AKW-Sicherheit
Wie AKW-Betreiber das Erdbebenrisiko nach unten korrigierten

Ein Dokument zeigt, wie die Betreiber strengere Vorschriften verhindert haben. 2005 korrigierte die damalige Aufsichtsbehörde die Erdbebenrisiken für die vier Schweizer Atomkraftwerke auf Druck der Betreiber nach unten.

Lorenz Honegger
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Ein bisher unveröffentlichtes Papier des Atom-Dachverbandes Swissnuclear wirft ein schiefes Licht auf den jüngsten Entscheid des Eidgenössischen Nuklearsicherheitsinspektorats (Ensi), den Schweizer Atomkraftwerken einen vorläufigen Persilschein in Sachen Erdbebensicherheit auszustellen (az von gestern). Ein Swissnuclear-Verantwortlicher hat das Dokument, das der az vorliegt, in Zusammenarbeit mit zwei anderen Experten im Jahr 2010 im Vorfeld einer Konferenz zum Thema Erdbebensicherheit verfasst.

Risiko nach unten korrigiert

Der elfseitige Bericht beschreibt auf Englisch, wie die Vorgängerbehörde des Ensi – die Hauptabteilung für die Sicherheit der Kernanlagen (HSK) – die Resultate der ersten Erdbebensicherheitsstudie «Pegasos» im Sommer 2005 auf Druck der Schweizer Atomkraftwerkbetreiber aufweichte. Gemäss dem Papier drängten die Betreiber von Mühleberg, Beznau, Leibstadt und Gösgen die damalige Atomaufsicht dazu, die von der «Pegasos»-Expertengruppe erarbeiteten Risikoannahmen für die Schweizer AKW um 20 Prozent nach unten zu korrigieren.

Pikant: Die Betreiber hatten die Studie zwar selber finanziert, es dann aber verpasst, an den entscheidenden Sitzungen der «Pegasos»-Gruppe teilzunehmen, und waren daher komplett überrascht von den Resultaten.

Nachrüstungen umschiffen

Der Befund der «Pegasos»-Expertengruppe verhiess in der Tat nichts Gutes für die Stromproduzenten: Die Gruppe war nach vierjähriger Arbeit zum Schluss gekommen, dass das Risiko einer Atomkatastrophe auf Schweizer Boden wegen der neu berechneten Erdbebengefahr doppelt so gross sei, wie bis zu diesem Zeitpunkt angenommen.

Sabine von Stockar, AKW-Expertin bei der Schweizerischen Energie-Stiftung (SES), sagt, den Betreibern sei es in diesem Moment darum gegangen, «grosse oder unmögliche Nachrüstungen» zu verhindern, die aufgrund der neuen Erdbebenrisiken nötig geworden wären.

Die Aufsichtsbehörde HSK gab dem Druck der Betreiber nach, reduzierte die Risikowerte und bestellte gleichzeitig eine neue Untersuchung, die sogenannte «Pegasos»-Verfeinerungsstudie, die ebenfalls von den AKW-Betreibern finanziert wurde.

Optimistischere Einschätzung

Die Verfeinerungsstudie hat nun laut SES-Expertin von Stockar durchgehend tiefere Erdbebenrisiken zutage gefördert als der erste «Pegasos»-Bericht aus dem Jahr 2004. Aus diesem Grund sieht das Ensi derzeit keine Veranlassung, den AKW-Betreibern grössere Nachrüstungsprojekte zur Erhöhung der Erdbebensicherheit aufzubrummen. Die definitiven Ergebnisse der Verfeinerungsstudie werden zwar erst Ende Jahr vorliegen, doch es wäre eine immense Überraschung, wenn dann plötzlich wieder höhere Risikowerte publiziert würden.

Das Ensi verteidigt die optimistischere Risikoeinschätzung in der neuen «Pegasos»-Studie mit den Argumenten, dass die Berechnungsmethoden der Expertengruppe präziser geworden seien und die Unsicherheiten abgenommen hätten.

Auch Swissnuclear geht davon aus, dass die Verfeinerungsstudie eine «kleinere Bandbreite an Unsicherheiten» aufweisen wird, da man auf neue Standortuntersuchungen und andere Daten habe zurückgreifen können. «Eine abschliessende Aussage über die Unsicherheiten lässt sich aber erst machen, wenn die endgültigen Resultate bekannt sind», erklärt Philipp Hänggi von Swissnuclear.

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