Leitartikel
Westschweiz machts vor: Rauchfrei gehts bestens

«Sind Sie Raucher oder Nichtraucher? Diese Frage wird in der aktuellen Diskussion jeweils als Erstes gestellt. Also: Ich bin Nichtraucher. Allerdings kein militanter. Sondern ein liberaler», schreibt Christian Dorer in seinem Leitartikel.

Christian Dorer
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Die Initiative "Schutz vor Passivrauchen" will schweizweit schärfere Rauchverbote (Symbolbild)

Die Initiative "Schutz vor Passivrauchen" will schweizweit schärfere Rauchverbote (Symbolbild)

Keystone

Jeder soll sein Leben gestalten, wie er will. Mir gehen Gesundheitsfanatiker auf die Nerven, die allen vorschreiben wollen, was sie zu tun und zu lassen hätten – und am liebsten auch die Cremeschnitte, die Bratwurst und das Feierabendbier verbieten würden.

Es gehört auch zur persönlichen Freiheit, Lastern zu frönen, Nikotin einzuatmen und der eigenen Gesundheit zu schaden. Allerdings gilt aus einer liberalen Optik der Umkehrschluss ebenso: Niemand soll zu alledem gezwungen werden. Denn die persönliche Freiheit hört dort auf, wo sie andere einschränkt, also zum Beispiel dort, wo andere passiv mitrauchen müssen. Diese Einsicht hat sich durchgesetzt. Deshalb wurden die Gelegenheiten, wo geraucht werden darf, bereits massiv reduziert – in manchen Kantonen mehr, in anderen weniger.

Das Verblüffende dabei: Diese Einschränkungen gingen völlig problemlos vonstatten, und kaum jemand wünscht sich die früheren Zustände zurück. Ich gebe es zu: Ich war 2005 gegen das komplette Rauchverbot in Zügen, das die SBB damals einführten. Weil ich damit rechnete, künftig würden weniger Leute Zug fahren. Ich habe mich geirrt: Innert weniger Wochen war das neue Regime akzeptiert. Den grössten Quantensprung brachte dann das neue Bundesgesetz zum Passivrauchen von 2010. In Bars und Restaurants gilt seither im Prinzip Rauchverbot. Der Effekt ist derselbe wie nach Einführung des Rauchverbots in Zügen: Man gewöhnte sich rasch daran. Weil es viel angenehmer ist, wenn man nicht mehr nach jedem Ausgang alle Kleider waschen muss.

Die Gegner der Initiative argumentieren, die bereits erfolgten Verschärfungen machten die Initiative überflüssig. Für acht Kantone ist das tatsächlich so: In den beiden Basel, in St. Gallen, Genf, Neuenburg, Fribourg, im Wallis und in der Waadt gilt genau das, was die Initiative will – dass niemand unfreiwillig zum Passivraucher wird. In allen anderen Kantonen sind heute bediente Fumoirs – also ein abgetrennter Raucherraum im Restaurant – und zum Teil sogar reine Raucherbeizen erlaubt. Diese Ausnahmen werden zum Teil exzessiv ausgereizt. Beispiel Kanton Aargau: Da wird in 500 Betrieben nach wie vor geraucht. 200 davon sind reine Raucherbeizen, die heute bis zu einer Grösse von maximal 80 Quadratmetern erlaubt sind. Die übrigen 300 haben bediente Fumoirs eingerichtet – oder eben auch flugs die Gaststube zum «Fumoir» erklärt und die Nichtraucher in einen Nebenraum verbannt. Das war nicht die Idee des Gesetzes von 2010. Sollte die Initiative angenommen werden, so haben diejenigen Schlaumeier dazu beigetragen, die die heutige Regelung mit kreativen Kniffs umgehen.

Chefredaktor Christian Dorer Christian Dorer, Chefredaktor az Aargauer Zeitung

Chefredaktor Christian Dorer Christian Dorer, Chefredaktor az Aargauer Zeitung

AZ

Gern wird das Argument des freien Wettbewerbs ins Feld geführt – dass also jeder selber entscheiden könne, ob er in eine Raucherbeiz geht oder nicht. In der Theorie mag das stimmen, in der Praxis nicht: Welches Vorstandsmitglied der Musikgesellschaft nimmt nicht an der Sitzung teil, weil diese in einer Raucherbeiz stattfindet? Wer verzichtet auf das Bier nach dem Fussballtraining, wenn das nächstgelegene Lokal halt eine Raucherbeiz ist und alle Kollegen dorthin gehen? Noch immer müssen Nichtraucher zu oft passiv mitrauchen, auch wenn sie das nicht wollen. Das will die Initiative beenden – und dagegen ist nichts einzuwenden. Selbst aus liberaler Optik nicht: Im Einzelbüro, im Auto, in der guten Stube, unter freiem Himmel, also überall, wo niemand beeinträchtigt wird, kann jeder so viel paffen, wie er will.

Die USA gelten als Vorbild einer freiheitlichen Gesellschaft – in Sachen Rauchen jedoch gilt null Toleranz. Ebenso in Australien. Trotzdem gewinnt man nicht den Eindruck, dass die Menschen dort weniger gesellig sind als in unseren verrauchten Spelunken. Den Westschweizern wird gern nachgesagt, sie würden alles etwas lockerer nehmen. Ausgerechnet sie jedoch leben bereits heute sehr gut mit jener restriktiven Nichtraucher-Regelung, die die Initiative verlangt. Das zeigt: Sie ist praxistauglich. Sie kann einfach umgesetzt werden. Und es würde wohl dasselbe passieren wie mit allen vorangegangenen Verschärfungen auch: Man gewöhnt sich rasch daran.

Bleibt die Angst um das Gastgewerbe, das ohnehin schwierige Zeiten durchmacht. In einer mehr aufs Privatleben fokussierten Gesellschaft verliert der Stammtisch an Kunden, wegen der tieferen Promillegrenze sinkt der Alkoholkonsum. In der Schweiz gibt es zu viele Restaurants, als dass alle überleben könnten – unabhängig von der Raucherfrage. Die Folgen eines Rauchverbots sind nicht eindeutig: Gewisse Kunden bleiben aus und konsumieren ihr Bier mit Zigarette zu Hause.

Dafür kommen neue Gäste – Familien, Mütter mit Kindern. Die Aussage sei gewagt: Wenn ein Gastrobetrieb in Existenznot gerät, dann nicht wegen des Rauchverbots. Wird die Initiative angenommen, dürfen die Wirte trotzdem nicht ganz vergessen werden: Erst 2010 ist das aktuelle Rauchergesetz in Kraft getreten. Viele haben damals für viel Geld bediente Fumoirs eingerichtet. Weil Rechtssicherheit ein hohes Gut ist, müsste der Bund eine Lösung finden, um den finanziellen Schaden dieser Betriebe abzufedern. Alles andere wäre gegen Treu und Glauben.