszentrums am California Institute of Technology, hat in der entscheidenden Zeit in Heidelberg mit Dubochet gearbeitet. «Er war ein sehr sanfter Philosoph», erzählt McDowall. Demütig, nie autoritär, sei er aufgetreten, und doch sei er in seinem grossen Team der Leader und Denker gewesen. Dubochet habe sich neben Biologie und Physik auch für Kunst und Musik interessiert. Gleichzeitig habe er sich stark eingesetzt für die Karrieren der jungen Wissenschafter.

Den Durchbruch mit der Kryo-Elektronenmikroskopie erzielte die Gruppe um Jacques Dubochet dann Anfang der Achtzigerjahre in Heidelberg. Das renommierte Wissenschaftsmagazin «Nature» lehnte die Publikation der Ergebnisse zuerst ab, er konnte sie nur im «Journal of Microscopy» platzieren. «Vier Jahre später waren wir dann auf der Titelseite von ‹Nature›», erzählt McDowall.

Als Dubochet vor zwei Jahren in Heidelberg mit einem Alumni-Award ausgezeichnet wurde, bezeichnete er die Phase dort als beste Zeit seines Lebens. «Meine Kinder kamen zur Welt, ich hatte meine besten wissenschaftlichen Momente und habe noch immer viele Freunde da.» Trotzdem nahm er eine Professur in Lausanne an und zog zurück in den Kanton, in dem er geboren wurde. Zwanzig Jahre lang blieb er dort angestellt, bis zu seiner Pensionierung im Jahr 2007. Zwischendurch hatte er sich allerdings Zeit genommen für ein Sabbatical, in welchem er unter anderem mit seinem Forscherkollegen McDowall durch Australien reiste.

In den vergangenen zehn Jahren hat sich der inzwischen 75-Jährige weiterhin an der Universität engagiert, wo er unter anderem einen Kurs zum Thema «Biologie und Gesellschaft» gab. Daneben ist er auch politisch aktiv, er sitzt für die SP im Parlament von Morges. Und fällt auch dort dadurch auf, dass er nicht nur die Details im Blick hat. Der Gemeindepräsident und Parteikollege Vincent Jacques sagt: «Dubochet strebt langfristige Lösungen an und widmet sich den Problemen der Welt.» So bringe er nationale oder gar internationale Sichtweisen in die Kommunalpolitik. Besonders am Herzen liegen dem Wissenschafter Themen der Energie, nachhaltigen Entwicklung und Umwelt. Die Politik verbindet ihn auch mit seiner Frau Christine, einer Künstlerin, die bis vor kurzem ebenfalls im Gemeindeparlament war, allerdings für die Grünen.

Die Frau und eines seiner beiden erwachsenen Kinder begleiteten ihn gestern an die Medienkonferenz an die Universität Lausanne. Der Preisträger trat in Sandalen und kurzärmligem Hemd auf, wirkte locker, zeigte den Humor, für den er bekannt ist, und bezeichnete einen Forscherkollegen scherzhaft als Guru. Fast schon enthusiastisch wirkte der Nobelpreisträger. Offenbar liess die Anerkennung selbst einen Menschen, der durchweg als bescheiden beschrieben wird, nicht ganz kalt.