Es ist ein Vorfall besonderer menschlicher Tragik: Am 4. Juli 2014 treffen in Brig zwei völlig gegensätzliche Gruppen aufeinander. Da 36 Flüchtlinge, die ohne gültige Papiere nach Paris reisen wollten, dort Schweizer Grenzwächter, die den Auftrag haben, die Flüchtlinge rasch nach Italien zurückzubringen.

Es ist Ferienzeit. Wegen des hohen Passagieraufkommens müssen die Flüchtlinge mehrere Züge abwarten, bis sie nach Domodossola weiterreisen können – unter ihnen eine junge Syrerin, die im siebten Monat schwanger ist. Es kommt zu Komplikationen. Die Schwangere erleidet eine Totgeburt.

Seither ist die Syrerin traumatisiert. Sie und ihre Angehörigen werfen den Grenzwächtern vor, trotz wiederholtem Bitten keinen Arzt gerufen zu haben. Auch dem Einsatzleiter des Grenzwachtkorps (GWK) ging der Vorfall nahe, er war zeitweise krankgeschrieben, arbeitet heute aber wieder zu 100 Prozent.

Seit Mittwoch wird ihm vor dem Militärgericht 4 in Bern der Prozess gemacht. Am Tag zwei nahm der Angeklagte, für den die Unschuldsvermutung gilt, zu den Vorwürfen Stellung: An jenem Nachmittag habe er zuerst im Büro gearbeitet, sagte er leise und hastig. Später sei er einmal im Raum gewesen, in dem die Frau auf einer Pritsche lag. «Ich habe nicht wahrgenommen, dass es ein Problem gab.» Unruhe habe keine geherrscht und auch aus dem Verhalten des Ehemanns sei nicht ersichtlich geworden, wie schlecht es der Schwangeren ging. Auch seine Dienstkollegen hätten es nicht für nötig gehalten, einen Arzt anzufordern. «Diesen Entscheid habe ich mitgetragen.» Wäre es ihm, als ranghöchstem GWK-Mitglied, vorbehalten gewesen, eine Ambulanz zu rufen? Nein, betonte er. «Jedermann wäre zuständig gewesen» Von «kollektivem Korps-Versagen» sprach denn auch sein Pflichtverteidiger und verwies darauf, dass 24 Grenzwächter sowie mehrere Polizisten vor Ort waren.

Erst auf dem Weg zum Zug nach Domodossola, als die Frau gestützt werden musste, hat der Angeklagte die Notlage realisiert und unverzüglich die italienischen Kollegen darüber unterrichtet. Gestern sagte er, dass es in der Vergangenheit «leider immer wieder vorgekommen ist, dass Menschen simulierten, um im letzten Moment einer Rückschaffung nach Italien zu entgehen». Im Anschluss folgten die Plädoyers des Auditors, eine Art Staatsanwalt des Militärs, der Geschädigtenvertreterin sowie des Pflichtverteidigers. Das Urteil wird am 7. Dezember erwartet.