Wochenkommentar
Wer Wasser predigt, soll auch Wasser trinken

Politiker sind auch Menschen mit Stärken und Schwächen. Wenn sie jedoch öffentlich gewisse Werte propagieren und im Privaten gegenteilig handeln, kommt dies scheinheilig daher. Der Wochenkommentar von az-Chefredaktor Christian Dorer.

Christian Dorer
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Von links: Thomas Minder (Parteilos), Alex Hürzeler (SVP) und Hans Fehr (SVP).

Von links: Thomas Minder (Parteilos), Alex Hürzeler (SVP) und Hans Fehr (SVP).

Keystone

Regierungsrat Alex Hürzeler bestellt sein Fertig-Holzhaus in Deutschland - obwohl seine Partei, die SVP, gern auf «Schweizer Qualität» pocht und zum Beispiel interveniert hat, als das Bundeshaus mit Fenstern aus Tschechien und SBB-Schienen mit Schwellen aus Polen versehen wurden.

SVP-Nationalrat Hans Fehr beschäftigt schwarz eine Asylbewerberin als Putzhilfe - obwohl er sich gern als Hardliner profiliert und schon Sätze gesagt hat wie: «Wenn man eines Schwarzarbeiters habhaft wird, muss das Recht seinen Weg nehmen.» Und: «Erwerbsarbeit während des Asylverfahrens ist zu verbieten.»

Der parteilose Ständerat Thomas Minder warnt, die Zuwanderung schade der Schweiz, und kämpft an vorderster Front für die Masseneinwanderungsinitiative - obwohl er derzeit per Stelleninserat im Konstanzer «Südkurier» deutsche Arbeiter für seine Mundwasser-Firma sucht.

Nun gibt es natürlich viele Schweizer, die in Deutschland einkaufen oder Putzarbeiten schwarz ausführen lassen. Es gibt auch viele Firmen, die ihre Angestellten jenseits der Landesgrenze suchen. Werden also aus Mücken Elefanten gemacht? Beklagt der Aargauer SVP-Kantonalpräsident Thomas Burgherr zu Recht «diesen Medienrummel»?

Unsere Politiker sind Bürger wie wir alle, mit ihren Stärken und Schwächen. Auch Politiker werden, wie die meisten von uns, schwach, wenn es um den eigenen Vorteil geht. Und doch unterscheidet den Politiker etwas Wesentliches vom Normalbürger: Er kämpft als Vertreter einer Partei für bestimmte Werte und für ein bestimmtes Weltbild. Dafür wurde er gewählt. Deshalb ist es legitim, dass er die Gesellschaft so gestalten will, wie er es für richtig erachtet. Aber es ist ebenso legitim, dass die Öffentlichkeit prüft, ob politischer Inhalt und gelebte Wirklichkeit übereinstimmen. Ob, wer Wasser predigt, auch selber Wasser trinkt. Oder den Wein vorzieht, wenn er für die eigene Kehle bestimmt ist.

Die Bundeshausjournalisten in Bern wissen immer mal wieder von Liebesbeziehungen, die eine knackige Schlagzeile hergeben würden - und trotzdem wird nicht darüber geschrieben. Auch im Aargau gäbe es pikante Geschichten aus dem Leben von Politikern zu erzählen. Auch das bleibt privat, weil auch Personen des öffentlichen Lebens das Recht auf Privatsphäre haben. Solange sie nicht einer Doppelmoral überführt werden.

Wenn aber etwa der verheiratete, fünffache Vater und US-Republikaner Ted Haggard gegen Schwule und gegen ausserehelichen Sex wettert und dann mit einem Callboy erwischt wird, dann gehört das ebenso angeprangert wie Widersprüche auf linker Seite: Wenn Unia-Funktionäre für Mindestlöhne kämpfen und in den gewerkschaftseigenen Hotels weniger zahlen. Oder wenn sich sozialistische französische Minister auf die Schweiz einschiessen und ihr Geld trotzdem hierherbringen, um Steuern zu umgehen. Wenn die Zürcher SP-Bildungsdirektorin Regine Aeppli die öffentliche Schule über den grünen Klee lobt und mehr Geld dafür will, ihre Kinder aber in die Privatschule schickt.

Wir wollen keine Eunuchen in der Politik. Sondern glaubwürdige Frauen und Männer. Jeder macht Fehler, das ist verzeihbar. Aber
jeder soll doch bitteschön das vorleben, was er selber von anderen einfordert.

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