Die Mängelliste beim vielkritisierten AKW Mühleberg ist lang: So etwa verfügt das AKW für Reaktor und Brennelementbecken nur über Kühlwasser aus der Aare. Sollten die Aare-Zugänge nach einer Katastrophe mit Schlamm und Geröll verstopft sein, kann kein Kühlwasser mehr zugeführt werden. Dennoch darf das Werk am Netz bleiben. Der Grund: «Das sind Schwachstellen, aber diese wiegen aus Sicherheitsüberlegungen weniger schwer als die Ausserbetriebnahmekriterien», erklärt Georg Schwarz, Geschäftsleitungsmitglied des eidgenössischen Nuklearsicherheitsinspektorats Ensi gegenüber der Zeitung „Der Sonntag".

Bei diesen macht das Ensi nun Ernst: Bis zum 30. Juni 2011 müssen alle AKW-Betreiber müssen beweisen, dass ihre Werke in Bezug auf die Hochwasser-Gefährdung den strengeren Kriterien gerecht werden, welche die neuen, geplanten AKW hätten erfüllen müssen. Zudem müssen sie darlegen, dass ihre Kühlwasserfassungen verstopfungssicher sind.

Mühleberg steht zu tief

Mühleberg II hätte aufgrund von Überschwemmungsszenarien auf einer Plattform stehen sollen, Mühleberg I steht nicht auf einer erhöhten Terrasse. Ob das Werk die strengeren Kriterien erfüllen kann, ist fraglich. Bis zum 31. März 2012 müssen die AKW-Betreiber nachweisen, dass nicht nur die Reaktoren, sondern auch die Staudämme in der Nähe der Werke den neuen, strengeren Erdbebenstandards genügen, welche von der Pegasos-Studie abgeleitet werden. Das war bis anhin nicht der Fall. «Die Staudämme sind in der Schweiz alle noch nach den alten Erdbeben-Auflagen gerechnet. Und die alten waren halb so hoch wie die neuen», erklärt Schwarz.

Das trifft Mühleberg ganz besonders. Denn dort liegt die 1920 fertiggestellte Staumauer nur rund 1,5 Kilometer vom AKW entfernt. «Die BKW muss belegen können, dass der Wohlensee-Staudamm gemäss den neuen Daten hält», sagt Schwarz. «Das hat noch niemand gerechnet.» Falls die AKW die Ensi-Auflagen nicht erfüllten, würden sie vom Netz genommen, betont Schwarz. Während der Analysezeit hingegen dürfen die Werke weiterlaufen, so steht es in der entsprechenden Verordnung. «Der Zeitplan ist sportlich», sagt Schwarz.

Ultimatum bis Ende August

Zusätzlich müssen die AKW auch die vom Ensi definierten «Schwachstellen» eliminieren. Bis Ende August müssen sie «Lösungsvorschläge und den dazu passenden Zeitplan abliefern», sagt Schwarz. Das Ensi wird die Antworten dann bis Ende Oktober prüfen und allenfalls Forderungen nachschieben. Mühleberg muss also eine Alternative zur Aare präsentieren. «Bis zum 31. August muss die BKW aufzeigen, woher sie das Wasser holen will», sagt Schwarz. «Sie kann einen Brunnen bauen oder eine erdbebensichere Leitung legen oder sonst etwas.» Die neuen Ensi-Auflagen kommen die AKW teuer zu stehen. «Das interessiert mich nicht», sagt Schwarz. «Das Ensi darf darauf keine Rücksicht nehmen.» Die Beznau-Betreiberin Axpo rechnet mit einem zweistelligen Millionenbetrag.

Bei der BKW gehen interne Erwartungen von Beträgen in zwei- oder gar dreistelliger Millionenhöhe aus. «Die Auflagen sind einschneidend und haben hohe Investitionskosten zur Folge», sagt BKW-Präsident Urs Gasche. «Deshalb werden wir genau prüfen, ob sich diese rechnen oder wir andernfalls das KKW Mühleberg früher vom Netz nehmen.»