Hochschulen
Wer wird Präsident der ETH Zürich? Ein Romand ist in der Poleposition

Lange Suche, kurze Amtsdauer: Wer Präsident der ETH Zürich wird, ist weiter unklar. Doch es gibt einen Favoriten.

Yannick Nock
Merken
Drucken
Teilen
21000 Studierende aus über 120 Ländern: Die ETH Zürich zählt zu den besten Hochschulen der Welt.

21000 Studierende aus über 120 Ländern: Die ETH Zürich zählt zu den besten Hochschulen der Welt.

KEYSTONE

Kaum ein Tag vergeht, ohne dass ein neuer Name im beliebten Ratespiel «Wer wird Bundesrat?» durch die Medien walzt. Kaum eine Woche, in der nicht neue Analysen zu den Wahlchancen verfasst werden. Doch in der aufgeheizten Debatte geht eine andere Vakanz unter. Dabei strahlt die Position ebenfalls über sämtliche Landesgrenzen hinaus.

Noch immer ist offen, wer neuer Präsident der ETH Zürich wird. Das ist umso erstaunlicher, als dass die Hochschule zu den zehn besten Universitäten der Welt zählt – und Studenten, Professoren und Firmen aus allen Kontinenten anzieht. Wer an vorderster Front der ETH steht, steht auch an vorderster Front der Schweiz. Nur: Wer soll es sein?

Seit Lino Guzzella im Mai nach nur vier Jahren im Amt seinen Abschied angekündigt hat, ist es still geworden um mögliche Nachfolger. Namen geistern kaum durch die Medien. Es ist eine unspektakuläre Suche nach einem spektakulären Kandidaten. Und die Zeit drängt.

In weniger als drei Monaten soll der Nachfolger an der ETH starten. Allerdings halten sich Bundesrat und der zuständigen ETH-Rat bedeckt. Wie viele Bewerbungen es gibt? Tue nichts zur Sache. Ob schon jemand abgesagt hat? Kein Kommentar. Wann ein Nachfolger verkündet wird? Unklar.

Viele gehen zu schnell

Wer allerdings mit Professoren, Rektoren und Bildungspolitikern spricht, kommt an einem Namen nicht vorbei: Physiker Joël Mesot. Seit 2008 leitet er das Paul-Scherrer-Institut in Villigen AG als Direktor und hält eine Doppelprofessur an der ETH Zürich und der ETH Lausanne. Er selbst will sich auf Nachfrage nicht äussern, auch der ETH-Rat möchte «keine Namen kommentieren».

Doch Mesot ist bei den Professoren sehr angesehen, seine Arbeiten sind vielfach ausgezeichnet. Und zwei weitere wichtige Kriterien sprechen für ihn: Erstens ist Mesot Schweizer. In der Romandie geboren mit Studium in Zürich, ist er in beiden Landesteilen zu Hause.

Joël Mesot.

Joël Mesot.

Zwar gibt es Stimmen wie jene des ehemals obersten Rektors der Schweiz, Antonio Loprieno, der glaubt, dass nicht mehr zwingend ein Schweizer gewählt werden muss. Bisher war lediglich Olaf Kübler (1997 bis 2005) kein Schweizer, sondern Deutscher. Doch auch Loprieno hält Mesot für eine «hervorragende Wahl».

Ein ETH-Präsident muss die hiesige Bildungslandschaft bis ins kleinste Detail kennen. Neben der strategischen Führung weibelt er auch im Parlament für die Anliegen der Hochschule. Ein schwieriges Unterfangen für Persönlichkeiten aus dem angelsächsischen Raum. Zu wissen, wie man Parlamentarier von SP bis zur SVP packt, gehört – neben dem wissenschaftlichen Leistungsausweis – zum Anforderungsprofil.

«ETH Zürich hat ein Problem»

Zweitens spricht für Mesot, dass er mit 54 Jahren über ein Jahrzehnt vom Pensionsalter entfernt ist. In der Stellenbeschreibung des ETH-Rats heisst es explizit, dass zwei Amtszeiten gewünscht sind – also mindestens acht Jahre. Das war zuletzt nicht der Fall.

Einer, der weiss, was ein ETH-Präsident können muss, ist Patrick Aebischer. Er machte aus der einst provinziellen ETH Lausanne (EPFL) eine Hochschule von Weltformat. Seine Ziele erreichte er manchmal mit brachialen Methoden, manchmal mit ruhiger Überzeugungsarbeit, doch immer mit Westschweizer Charme.

«Die ETH Zürich hat ein Problem, wenn ihre Präsidenten nur kurz im Amt bleiben», sagt Aebischer, der selbst 16 Jahre die EPFL leitete. Im selben Zeitraum gaben sich in Zürich fünf Präsidenten die Klinke in die Hand. Dabei kam es auch zu kurzen, einjährigen Intermezzi. Einzig Ralph Eichler, Vorgänger von Lino Guzzella, blieb acht Jahre.

Rektorin als Interimslösung?

Zürich brauche jemanden, der Visionen habe und die Hochschule langfristig führe, sagt Aebischer. «Schauen Sie sich die besten Präsidenten an», sagt er. «John Hennessy prägte Stanford 16 Jahre als Präsident.» Die Hochschule gilt als Herz des Silicon Valley und Kaderschmiede künftiger Führungskräfte in Wirtschaft und Politik. Dass in Zürich noch kein Nachfolger verkündigt wurde, spricht laut Aebischer für eine Schweizer Lösung. Denn eine lange Kündigungsfrist samt Umzug in die Schweiz kann dauern.

Doch auch ob hiesige Persönlichkeiten ihren alten Job bis zum 1. Januar verlassen können, ist fraglich. Es sei denn, die Person kommt aus dem ETH-Bereich – wie Mesot. Notfalls wird der ETH-Rat eine Interimslösung präsentieren. Die Rektorin, Sarah Springman, dürfte dann bis auf weiteres einspringen.

Das Parlament wählt die nächsten Bundesräte am 5. Dezember. Ob bis dahin auch der nächste ETH-Zürich-Präsident bereit steht, hängt davon ab, wie die Gespräche mit Mesot verlaufen.