Winter
Wetterchaos: Diese sieben Fakten müssen Sie kennen

Jeden Tag messen 200 Lawinenbeobachter den Schnee. Das sind die Hintergründe über die Prognosen und Gefahren von Lawinen.

Annika Bangerter
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Die Autobahn A2 ist aufgrund eines Lawinenabgangs vorläufig gesperrt. (Archivbild)
44 Bilder
Ganz in der Nähe von Zermatt ging am Montagnachmittag eine Lawine nieder.
Ein Murgang blockiert am Montag die BLS Bergstrecke oberhalb von Gamsen im Gemeindegebiet Naters.
Aufgrund ergiebiger Schneefällen und Regenschauer erfolgte eine Schlammlawine, die sich über das Geleise bewegte.
Schneechaos im Engadin.
Die riesigen Neuschneemengen erlauben derzeit in Davos keine Kundgebung.
Mit dieser Argumentation hat der Kleine Landrat ein Demonstrationsgesuch abgelehnt. (Archivbild)
Kopie von Schneechaos in der Schweiz
Andermatt (UR) ist einer von fünf Bergsportorten, die von der Aussenwelt abgeschnitten sind.
Ein Rundgang durch das verschneite Andermatt.
Ein Rundgang durch das verschneite Andermatt.
Die Gemeindenachrichten waren online wohl einfacher erhältlich.
Autos, Geleise oder Werbeplakate versinken in Goms im Schnee.
Der Schnee hat auch Davos im Griff: Polizisten schaufeln den Weg vor dem Kongresszentrum frei, wo morgen das WEF startet.
Verschneite Geleise beim Bahnübergang Clavadelerstrasse in Richtung Bhf Davos Platz
Ein Tourist fotografiert das zugeschneite Kongresszentrum, wo morgen das WEF startet.
Zermatt und Andermatt sind von der Aussenwelt abgeschnitten und nur noch über Luft erreichbar.
Zurzeit befinden sich rund 9000 Touristen in Zermatt.
Aufgrund erhöhter Lawinengefahr sind die Strassen nicht mehr befahrbar.
Laut SRF Meteo kommen bis Dienstagmorgen im Alpenraum noch einmal grosse Neuschneemengen zusammen.
Gebietsweise seien schon bis zu drei Metern Schnee gefallen.
Eine Familie wartet mit ihrem Gepäck auf den Hubschrauber.
Die Air Zermatt bestreitet die Luftbrücke.
Zermatt ist wegen heftigen Schneefalls von der Aussenwelt abgeschnitten.
Zermatt kann nur über einen Helikopter erreicht oder verlassen werden.
Die Menschen stehen Schlange, um ein Ticket für den Helikopter zu ergattern, der sie aus Zermatt fliegt.
Der Andrang ist gross.
Die Air Zermatt bestreitet die Luftbrücke.
Die Bahn fährt nicht. Zermatt ist nur über die Luft erreichbar.
Schneeräumung in Täsch.
Weitere Bilder aus Zermatt und Täsch.

Die Autobahn A2 ist aufgrund eines Lawinenabgangs vorläufig gesperrt. (Archivbild)

KEYSTONE/TI-PRESS/GABRIELE PUTZU

1. Die aktuelle Lage wird mit dem Lawinenwinter von 1999 verglichen. Wie lässt sich eine ähnliche Katastrophe verhindern?

Erstmals seit 1999 hat das Institut für Schnee- und Lawinenforschung (SLF) die Situation wieder grossflächig mit der höchsten Gefahrenstufe eingeschätzt. Stephan Harvey, Lawinenexperte am SLF, sagt, dass die Dimensionen der aktuellen Schneemassen zwar ähnlich wie 1999 seien. Doch: «Ob die Situation tatsächlich vergleichbar ist, wissen wir noch nicht. Das hängt vom Ausmass der Lawinenaktivität ab, welches momentan noch nicht bekannt ist», sagt er.

Einen Unterschied gibt es gemäss Harvey aber bereits jetzt: «Aus der Katastrophe von 1999 wurden Lehren gezogen.» Die Sicherheitsverantwortlichen seien nun besser ausgebildet, die Messgeräte und Informationsmöglichkeiten weiter entwickelt und die Behörden stärker sensibilisiert. «Das zeigt sich in den Vorsichtsmassnahmen, die aktuell ergriffen werden. Strassen werden frühzeitig gesperrt und Gebäude rasch evakuiert», so Harvey.

2. Wo ist die Lawinengefahr gegenwärtig am grössten?

Die Lawinengefahr ist vielerorts in den Alpen gross oder sehr gross. Höchststufe 5 gilt vom Wallis über das Gotthardmassiv und das Glarnerland bis nach Nordbünden. Das bedeutet, dass in diesen Gebieten «viele grosse und sehr grosse spontane Lawinen» zu erwarten sind. Sie können bis weit in die Täler vordringen.

Experten erwarten auch sogenannte Staublawinen. Diese entstehen meistens aus Schneebrettlawinen. Bei grosser Fallhöhe und genügend Schneemenge vermischt sich der Schnee mit Luft. Die Kräfte solcher Lawinen seien immens, sagt Stephan Harvey: «Sie zerstören Gebäude und mähen Wälder regelrecht um.» Deshalb sei es zwingend, sich an die Anordnungen der Behörden zu halten.

3. Wie lässt sich die Lawinengefahr überhaupt messen?

Trotz 3D-Modellen, Drohnen und Experimenten im Labor lässt sich bis heute nicht im Detail vorhersagen, wann und wo eine Lawine losbricht. «Die Eigenschaften des Neuschnees können sich stündlich verändern», sagt Lawinenexperte Harvey. Prognosen seien jedoch durch Modelle und Dateninterpretationen möglich.

Diese erstellt das SLF aufgrund von Angaben der 170 Messstationen in den Schweizer Alpen, Erfahrungswerten und Informationen von rund 200 ausgebildeten Beobachtern. Zweimal pro Tag publiziert das SLF auf dieser Basis ein Lawinenbulletin. Es kann im Internet oder mit der App «White Risk» abgerufen werden.

4. Weshalb braucht es Lawinen-Beobachter?

Die Technik, die zuverlässig die Lawinengefahr berechnet, gibt es noch nicht. Lawinenabgänge oder lokale Einschätzungen lassen sich bislang nicht automatisch und flächendeckend erfassen. Deshalb bildet das SLF in sämtlichen Bergregionen ortsansässige Beobachter aus. Ihr beruflicher Hintergrund ist breit: Dem Netzwerk gehören Bauern ebenso wie Bergführer an.

Vom 1. November bis zum 30. April messen sie täglich, wie viel Neuschnee vor ihrer Haustür liegt, und halten fest, wie sich die Schneedecken in ihrer Umgebung verändern. Die Daten übermitteln sie elektronisch an die Lawinenforscher. «Ohne diese Informationen würden die Lawinenprognosen qualitativ deutlich schlechter ausfallen», sagt Harvey.

5. Wie lässt sich ein Bergdorf vor Lawinen schützen?

Fehlt das natürliche Bollwerk in Form eines Waldes, können Dörfer, Strassen und Infrastruktur durch Stützverbauungen, Galerien, Dämme oder gezielte Sprengungen geschützt werden. Diese Massnahmen gibt es vielerorts erst seit dem Lawinenwinter 1950/51. Damals rissen die Schneemassen rund 100 Menschen mit sich und zerstörten mehr als tausend Gebäude.

6. Weshalb schneit es im Moment so stark, wenn doch der Klimawandel für höhere Temperaturen verantwortlich sein soll?

Es sei aussergewöhnlich, dass im Januar bereits derart viel Schnee liegt, sagt Lawinenexperte Stephan Harvey. Doch dieser begrenzt sich auf höher gelegene Bergregionen. In tiefen Lagen regnet es; hier gibt es deutlich weniger Tage mit Schneefall als noch vor 40 Jahren.

7. Wann entspannt sich die Lage?

Gemäss «SRF Meteo» schneit es im Alpenraum bis Dienstagmorgen. Harvey sagt: «Mit dem Niederschlagsende wird sich die Situation vorerst rasch beruhigen. Die Folgeprozesse müssen aber genau beobachtet werden.»