Seit längerem wird über einen baldigen Rücktritt von FDP-Bundesrat Johann Schneider-Ammann spekuliert. Der 63-Jährige sei gesundheitlich angeschlagen und müde, heisst es – ein Eindruck, der sich bei einigen Parlamentsdebatten im September verfestigte, als er wirr und gedanklich abwesend wirkte. Spätestens mit Erreichen des Pensionsalters Anfang 2018 werde Schneider-Ammann den Hut nehmen, glaubt in Bundesbern jeder.

Ebenfalls noch in dieser Legislatur zurücktreten dürfte CVP-Magistratin Doris Leuthard, die Schneider-Ammann im Januar im Bundespräsidium ablösen wird. 2018 wird sie auf zwölf Jahre in der Regierung zurückblicken – eine sehr lange Zeit. Bereits überlegt sich die Energieministerin, was sie danach tun könnte: «Denkbar ist ein Engagement in der Privatwirtschaft, etwas Karitatives oder Internationales», sagte sie vor ein paar Tagen.

Beste Aussichten, die amtsmüden Bundesräte zu beerben, haben zwei Bündner Ständeräte: Selbst halten sich Martin Schmid (FDP) und Stefan Engler (CVP) zurzeit bedeckt – wohlwissend, dass allzu früh geäussertes Interesse eher kontraproduktiv wirken könnte. «Die Frage einer Kandidatur stellt sich nicht, solange kein Sitz frei ist», sagt Schmid. Engler stellt klar: «Ich stehe nicht auf dem Spielfeld.» Ein Hintertürchen aber lässt auch er offen.

Gleichzeitig portieren sich die Ständeräte, die in den Nullerjahren in der Kantonsregierung gut zusammenarbeiteten, gegenseitig: «Schmid hat das Zeug zum Bundesrat, er bringt alle Fähigkeiten mit», sagt der CVP-Mann. Der FDPler retourniert das Lob: «Engler ist in Bern ausgezeichnet vernetzt und kommt bei allen Parteien gut an.»

Ostschweiz lädt zur Aussprache

Das Rennen um die Nachfolge der Bundesräte Schneider-Ammann und Leuthard hat in den letzten Tagen an Fahrt aufgenommen: Gestern lud die Ostschweizer Regierungskonferenz (ORK) die Spitzen der vier Bundesratsparteien zu einer Aussprache. Ziel: Die Ostschweiz müsse zurück in den Bundesrat – seit dem Rücktritt von Eveline Widmer-Schlumpf vor bald einem Jahr nämlich regiert die östliche Landeshälfte nicht mehr mit. Das Treffen mit den Parteichefs Gerhard Pfister (CVP) und Albert Rösti (SVP) sowie den Vizepräsidenten Andrea Caroni (FDP) und Barbara Gysi (SP) sei sehr positiv verlaufen, sagt der St. Galler Finanzchef und ORK-Präsident Benjamin Würth. «Wir konnten sie für unsere Interessen sensibilisieren – in der Ostschweiz wird ein Achtel der Schweizer Wirtschaftsleistung erbracht und lebt ein Siebtel der Bevölkerung.»

Ostschweizer Politiker jeglicher Parteien wollen ihre Region bald wieder im Bundesrat vertreten sehen. «Seit letztem Jahr werden wir von fünf Burgundern und nur zwei Alemannen regiert», sagt der St. Galler FDP-Nationalrat Walter Müller, die Berner Vertreter Schneider-Ammann und Simonetta Sommaruga der Westschweiz zurechnend. «Wäre es umgekehrt, gäbe es riesigen Klamauk.» Korrekturen zu fordern, sei nicht nur legitim, sondern staatspolitisch geradezu notwendig. Das sieht auch der St. Galler CVP-Nationalrat Markus Ritter so: «Die Ostschweiz liegt weit weg von Bern. Ohne Stimme in der Regierung geht unser Landesteil vergessen.» Der Glarner SVP-Ständerat Werner Hösli hingegen glaubt weniger ans «Konstrukt» Ostschweiz: «Wichtiger ist mir, dass der Alpenbogen in der Regierung vertreten ist – egal ob mit der Ostschweiz, der Zentralschweiz oder dem Wallis.» Als Glarner teile er mit einem Urner oder Walliser mehr Interessen als etwa mit einem Schaffhauser. Seine Bündner Ratskollegen Schmid und Engler aber gäben auch in seinen Augen fähige Bundesräte ab.

Hoffnung auf einen Bundesratssitz hegt auch die Zentralschweiz, die seit dem Rücktritt des freisinnigen Kaspar Villiger vor 13 Jahren keinen Bundesrat mehr stellte. Während das Rennen bei der CVP völlig offen scheint, dürfte die Ostschweiz bei der FDP im Vorteil sein, da sie mit Schmid und Karin Keller-Sutter gleich über zwei valable Kandidaten verfügt. Fraglich ist aber, ob die St. Galler Ständerätin überhaupt antreten will: Seit ihrer Niederlage gegen Schneider-Ammann vor sechs Jahren schloss sie eine zweite Kandidatur immer kategorisch aus. Nun aber versucht sie ihr Leibblatt «St. Galler Tagblatt» mit einer mehrtägigen Medienkampagne umzustimmen. «Der Druck in der FDP, eine Frau zu portieren, ist derart gross, dass Keller-Sutter die besseren Karten haben könnte als Martin Schmid», glaubt der Bündner CVP-Nationalrat Martin Candinas.