Gemeinderatswahlen
Wer steigt ein beim Ammann-Roulette?

Weniger als drei Monate vor den Gemeindewahlen gibt es in Wohlen offiziell noch keine Kandidaten für die Posten des Ammanns. Umso stärker brodelt die lokale Gerüchteküche. Die AZ Freiamt wirft einen Blick in die Töpfe und sagt, wer Chancen hat, am 27. September gewählt zu werden.

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Roulette

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Aargauer Zeitung

Fabian Hägler

«Hello, I am the chief of Wohlen», soll Walter Dubler an der Soundarena im Jahr 2001 gesagt haben, als er im Backstagebereich die Stars von Status Quo begrüsste. Der Status quo, also eine unveränderte Situation, herrschte seither auch an der Spitze der Wohler Regierung. Dubler wurde 1997 zum Gemeindeammann gewählt und in den Jahren 2001 und 2005 jeweils klar bestätigt.

Heute ist die Situation aber völlig anders. 87 Tage vor den Gemeindewahlen am 27. September ist weder klar, ob Walter Dubler für eine vierte Amtszeit kandidiert, noch gibt es bisher öffentlich bekannte Gegenkandidaten.

Immerhin steht seit Sonntag fest, dass der künftige Wohler Gemeindeammann sein Amt im 100-Prozent-Pensum ausüben wird. Wer aber vom 1. Januar an im Zimmer 111 im ersten Stock des Wohler Gemeindehauses sitzen wird, scheint derzeit völlig offen.

Noch bis zum 31. Juli haben potenzielle Kandidatinnen und Kandidaten Zeit, sich auf der Wohler Gemeindekanzlei anzumelden. Die AZ Freiamt wagt schon jetzt den Blick in die Kristallkugel und sagt, wie der künftige Gemeindeammann heissen könnte.

Bürgerliche präsentieren Kandidaten

«Man soll nie zu früh eine Kandidatur bekannt geben», erläuterte SVP-Einwohnerrat Peter Tanner sein Credo für einen erfolgreichen Wahlkampf kürzlich in seinem Leserbrief. Nun scheint es aber doch so weit, dass die bürgerlichen Kräfte in Wohlen ihre Karten aufdecken. Für heute Donnerstag ist eine Medienkonferenz mit Vertretern von CVP, EVP, FDP, Freis Wohle und SVP angesagt. Einer der Programmpunkte lautet dabei: «Präsentation der Kandidaten für Gemeindeammann und Vizeammann: Die Vertreter der Parteien stellen je ihre eigenen Kandidaten vor.» Weil sich Amtsinhaber Walter Dubler weiterhin bedeckt hält, wird sein potenzieller Herausforderer also feststehen, bevor klar ist, ob der heutige Ammann wieder kandidiert. Anders als in früheren Jahren ist diesen Herbst das Wahlverfahren. Erstmals werden Gemeinderat und Gemeindeammann im selben Wahlgang bestimmt. Konkret bedeutet dies, dass sich Kandidaten für das Ammannamt bereits jetzt entscheiden und bis am 31. Juli anmelden müssen. Früher war es möglich, den ersten Wahlgang für den Gemeinderat abzuwarten und danach als Gemeindeammann anzutreten. Möglich sind heute zwei Szenarien. Erstens: Einer der bisher schon bekannten bürgerlichen Gemeinderatskandidaten (Ruedi Donat, Paul Huwiler, Matthias Jauslin, Toni Schürmann, Marlis Spörri, Urs Stäger) ändert seine bisherige Ansicht und gibt seine Kandidatur für das Ammannamt bekannt. Zweitens: Eine weitere, bisher nicht nominierte Person kandidiert neu für den Gemeinderat und tritt zugleich auch als Gemeindeammann an. (fh)

Der amtierende Ammann

Walter Dubler (parteilos): Der heutige Gemeindeammann, seit 1998 im Amt, hat sich bisher noch nicht zu einer Kandidatur geäussert. Pro: Das Volk hat das Vollamt für den Gemeindeammann bestätigt. Und aus der Bevölkerung ist kaum Kritik an Dubler zu vernehmen, nur seine politischen Gegner greifen ihn an. Verzichtet Dubler auf eine Kandidatur, so entgeht ihm eine Abgangsentschädigung von über 190 000 Franken. Contra: Dubler wird (auch von Gemeinderatsmitgliedern) teilweise heftig kritisiert. Die Vertrauensbasis für eine konstruktive
Zusammenarbeit ist im Gemeinderat derzeit nicht mehr vorhanden.

Die erklärten Dubler-Gegner

Jean-Pierre Gallati (SVP): Dublers erklärter Gegenspieler hat den Ammann immer wieder angegriffen. An der letzten Einwohnerratssitzung sagte Dubler mehrfach: «Kandidieren Sie doch, Herr Gallati, wenn Sie alles besser wissen und können.» Pro: Gallati gilt als blitzgescheiter Schnelldenker, der innerhalb von Kommissionen, Arbeitsgruppen oder anderen Gremien bei weitem nicht derart polemisiert wie als Oppositionsführer im Einwohnerrat. Contra: Gallati ist für viele gemässigte Bürgerliche nicht wählbar, weil seine SVP im Stil sehr unzimperlich auftritt. Ausserdem hat der Anwalt und Grossrat selber eine Kandidatur ausgeschlossen. Die SVP nominierte Marlis Spörri und Urs Stäger für den Gemeinderat, stellt aber laut eigener Mitteilung keine Kandidaten für den Gemeindeammann.

Benno Kohli (FDP): Neben Gallati der zweite grosse Dubler-Kritiker. Kohli sagt offen, der nächste Wohler Ammann dürfe nicht Walter Dubler heissen. Auch in Sachfragen (Bau-ressort) übt der örtliche FDP-Präsident harte Kritik am heutigen Ammann. Pro: Die FDP gibt mit dem Verzicht von Harold Külling einen Sitz im Gemeinderat kampflos ab. Mit einer eigenen Kandidatur könnte Kohli dies verhindern. Und: Wer ständig Attacken reitet, muss auch Alternativen bieten. Contra: Der FDP-Vorstand hat bisher einzig Matthias Jauslin als Gemeinderat vorgeschlagen und will offensichtlich keine Ammann-Kandidatur eingehen.

Guido Benz (CVP): In seinem Leserbrief vom vergangenen Freitag schrieb der Finanzfachmann, er werde eine Wiederwahl Dublers bekämpfen. Benz hatte den Gemeindeammann immer wieder kritisiert, weil sich dieser weigerte, langfristige Planungen wie etwa das Legislaturprogramm an die Hand zu nehmen. Pro: Benz ist einerseits in der CVP gut verankert, andererseits als unabhängiger, kritischer Einwohnerrat auch bei rechten Kräften angesehen. Er ist pensioniert und müsste darum keinen Beruf aufgeben als Ammann. Contra: Benz ist Präsident der Finanzkommission und Mitglied der Schulpflege. Es ist fraglich, ob er diese Ämter aufgeben will. Und: Die CVP hat Paul Huwiler und Ruedi Donat als offizielle Gemeinderatskandidaten nominiert und festgehalten, sie stelle keinen Ammann-Kandidaten.

Die bisherigen Gemeinderäte

Matthias Jauslin (FDP): Der Finanzvorsteher legte Dubler am Sonntag nahe, nicht mehr zur Wahl als Gemeindeammann anzutreten. Jauslin wird vom FDP-Vorstand als Gemeinderatskandidat nominiert. Pro: Jauslin gilt, trotz vier verlorenen Abstimmungen hintereinander, als Machertyp mit Zukunftsvisionen, wurde mit starkem Resultat in den Grossen Rat gewählt. Contra: Der FDP-Mann steht laut eigener Aussage für ein Vollamt nicht zur Verfügung. Seine Verpflichtungen als Inhaber/Geschäftsführer einer Elektro-installationsfirma, Grossrat und hundertprozentiger Ammann liessen sich kaum miteinander vereinbaren.

Paul Huwiler (CVP): Der Bisherige tritt im Herbst wieder an als Gemeinderat, wobei Huwiler auch Ambitionen auf das Amt des Gemeindeammanns nachgesagt werden. Bisher hat sich Huwiler nicht derart aus dem Fenster gelehnt wie Jauslin - vielleicht ist dies taktische Zurückhaltung? Pro: Huwiler gilt als realistischer Sachpolitiker, der lieber argumentiert als polemisiert. Er ist ein klassischer Mann der Mitte, in der aktuellen Situation in Wohlen sicher kein Nachteil. Contra: Die CVP hat Huwiler als Gemeinderat nominiert, aber wie FDP und SVP mitgeteilt, sie stelle keine Kandidaten für das Ammannamt. Und es ist zumindest fraglich, ob der 49-jährige Softwarespezialist seinen Job aufgeben möchte.

Die übrigen "Verdächtigen"

Maja Meier (Freis Wohle): Nach dem Verzicht von Doris Becker überlegt sich Meier eine Kandidatur für den Gemeinderat - möglich, dass für sie auch das Ammannamt eine Option wäre. Pro: Maja Meier hat sich als Einwohnerrätin in den letzten Jahren profiliert, sie geniesst breite Anerkennung von links bis rechts, wo sie als einstige SVP-Frau auch herkommt. Contra: Freis Wohle ist derart heterogen zusammengesetzt, dass Meier keine sichere «Hausmacht» hinter sich wüsste wie andere Parteivertreter. Offen ist, ob Meier ihr Engagement in einer Fuhrhalterei, den Job als Hausfrau und den Posten des Ammanns kombinieren könnte.

K oni Gfeller (FDP): Immer wieder ist der Name des amtierenden Einwohnerratspräsidenten zu hören, wenn es um potenzielle Kandidaten für das Amt des Ammanns geht. Pro: Der Weg über mehrere Jahre im Einwohnerrat und dessen Präsidium ist durchaus üblich für Exekutivämter. In den letzten beiden Jahren hat es Gfeller geschafft, das Wohler Gemeindeparlament weitgehend souverän zu führen. Contra: Gfeller hätte sich als Mitglied der FDP offiziell portieren lassen können für den Gemeinderat. Die Freisinnigen treten aber nur mit Matthias Jauslin an - und eine wilde Kandidatur entspricht nicht Gfellers Charakter.

Ariane Gregor (CVP): Die Präsidentin der Geschäfts-prüfungskommission hat beim Referendum gegen das Teilamt einen klaren Sieg gelandet. Offiziell steht sie für den Gemeinderat und das Ammannamt nicht zur Verfügung. «Die Partei hat Paul Huwiler und Ruedi Donat nominiert, das akzeptiere ich», sagt Gregor. Pro: Nach dem Rücktritt von Doris Becker fehlt im Gemeinderat eine Frau. Ariane Gregor schliesst eine Kandidatur nicht kategorisch aus, bei einem zweiten Wahlgang könnte sie möglicherweise zum Thema werden. Contra: Ariane Gregor sagt selber, sie sei mit ihrem Pensum als Mutter von vier Kindern und einer 30%-Stelle ausgelastet. Es ist fraglich, wie eine wilde Kandidatur Gregors (neben dem bisherigen Gemeinderat Huwiler und Fraktionschef Donat) in der CVP-Wählerschaft aufgenommen würde.

Arsène Perroud (SP): Bisher stellen die Sozialdemokraten keine Kandidatur für den Gemeinderat. «Wir sind auf der Suche», liess Parteipräsident Arsène Perroud kürzlich dazu verlauten. Allzu weit müsste der Wohler Jugendarbeiter gar nicht suchen . . . Pro: Arsène Perroud ist ein profilierter Politiker, der sich in den letzten Jahren im Einwohnerrat mit seinen Voten viel Respekt geholt hat. Die SP ist im Dorfparlament mit fünf Sitzen vertreten, Perroud selber ist Vizepräsident. Die linken Kräfte sind bei der heutigen Pressekonferenz der Ammann-Kandidaten nicht vertreten - das könnte auf eine Überraschung hindeuten. Contra: Perroud steht heute einen Schritt vor dem Amt als Einwohnerratspräsident. Er ist relativ jung und könnte auch in vier Jahren für ein Amt in der Wohler Exekutive kandidieren.

Bruno Bertschi (SVP): Der ehemalige Grossrat wird immer wieder genannt, wenn es um Kandidaten der Volkspartei geht. Bertschi hat seine Firma verkauft und wäre als Pensionierter «frei» für den Posten des Wohler Gemeindeammanns. Pro: Bertschi ist ein politisches Urgestein mit jahrelanger Erfahrung auf lokaler und kantonaler Ebene. Für alle rechtsbürgerlichen Wähler wäre er eine verlässliche Wahl, ein Politiker, der stramm auf dem SVP-Kurs segelt. Contra: Ähnlich wie Jean-Pierre Gallati hat sich auch Bertschi mit bisweilen harschen Angriffen auf politische Gegner einige Feinde gemacht. Und es ist fraglich, ob ein Politiker, der seinen Abschied aus dem Einwohnerrat angekündigt hat, nun Lust verspürt, im Pensionsalter Ammann zu werden.

Die Comeback-Kandidaten

Urs Kuhn (Grüne): Nach 18 Jahren im Einwohnerrat, davon 2 als Präsident, zog sich Kuhn 2003 aus der aktiven Wohler Politik zurück. Nun tritt er als Kandidat der Grünen für den Gemeinderat an, mit absolut intakten Wahlchancen. Offenbar hat Urs Kuhn wieder Lust auf Politik - vielleicht gar als Ammann? Pro: Kuhn war und ist ein Kämpfer, der sich unbeirrt für seine Anliegen einsetzt, auch wenn sie nicht der Mehrheitsmeinung entsprechen. Contra: Gegner würden ihm wohl genau diese Eigenschaft als Verbissenheit ankreiden. Und Urs Kuhn wäre der einzige Vertreter der politischen Linken in der Exekutive - in der Rolle als Gemeindeammann und Führungsfigur zumindest ungewöhnlich.

René Meier (parteilos): Vor seinem Rücktritt aus dem Gemeinderat galt er als Strippenzieher im Hintergrund, gewiefter Stratege und Vordenker des Gremiums. Pro: René Meier ist ein intimer Kenner der Wohler
Politik, der in seiner Zeit als Gemeinderat als heimlicher Ammann bezeichnet wurde. Er kennt die Arbeit in der Exekutive aus eigener Erfahrung. Contra: Meier sieht sich mit dem Filz-Vorwurf konfrontiert, die SVP kritisiert die Verflechtung von Gemeinderat, IBW und FC Wohlen. Die Gründe für Meiers Rücktritt 2006 sind immer noch unklar. Und sein bisweilen autoritäres Auftreten schafft ihm nicht nur Freunde.

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