Komatrinker
Wer bezahlt die Konsequenzen des Rausches?

Jugendliche mit einer Alkoholvergiftung sollen Spitalkosten künftig selber tragen. Ärzte und Spitäler schlagen Alarm.

Anna Wanner
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Von wegen nur die Jugendlichen: Mehr als die Hälfte derer, die mit einer Alkoholvergiftung ins Spital eingeliefert werden, ist über 40 Jahre alt. (Symbolbild)

Von wegen nur die Jugendlichen: Mehr als die Hälfte derer, die mit einer Alkoholvergiftung ins Spital eingeliefert werden, ist über 40 Jahre alt. (Symbolbild)

Keystone

Wenn ein Jugendlicher mit Alkoholvergiftung ins Spital eingeliefert wird, soll er für seinen Aufenthalt selber bezahlen. Das fordert der Zürcher SVP-Nationalrat Toni Bortoluzzi. Wer zu viel getrunken hat, findet er, ist selber schuld. Diese Ansicht teilen andere Gesundheitspolitiker weitgehend. Bortoluzzis parlamentarische Initiative ist deshalb auf bestem Weg, umgesetzt zu werden. Dass die Gesundheitskommissionen des National- wie auch des Ständerats dem Anliegen mit komfortabler Mehrheit zugestimmt haben, erhöht die Chancen, dass das Gesetz auch im Rat durchkommen wird.

Krankheit oder Masslosigkeit?

Kurz, bevor das Gesetz die Vernehmlassung überstanden hat und es in der nächsten Session von den Räten verabschiedet wird, ziehen Ärzte, Spitäler und Kantone nun die Notbremse: Sie bezeichnen den Vorschlag als «untauglich». Markus Kaufmann von der Konferenz der kantonalen Gesundheitsdirektoren (GDK) sagt, dass die Forderung auf den ersten Blick zwar attraktiv erscheine. Wieso soll der Spitalaufenthalt eines Komatrinkers von der obligatorischen Krankenversicherung bezahlt werden?

Unabhängig davon, ob jemand dafür oder dagegen ist, hält Kaufmann die Umsetzung des Gesetzes aber für «praktisch unmöglich». Das habe im Wesentlichen zwei Gründe. Zunächst sei eine Abgrenzung zwischen einer Alkoholvergiftung und anderen Gründen, aufgrund derer jemand ins Spital eingeliefert wird, äusserst schwierig. Das bestätigen nicht nur Spitäler und Ärzte, sondern das belegt auch eine Studie von Sucht Schweiz aus dem Jahr 2010.

Bei drei Viertel der Personen, die mit der Diagnose «Alkohol-Intoxikation» in ein Spital eingewiesen und behandelt wurden, ist zusätzlich eine Nebendiagnose dokumentiert: Bei 36 Prozent der Eingelieferten stellten die Ärzte Alkoholabhängigkeit fest, bei 31 Prozent spielten psychische und Verhaltensstörungen mit, und 11 Prozent erlitten neben der Alkoholvergiftung auch andere Verletzungen.

Des weiteren, gibt Kaufmann zu bedenken, widerspreche die Forderung auch dem Credo der Drogenpolitik, wonach Schadensminderung im Vordergrund stehe. «Wenn eine Person ihren Spitalaufenthalt selber finanzieren muss, dann lässt sie sich womöglich erst behandeln, wenn es richtig schlimm ist.» Dies löse das Problem nicht, habe jedoch höhere Behandlungskosten zur Folge.

Am Ziel vorbeigeschossen

Neben der Schwierigkeit, zwischen Komatrinkern und Alkoholkranken zu unterscheiden, hilft die Initiative auch nicht beim Ziel, Jugendliche zu massvollem Trinken zu erziehen. Denn: 85 Prozent der mit Alkoholvergiftung eingelieferten Personen sind älter als 25 Jahre. Mehr als die Hälfte der Eingelieferten ist gar über 40 Jahre alt. Spitäler, Ärzte und Kantone zweifeln an der präventiven Wirkung des Gesetzes – zumal die Zahl der wegen Alkoholvergiftung behandelten Jugendlichen seit 2008 rückläufig ist.

Schliesslich bekennen sich Ärzte, Spitäler und Kantone klar zum solidarischen Versicherungsmodell und raten vom Verbraucherprinzip ab. Sonst sei die Frage zu stellen, warum man nicht bei viel häufigeren und teureren Krankheiten wie Lungenkrebs bei Rauchern oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen bei Übergewichtigen ansetze.

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