Weihnachten

Wer hats erfunden? Eine kleine Kulturgeschichte

Das Christkind verbreitete sich zuerst in Deutschland. Weihnachtskarte von 1910.

Das Christkind verbreitete sich zuerst in Deutschland. Weihnachtskarte von 1910.

Vom heiligen Nikolaus über den «Heiligen Christ» zum Christkind: Eine kleine Kulturgeschichte der Figur, die Kinder glücklich macht.

Heiligabend. Aus dem Kinderzimmer dringen hohe Stimmen. Zur selben Zeit schwebt ein blond gelockter Engel mit Flügeln samt Heiligenschein unbemerkt in die dunkle Stube und auf den Weihnachtsbaum zu. Der Engel zieht aus einem braunen Sack Geschenke hervor, legt sie achtsam unter den Baum, zündet die Kerzen an. Es bimmelt. Sekundenbruchteile später fliegt die Zimmertür mit Karacho auf und eine Schar von Kindern stürmt in die Stube. Ihre Augen funkeln im Licht der brennenden Kerzen. Vom Christkind fehlt jede Spur.

Seine Aufgaben sind je nach Familientradition unterschiedlich: Ob alle oder ein Geschenk, ob die Kerzen von Engels- oder Vaterhand, ob in der Nacht auf den 25. oder am Abend des 24. Dezembers – es gibt seit je nur eine Konstante in der Geschichte: das Christkind. Doch auch die Engelsgestalt war nicht immer – und bleibt wohl auch nicht ewig.

Bescherung am 6. Dezember

Im Mittelalter wurden die Kinder am 6. Dezember vom Nikolaus und nicht an Heiligabend oder am ersten Weihnachtstag beschenkt. Da die Protestanten jedoch die Heiligenverehrung – und damit auch die Verehrung des heiligen Nikolaus – ablehnten, ersetzte Martin Luther den Nikolaus durch den «Heilligen Christ». Der Reformator verlegte die Beschenkung auf den ersten Weihnachtstag.

Doch weil die neue Figur die Volksfantasie nicht befriedigen konnte, entstand über die Jahre eine Verkörperung des «Heiligen Christ» in Gestalt des Christkindes. Gemäss der deutschen Volkskundlerin Ingeborg Weber-Kellermann hat die engelsgleiche Darstellung ihren Ursprung in weihnachtlichen Umzugsbräuchen und Krippenspielen, bei denen häufig eine Engelsschar von einem Christkind angeführt wurde.

Zuerst verbreitete sich der Brauch im evangelischen Deutschland. Später kam das Christkind über die Grenzen nach Österreich und in die Deutschschweiz. Heute kennt man es auch in Ungarn, Tschechien, der Slowakei, Slowenien, Kroatien und in Südbrasilien als Symbolfigur des Weihnachtsfestes. Erstaunlich ist, dass das protestantische Konstrukt des Christkinds über die Konfessionsgrenzen hinweg akzeptiert wurde. Dies habe vor allem mit der medialen Verbreitung zu tun, sagt Mischa Gallati, Dozent für Populäre Kulturen an der Universität Zürich.

Weihnachtsmann auf Vormarsch

In anderen evangelischen Regionen der Welt dominiert eine andere Figur die Adventszeit: Der Weihnachtsmann. Dargestellt als rundlicher alter Mann mit langem weissem Rauschebart, rotem und mit weissem Pelz verbrämtem Gewand. In der Romandie ist er als Père Noël bekannt, in der italienischen Schweiz nennen ihn die Kinder Babbo Natale.

Anders als das Christkind erscheint der Weihnachtsmann nicht wie durch Geisterhand, sondern kommt durch den Schornstein. Kinder in den USA und in Grossbritannien hängen an Heiligabend jeweils ihre Socken an den Kamin und hoffen, dass diese am Weihnachtstag mit Geschenken gefüllt sind.

Es gibt Indizien, dass der bärtige Mann dem blond gelockten Engel in der Deutschschweiz den Rang abläuft. Nicht nur Coca-Cola wirbt seit 1931 in der Vorweihnachtszeit mit ihm, sondern zunehmend auch andere Unternehmen. Im TV-Spot der Swisscom bringt neuerdings nicht mehr das Christkind, sondern der Weihnachtsmann die Geschenke. Und auch die Warenhauskette Manor oder der Detailhandelriese Migros setzt auf ihn.

Der Hauptgrund für den sich anbahnenden Siegeszug des Weihnachtsmanns sieht der Schweizer Kulturwissenschafter Konrad Kuhn in der Säkularisierung: «Die Unternehmen können ihre Produkte mit dem Weihnachtsmann besser vermarkten, weil bei ihm kaum christliche Bezüge bestehen. So ist er für Angehörige aller Religionsgemeinschaften anschlussfähig.» Kuhn sieht es als realistisch an, dass sich der Weihnachtsmann auch in der Deutschschweiz durchsetzt.

In Zukunft dürfte also anstelle eines zierlichen Engels vermehrt ein alter Mann unsere Geschenke unter den Tannenbaum legen. Der Weihnachtszauber bleibt für die Kinder aber am Leben. Einfach mit einem anderen Hauptdarsteller.

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