«Wer im Stedtli Nidau wohnen darf, ist privilegiert.» Diese Worte stammen nicht etwa von einem Lokalpolitiker, sondern von einem Musiker. Serge Christen, Gitarrist der Band Modern Day Heroes, lebte vier Jahre lang mitten im Stedtli, bevor er aus der Wohnung ausziehen musste, weil diese verkauft werden sollte. «Die tollen Wohnungen gehen alle unter der Hand weg, da hat man fast keine Chance.» Er spricht von den Wohnlagen in der Nähe des Bielersees oder entlang der beiden Kanäle, die Nidau prägen: die Zihl sowie der Nidau-Büren-Kanal.

Aufgewachsen ist Christen in Bellmund, dem Nobel-Viertel oberhalb des Bielersees. Dort hat der 44-Jährige nun auch ein altes Haus gefunden, das er gemeinsam mit seiner Frau umbaut. Von Nidau vermisse er vor allem das Stedtlileben. «Nidau ist keine Stadt, aber auch kein Dorf. Das Stedtli lebt, es gibt Märkte, Restaurants, viele Lädeli.» Eines hingegen fehlt dem Musiker, der in Nidau ein Tonstudio betreibt und zuvor in Los Angeles wohnte: «Der Ort ist kreativ nicht inspirierend, zu verschlafen.» Mit einer Ausnahme: Im Restaurant Kreuz, Nidau, veranstaltet ein Verein kulturelle Anlässe wie Konzerte, Lesungen oder Theater. Seine erste Solo-CD unter dem Künstlernamen «Sir Joe» hat Christen erst kürzlich dort getauft. Was Nidau allerdings an Kulturlokalen fehlt, macht die Stadt mit der Nähe zu Biel wieder wett, wo es eine rege Musikszene gibt.

Überhaupt: Nidau ohne Biel, das gibt es eigentlich gar nicht. Nidau zählt zu der rund 150000 Einwohner grossen Agglomeration. Wo nicht gerade die Zihl die Grenze markiert, ist sie nicht ersichtlich. Wasser und Gas bezieht Nidau von Biel, auch die Abfallentsorgung ist ausgelagert. Und obwohl Nidau offiziell eine deutschsprachige Gemeinde ist, liegt der Anteil der französischsprachigen Bevölkerung bei fast 20 Prozent. Entsprechend werden selbst die städtischen Abstimmungsunterlagen übersetzt, im Stadtparlament dürfen beide Sprachen gesprochen werden.

Allerdings müssen Kinder, die Französisch als Schulsprache wollen, nach Biel zur Schule gehen. Und bei der einzigen grossen Baulandreserve von Nidau, dem ehemaligen Expo-Gelände, besitzt Biel fast die Hälfte des Bodens. Zwei frühere Planungsideen führten nicht zum Ziel. Neu ist mit «Agglolac» eine Art Kleinvenedig für bis zu 2000 Einwohner vorgesehen. Bereits wurden Investoren gefunden. Nicht nur Nidau, auch Biel, erhofft sich mit dem Quartier neuen, attraktiven Wohnraum.

Eigentlich würde unter diesen Umständen eine Fusion Sinn machen. Darüber wurde auch schon öffentlich diskutiert. «Als ich noch im Amt war, prophezeite ich die Fusion in zehn Jahren», sagt Bernhard Stähli. Von 2002 bis 2009 war er Stadtpräsident von Nidau, der erste eigentlich, da die Gemeinde sich erst damals wieder auf ihr Stadtrecht besann. Man wollte sich politisch stärken, seiner Stimme mehr Gewicht verschaffen. Dies sei auch der Hauptgrund, dass eine Fusion im Moment kein Thema sei. Wichtige Geschäfte stehen an: Derzeit wird an der Stadtumfahrung von Biel gearbeitet, auf dem Ortsplan ist die Eröffnung des ersten Teils für 2016 vermerkt. Von der vollständigen Umfahrung von Biel wird auch Nidau profitieren.

Einerseits soll zugleich der Durchgangsverkehr durch Nidau umgeleitet werden, andererseits dürfte damit das an Biel angrenzende Quartier aufgewertet werden. Dieses wird von der Bernstrasse, welche die Hauptstadt mit Biel verbindet, regelrecht durchschnitten. Die in den 60er-/70er-Jahren gebauten Wohnblocks werden dadurch massiv abgewertet, die Ausländerquote sowie die Quote der Sozialhilfebezüger sind entsprechend so hoch wie nirgends sonst in Nidau. Geplant ist, die Bernstrasse zu versenken und unter einem grünen Hügel zu verbergen. Das Vorhaben wurde aber nochmals verzögert, mit einem Bau ist vor 2020 nicht zu rechnen. Und erst, wenn in Nidau das Verkehrsproblem gelöst werden kann, ist gemäss Bernhard Stähli die Zeit reif für Fusionsverhandlungen.

Der Alt-Stadtpräsident kann sich in beide Städte einfühlen. Die Hälfte seines bisherigen Lebens verbrachte der 68-Jährige in Biel, bis sich in Nidau die Gelegenheit ergab, ein Haus zu kaufen. Damals arbeitete er am Gericht in Biel und musste dafür kämpfen, dass er ausserhalb wohnen darf. «Dabei wohnte ich in Nidau näher beim Arbeitsplatz als zuvor.» Seit der Neugliederung als Verwaltungskreis wäre dies kein Problem mehr. Obwohl Biel Hauptort des Kreises ist, ist der Sitz der Verwaltung im Schloss in Nidau einquartiert.

Noch ein wichtiges Schmuckstück von Biel beheimatet in Wirklichkeit Nidau: Das Bieler Strandbad liegt auf Nidauer Boden. Nidau selber hat wenige hundert Meter davon entfernt sein eigenes Strandbad. Danach gefragt, wo er denn schwimmen geht, meint Stähli: «Früher war das Kriterium einfach: da wo die schöneren Meitli waren.»