Familiendrama Grabs
Wenn Väter töten

Das Familiendrama in Grabs SG hinterlässt Fassungslosigkeit. Was bringt ein Vater dazu, seine eigenen Kinder in einem Auto zu verbrennen? Ein Psychiater und ein Väter-Vertreter über ohnmächtige Männer

Karen Schärer
Drucken
Teilen
Kantonspolizisten und Rechtsmediziner eilten am Sonntag zum ausgebrannten Auto mit den Kinderleichen.key

Kantonspolizisten und Rechtsmediziner eilten am Sonntag zum ausgebrannten Auto mit den Kinderleichen.key

Noch ist wenig über die Hintergründe der Ereignisse vom Sonntagnachmittag in Grabs SG bekannt. Entsprechend mag sich Psychiater Mario Etzensberger auch nicht zum konkreten Fall äussern. Doch die generell gehaltenen Aussagen des renommierten Gerichtsexperten, der psychiatrische Gutachten über zahlreiche Kapitalverbrecher erstellt hat, geben trotzdem eine Ahnung davon, was Eltern dazu treiben kann, ihre Kinder zu töten.

Die Ursachen seien sehr unterschiedlich, ob eine Frau oder ein Mann die Tat durchführe, sagt Etzensberger. Mütter, die ihre Kinder töten, seien häufig schwer depressiv. Diese Frauen sehen ihre Welt als schwarz, ohne Hoffnung, dass es je besser wird, erklärt Etzensberger. «Die Tötung ihrer Kinder sehen sie als Liebesdienst, denn sie wollen ihnen ersparen, dass sie in dieser hoffnungslosen, grauenvollen Gegenwart und Zukunft leben müssen.»

Anders ist es bei den Vätern: «Bei Männern ist es häufig eine narzisstische Krise. Der Mann definiert sich stärker als die Frau über seine Handlungen, Taten und Eigenschaften. Wenn man ihm das wegnimmt, fällt seine Welt zusammen.» Der Mann komme dann lieber den anderen Menschen zuvor, die ihm seine Welt kaputtmachen: «Er zerstört selbst, was seine Existenz ausmacht. Häufig sind es die Kinder, aber auch Gegenstände wie das Auto oder das Haus.»

Väter am kürzeren Hebel

Oliver Hunziker hat häufig mit Männern zu tun, deren Welt in die Brüche gegangen ist: Er ist Präsident der Elternorganisation VeV (Verantwortungsvoll erziehende Väter und Mütter), wo Eltern, deren Trennung oder Scheidung konfliktreich ist, Rat finden. «Manchmal sehe ich Männer an unseren Treffs, bei denen mir der Gedanke kommt: Hoffentlich macht der keinen ‹Seich›. Es ist fast erstaunlich, dass so etwas wie in Grabs nicht häufiger passiert», sagt der VeV-Präsident.

Er kennt unzählige Geschichten von geschiedenen Vätern, die um den ihnen zustehenden Kontakt zu ihren Kindern kämpfen. Hunziker schildert, wie Väter nach einer Scheidung oftmals aus einer Familie «gekippt» werden, wie die Ex-Frau den Kontakt zu den Kindern unterbindet – auch wenn der Vater gemäss Gerichtsurteil die Kinder vierzehntäglich zu sich nehmen dürfte. «Das ist ein unvorstellbares Leid für einen Vater und es braucht extrem gute Nerven, in einem solchen Fall ruhig zu bleiben», sagt Hunziker.

Zeigt sich die Ex-Frau unkooperativ und hat sie das alleinige Sorgerecht, sitzt der Vater am deutlich kürzeren Hebel. Ruft der Vater die Polizei, wenn die Mutter das x-te Mal die Kinder nicht herausgibt, komme diese nicht zur Hilfe. «Die Polizei sagt, sie könne nichts tun. Denn die Mutter missachtet nur eine gerichtliche Verfügung. Bringt hingegen der nicht obhutsberechtigte Vater die Kinder am Sonntagabend nicht zurück, ist das ein Straftatbestand», zeigt Hunziker das Ungleichgewicht zwischen den Elternteilen auf. Er hofft, dass das geteilte Sorgerecht diesbezüglich etwas bringt: «Es macht rein juristisch einen Unterschied, ob ein sorgeberechtigter Elternteil versucht, seinen Kontakt zum Kind zu verteidigen, oder ein nicht sorgeberechtigter Vater.»

Konflikte bei Scheidungen häufig

Die Interpretation, dass Väter ihre Kinder aus Verzweiflung töten, weil deren Mütter ihnen den ihnen zustehenden Kontakt verweigern, steht für Psychiater Etzensberger nicht im Widerspruch zur erwähnten «narzisstischen Krise»: «Der Mann empfindet sich gegenüber der Frau, wie auch gegenüber der Justiz als derjenige, der zu Unrecht ohnmächtig gemacht wird. Dann kann es zu dieser Verzweiflungstat kommen.»

Erhebungen dazu, wie häufig die Besuchsregelungen durch Mütter torpediert und nicht eingehalten werden, gibt es nicht. Hunziker spricht von 10 bis 15 Prozent der Scheidungsfälle, die hoch konfliktiv seien. Zu dieser Kategorie zählen die Fälle, in denen der Vater die Alimente nicht zahlt, in denen Mütter falsche Missbrauchsvorwürfe erheben oder ihre Kinder nicht herausgeben.

Aktuelle Nachrichten