Gesundheitspolitik

Wer Krankenkasse wechselt, kann den Hausarzt verlieren

Stethoskop und Blutdruckmessgerät in einer Hausarztpraxis (Archiv)

Stethoskop und Blutdruckmessgerät in einer Hausarztpraxis (Archiv)

Wer heute jedoch die Krankenkasse wechselt, riskiert seinen Hausarzt zu verlieren, etwa dann, wenn der Arzt zwei Titel hat. Diese Ärzte werden von den Kassen systematisch von der Liste gestrichen, weil sie Gunnötige Untersuchungen» machten.

Der Hausarzt ist die erste Anlaufstelle der Schweizer, wenn sie sich krank fühlen. Über 96 Prozent suchen bei einem Gesundheitsproblem den Arzt ihres Vertrauens auf, wie eine Umfrage zeigt, die der Commonwealth Funds gestern veröffentlichte. 94 Prozent der Befragten geben den Hausärzten gute Noten, weil sie mit deren Leistungen zufrieden sind.

Ärzte mit zwei Titel diskriminiert

Weniger rosig sieht die Zukunft der Grundversorgung durch Hausärzte aus: Junge Ärzte ziehen eine Spezialisierung der Allgemeinmedizin vor. Deshalb wollen Parlament und Bundesrat die Hausarztmedizin mit gezielten Massnahmen fördern. Doch finanzielle Anreize oder eine spezielle Aus- und Weiterbildung helfen nichts, wenn sich Krankenkassen weigern, gewisse Hausärzte in ihr Versicherungsmodell aufzunehmen.

Diesen Vorwurf erhebt Jürg Schlup, Präsident des Ärzteverbandes FMH, in der Ärztezeitung. Von gewissen Krankenkassen diskriminiert würden Ärzte, die über einen Doppeltitel verfügen, sich also sowohl zum Allgemeinmediziner als auch zum Spezialisten ausbildeten, wie etwa Psychiater, Allergologen oder Kardiologen.

Sind Doppeltitelträger teuerer?

Ärzte mit Doppeltiteln arbeiten nicht nur als Hausarzt, sondern stellen auch Spezialdiagnosen. Letztere sind in der Regel teurer. So fallen Ärzte mit zwei Titeln in der jährlichen Wirtschaftlichkeitsprüfung des Kassenverbandes Santésuisse wegen hoher Preise auf und müssen sich als Spezialisten zu erkennen geben.

Das biete den Versicherern die Gelegenheit, diese Ärzte von der Liste auszuschliessen, sagt Schlup. «Die Versicherer haben offenbar den Verdacht, dass Doppeltitelträger teurer sind als Hausärzte. Bewiesen haben sie das aber nicht.» Denn die Leistungen würden regulär nach Tarmed-Punkten abgerechnet.

Unnötige Spezialuntersuchungen

Santésuisse-Sprecher Paul Rhyn entgegnet, höhere Kosten entstünden dann, wenn ein Patient zum Hausarzt wolle, dieser aber Spezialuntersuchungen mache, die nicht nötig wären. Nachweisen kann man das nicht. Ausserdem schränken längst nicht alle Kassen die Arztwahl ein, indem sie den Versicherten auf einer Liste vorgeben, welche Ärzte sie aufzusuchen haben.

Trotzdem sagt Schlup, die Listenmodelle seien unter Ärzten verpönt. «Ärzte werden auf Listen gesetzt, ohne es zu wissen. Für Patienten ist dies nicht transparent.» Er warnt deshalb all jene vor vorschnellen Kassenwechseln, die ihren Hausarzt behalten wollen.

Gesetzesänderung für 200 Ärzte

Derzeit sind rund 200 der insgesamt 6000 Allgemeinmediziner betroffen, schätzt Schlup. «Das sind zwar nicht viele, aber immerhin!» Es gebe ja kein Überangebot. Deshalb soll nun das Parlament das Gesetz so ändern, dass die Diskriminierung der Ärzte mit Doppeltitel gestoppt wird.

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