Tabak

«Wichtiger als das Werbeverbot ist die Clique, in der sich die Teenager bewegen»

Kodex-Gründer Hubert Ruf (72) hat sein Suchtmittelpräventionsprogramm 1988 lanciert. Wer mitmacht, erhält zum Abschluss jeder Kodex-Stufe eine Medaille und eine Urkunde.

Kodex-Gründer Hubert Ruf (72) hat sein Suchtmittelpräventionsprogramm 1988 lanciert. Wer mitmacht, erhält zum Abschluss jeder Kodex-Stufe eine Medaille und eine Urkunde.

Hubert Ruf hat vor 30 Jahren das älteste Suchtpräventionsprogramm der Schweiz lanciert – wegen einer tragischen Begegnung in Südamerika. Heute ist er einer der erfolgreichsten Suchtverhinderer des Landes.

Es ist ein düsteres Bild, das das Initiativkomitee der Volksinitiative «Ja zum Schutz der Kinder und Jugendlichen vor Tabakwerbung» an der Medienkonferenz am Dienstag in Bern zeichnete. Die Schweizer Teenager: ein wehrloser Spielball der Tabakindustrie, den Umgarnungsversuchen der Zigaretten-Multis wehrlos ausgeliefert. Um die Jugendlichen zu schützen, gäbe es deshalb nur eines, glauben die Initianten: ein verschärftes Werbeverbot für Tabakprodukte.

Das sei ja gut und recht, sagt Hubert Ruf (72), Präsident der Kodex-Stiftung, dem ältesten Suchtmittelpräventionsprogramm der Schweiz. Doch das Werbeverbot alleine bringe nicht viel, wenn man dem Treiben der Tabakmultis etwas entgegensetzen und die Jugend wirklich schützen wolle. «Die Werbung ist sekundär», sagt Ruf. «Wichtiger als das Werbeverbot ist die Clique, in der sich die Teenager bewegen.»

"Die Initiative bringt Zähne"

"Die Initiative bringt Zähne"

Tabakwerbeverbot-Initiant Hans Stöckli (SP/BE) im Kurz-Interview.

Das soziale Umfeld also, das ist in Rufs Augen nebst der Rolle des Elternhauses der Knackpunkt, wenn es darum geht, junge Menschen vom Rauchen abzuhalten. Und da will der pensionierte Thurgauer Sekundarlehrer mit seinem politisch und konfessionell unabhängigen Kodex-Programm ansetzen.

Wer durchhielt, erhält eine Medaille

Das Grundprinzip von Kodex ist heute noch das gleiche wie damals im Sommer 1988, als Ruf im Frauenfelder Schulhaus Reutenen sein Projekt lancierte. Er informierte seine Siebtklässler in jenem Sommer über die Gefahren von Tabak und Drogen und bot ihnen an, dass sie freiwillig ein Jahr lang auf Tabakprodukte, Alkohol, Drogen und nicht benötigte Medikamente verzichten sollten. Wer es durchzog, erhielt am Ende des Jahres eine Kodex-Bronze-Medaille. Nach dem zweiten Jahr dasselbe in Silber, nach dem dritten Jahr dann schliesslich in Gold.

Die Kontrolle über die Einhaltung der Regeln liegt bei den teilnehmenden Schülern. «Die Grundidee ist, dass jeder für sich den bewussten Entscheid fällt, nichts mit den Substanzen zu tun haben zu wollen – und zwar auch ohne Kontrolle durch die Lehrpersonen oder die Eltern», betont Ruf. Das Prinzip sei nicht der warnende Mahnfinger, das Prinzip sei die Belohnung für jene, die es freiwillig durchziehen.

1988 machten fünf Schüler mit, 1989 waren es 48, 1990 bereits 136. Dieses Jahr sind 6048 Jugendliche an 105 Schulen in den Kantonen Thurgau, St. Gallen, Schaffhausen und den beiden Appenzell mit von der Partie. «Die Referate in den siebten Klassen halte ich längst nicht mehr selber. Das machen Studierende», erzählt Ruf.

Ganz zurückgezogen hat er sich allerdings nicht, im Gegenteil. Seit seiner Pensionierung steckt er jährlich rund 1200 Arbeitsstunden in sein Lebenswerk. Er ist Präsident der Kodex-Trägerstiftung. Daneben gibt es 35 regionale Kodex-Vereine, die die Kodex-Feiern durchführen, an denen die Jugendlichen ihre Auszeichnungen abholen können.

40'000 Auszeichnungen

Am 10. März überreichte Ruf die 40'000. Kodex-Auszeichnung an einer Feier in der Stadt St. Gallen. Das Lokalfernsehen wollte ihn interviewen, das SRF fragte für ein Porträt an. Doch Ruf sagte beiden ab. Die Jugendlichen sollten im Zentrum stehen, nicht er. Dabei wäre Kodex ohne seinen Kampf nie zu einer der erfolgreichsten privaten Suchtpräventionskampagnen des Landes geworden.

Dass Hubert Ruf überhaupt auf das Thema Suchtprävention aufmerksam wurde, hat mit einer Begegnung im Jahr 1986 zu tun. Ruf arbeitete damals an der Schweizer Schule im peruanischen Lima und trainierte nebenher die schuleigene Fussballmannschaft. «Ich habe hautnah miterlebt, wie einer unserer besten Spieler immer stärker in die Drogenszene abdriftete und sich schliesslich völlig fallen liess», erzählt Ruf.

Für ihn war das ein Schlüsselerlebnis. «Ich habe damals den Entschluss gefasst, alles daran zu setzen, meine Schülerinnen und Schüler vor den Gefahren von Suchtmitteln zu schützen.» Zurück in der Schweiz holte er sich Rat bei Experten, fackelte nicht lange und lancierte Kodex.
Finanziell unterstützt wird das Programm unter anderem mit einem Leistungsauftrag der Thurgauer Regierung. Rufs Initiative ist in der Ostschweiz derart gut verankert, dass es Firmen gibt, die Lehrstellen primär an erfolgreiche Kodex-Absolventen vergeben.

Und auch im Rest des Landes schimmert allmählich durch, was Hubert Ruf in der Ostschweiz geschaffen hat. «Ich erhalte immer wieder Anfragen, zuletzt aus dem Kanton Aargau, aus Olten, Basel und dem Wallis», erzählt Ruf. Ohne finanzielle Unterstützung der Kantone könne das Programm aber nicht weiter expandieren. Vor Jahren hat er einmal beim Bundesamt für Gesundheit angeklopft. «Die waren begeistert, wollten aber kein Geld sprechen», sagt Ruf und lächelt.

Ziel: ein nationales Programm

Sein Ziel wäre es, Kodex dereinst als nationales Programm aufzuziehen. Nicht, weil er findet, dass zu wenig gemacht werde in der Schweiz, aber weil er überzeugt ist, dass es beim Thema Suchtprävention generell weniger warnende Finger und mehr positive Anreize braucht. Zudem sei Kodex niederschwellig, einfach und nicht extremistisch. «Wir haben die Alkoholregel beispielsweise vor Jahren gelockert. Ab 16 dürfen auch Kodex-Teilnehmende in Übereinstimmung mit dem Jugendschutzgesetz ab und zu etwas trinken», sagt Hubert Ruf.

Eine private Initiative, die einen Beitrag zur Gesunderhaltung der Jugendlichen leistet, die Eigenverantwortung der 12- bis 16-Jährigen fördert, kaum bürokratischen Aufwand verursacht, mit einem Budget von gerade mal 120'000 Franken pro Jahr in fünf Kantonen operiert und schon drei Anerkennungspreise erhalten hat, die dürfte selbst jenen gefallen, die die Pläne der Tabakwerbeverbots-Initianten als «dogmatisch» und «bevormundend» verschreien. Beim Schweizerischen Gewerbeverband hat Ruf noch nicht angeklopft. Vielleicht wäre er da erfolgreicher als bei den Berner Bürokraten.

Mehr Infos zum Kodex-Programm unter www.kodex.ch

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