Wer dick ist, soll zahlen

Die FDP plant eine radikale Reform des Gesundheitsmarktes mit einem Bonusmodell. Unter anderem werden Dicke an die Kassen gebeten. Dies berichtete die Sonntagszeitung. Neu ist dieser Vorstoss nicht - die Aargauer CVP-Nationalrätin Ruth Humbel hat ihn schon vor zwei Jahren postuliert, und dafür einiges an Häme eingesteckt.

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Claudia Landolt

Die FDP arbeitet an einem neuen Modell für die Krankenkassen. Sie verlangt von den Krankenkassen Versicherungsmodelle, die zu einem gesunden Lebensstil verpflichten. Die Messgrösse für einen gesunden Lebensstil soll dabei laut »Sonntagszeitung» unter anderem ein Body-Mass-Index oder ein Fitnesstest sein. Wer schlank und fit ist, soll tiefere Krankenkassenprämien beziehen dürfen. Damit rüttelt die FDP an einem Tabu, denn bisher galt: Gesunde und Kranke werden gleich behandelt. Künftig soll aber die Tarifgestaltung komplett ausserbehördlich gestaltet werden. FDP-Ständerat Felix Gutzwiller rechtfertigte gegenüber der «Sonntagszeitung» diese Umsturzpläne des Modells «Gleichberechtigung»: «Solche Bonusmodelle fördern Eigenverantwortung und Prävention. Wir sparen so Kosten für alle, das ist solidarisch.»

Ruth Hmbel: «Zu rigros»

Der CVP-Nationalrätin Ruth Humbel ist dieser Vorstoss viel zu rigoros. «Das würde die totale Liberalisierung bedeuten und letztlich die Aufhebung des Obligatoriums, das geht so nicht», sagt die Birmenstorferin auf Anfrage. «Ausserdem sind die USA gerade dabei, unser Modell der obligatorischen Krankenkassenversicherung zu kopieren, so schlecht kann es also doch nicht sein.»

Kosten sparen nach Gewichtsklasse hält Humbel dagegen für das falsche Mittel: «Kosten senken ist unmöglich, wir müssen aber die Kostenentwicklung im Auge behalten und dämpfen. Die entsprechenden Anreize für eine vermehrte Eigenverantwortung zu schaffen, erachte ich dagegen als sinnvoll», erklärt Humbel. sie war bis Frühling 2009 Direktionsmitglied des Krankenkassenverbands Santésuisse und arbeitet heute selbständig als Beraterin für Mandate des Gesundheitswesens.

Eine nicht ganz neue Idee

Bereits 2007 hat die Juristin Humbel in einer Broschüre der Krankenkasse CSS gefordert, dass sich Übergewichtige mehr bewegen und Salat statt Pommes frites essen sollen. Kinder sollen im Umkreis von zwei Kilometern um die Schule keine Motorfahrzeuge benutzen dürfen. Auch Werbung für Hamburger und Süssigkeiten wollte Humbel in der Umgebung von Schulen wie im Umfeld von TV-Kindersendungen verbieten. Der Energiegehalt von Lebensmittel sollte transparent gemacht und mit roten, gelben und grünen Punkten gekennzeichnet werden. Versicherte, welche durch einen gesundheitsschädigenden Lebensstil Kosten verursachen, sollen einen höheren Selbstbehalt bezahlen. Für diese Ideen mutierte Humbel, einst fünffache Schweizer Meisterin im Orientierungslauf, zum Feindbild der Fettleibigen. Sie erheilt «Morddrohungen, wüste Beschimpfungen per Post und Email, und «für viele war ich bloss die ausgemergelte Schreckschraube».

Auch heute ist Ruth Humbel überzeugt, dass sich ein solches Modell am ehesten umsetzen liesse. «Bekämen die Leute einen Behandlungsvertrag mit ihren Arzt, müssten bestimmte Forderungen erfüllen und bei Nichterfüllen dieser einen Teil der Kosten selbst tragen, würde dies bestimmt Folgen tragen.» Denn: «Es muss dem Portemonnaie weh tun.»

Ihr Vorstoss nach besserer Transparenz von Lebensmitteln ist 2009 übrigens vom Parlament endlich angenommen worden.