Raser
Wer sind die Raser: Der Phänotyp des Schnellfahrers

Welcher Mensch verbirgt sich hinter dem Rambo von der Strasse? Ein unauffälliger braver Schweizer, oder der Kraftmeier mit Migrationshintergrund? Ein Erklärungsversuch.

Claudia Landolt
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Laut ertönt sein Wehgeschrei, denn er fühlt sich schuldenfrei! In Wilhelm Buschs «Max und Moritz» bezieht Spitz Prügel für ein Vergehen, das er nicht begangen hat. Sein Klagen klingt wie das vieler Autofahrer, die angesichts der Entdeckung des neuen Klassenfeinds - der Raser - ins Jammern verfallen. Der Unterschied zu Witwe Boltes Hund und dem Durchschnittsfahrer: Letzterer ist nicht unschuldig. Nicht, wenn er mit 140 durch die Baustelle fährt - oder nachts andere vorsätzlich gefährdet, so geschehen im Fall Schönenwerd.

Wann rast ein Autofahrer? Die Definition besagt: Nicht jeder, der schnell fährt ist ein Raser. «Wenn er sich an die vorgegebene Tempolimite hält und seine Geschwingikeit den Verhältnissen anpasst, ist er kein Raser», erklärt Hans Jöri, Psychologe FSP und Dozent für Verkehrspsychologie am Institut für Angewandte Psychologie IAP in Zürich. Von Rasern ist die Rede, wenn Fahrzeuglenker schneller als erlaubt fahren, und ihre Geschwindigkeit nicht den Verhältnissen anpassen. Kurz: Jene, die nicht nur sich selber gefährden, sondern auch ihre Lust am Tempo über das Wohlergehen von anderen Menschen stellen.

Vier Psychogramme

Aufschlussreich ist eine Untersuchung, weiss Jöri, die die deutsche TÜV-Akademie durchgeführt hat. Laut dieser Studie hat Rasen mindestens drei Hintergründe:

Die Unerfahrenen: Der Hauptanteil der sogenannten Raser ist mit 60 Prozent die Gruppe der unerfahrenen Fahrer. Sie fahren zu schnell, weil ihnen nicht bewusst ist, wann und warum eine bestimmte Geschwindigkeit zu hoch ist. Sie gehen nicht bewusst ein Risiko ein, sondern erkennen das Riskante ihres Fahrstils nicht.

Die Grossspurigen: Die zweitgrösste Gruppe (18 Prozent) bilden Fahrer, die ihren Fahrstil überschätzen. Diese Lenker sind sich des Risikos, das sie eingehen, zwar bewusst, sie sind jedoch davon überzeugt, dieses Risiko mit ihrer vermeintlich grossen Fahrfertigkeit zu beherrschen.

Die Risikofreudigen: Der Anteil jener Gruppe an der Gesamtgruppe von Rasern ist mit 16 Prozent relativ klein. Diese Menschen sind sich zwar darüber im Klaren, dass sie durch ihr zu schnelles, nicht angepasstes Fahren einen Unfall verursachen können. Sie verspüren aber einen gewissen Nervenkitzel, der ihnen Spass macht, der eine Art lustbetone Angst auslöst, sagt Hans Jöri, PSychologe FSP am IAP in Zürich.

Aber auch Drogen spielen eine Rolle: Der Anteil der Kokainsüchtigen unter den Rasern liegt bei sechs Prozent. Unter dem Einfluss der Droge nimmt die Lust am Fahren extrem zu.

Und die Praxis?

Die Praxis jedoch spricht eine eindeutige Sprache. Zumindest die Praxis jener Therapeuten, die straffällig gewordene Raser zum Unterricht bitten. In der Schweiz sei das Täterprofil eindeutig. «Die Mehrheit der Raser», sagte Urs Weibel, Verkehrstherapeut aus Wohlen AG, «verfügt über einen geringen Bildungsstandard und ist sozio-ökonomisch ebenfalls weit unten angesiedelt. 75 bis 80 Prozent aller Verkehrssünder stammen aus balkanischen Gegenden.» (s.Interview)

Doch nicht nur Männer mit ausländischen Wurzeln fahren gerne schnell. Auch Schweizer drücken auf die Tube. So sind beispielsweise 65jährige nicht selten, die mit überhöhter Geschwindigkeit in der Nobelkarosse durchs Dorf preschen. Der Anteil der über 60jährigen wegen Geschwindigkeitdelikten Verurteilten, so hat sich der Anteil in den letzten zwanzig Jahren fast verdoppelt. Für viele ältere Faher gilt zu schnelles Fahren aber noch immer als Kavaliersdelikt, wie Sabine Jurisch, die Sprecherin von Road Cross, vermutet. Das Zweifeln an den eigenen Fahrkünsten ist damit wohl etwas, das altersunabhängig funktioniert.