Spielsucht
Wenn Spielen plötzlich lebensgefährlich wird

Alissa (49) darf nicht mehr in Casinos. Die Geschichte einer Frau, die wegen ihrer Sucht ihr Leben aufs Spiel setzte.

Silvan Hartmann*
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Alissa will zurück ins Leben finden

Alissa will zurück ins Leben finden

AZ

Das Casino-Logo in Baden erhellt an diesem kaltnassen Winterabend das Gelände. Vor dem Haupteingang lockt eine Corvette als Hauptpreis eines Glücksspiels, die schwarze Hummer-Limousine steht zum Mieten bereit.

Im Eingangsbereich macht der Jackpotzähler Lust auf mehr. Dieser zeigt den zu gewinnenden Betrag an, der im Sekundentakt steigt. Hier ging Alissa (Name geändert) ein und aus - während gut eines halben Jahres fast täglich. Dieser Ort hat ihr Leben für immer verändert.

Für das Gespräch lässt sich Alissa die Kosten für den öffentlichen Verkehr von der az bezahlen - es sind keine 10 Franken, hin und zurück. Denn Alissa, die heute in der Region Baden wohnt, kann sich das Billett nicht leisten, lebt vom Sozialamt und sitzt auf 100 000 Franken Schulden. Die 49-Jährige hat innert kürzester Zeit in verschiedenen Casinos rund eine halbe Million Franken umgesetzt. Geld, das ihr oftmals gar nicht gehörte.

Ein Geschenk als Auslöser?

Frühjahr 2007: Alissa ist eine gestandene Frau, Verkäuferin bei einem Möbelgeschäft und Mutter eines heute 19-jährigen Sohnes. Sie reicht nach 19 Jahren Ehe die Scheidung ein. Es habe vieles nicht mehr gepasst, sagt Alissa. «Mit der Zeit konnte ich mit ihm nicht einmal mehr reden.»

Spielsucht nimmt jährlich zu

Alarmierende Zahlen der Schweizer Spielbankenkommission zeigen, dass immer mehr Leute der Spielsucht verfallen und nicht mehr in Casinos dürfen (siehe Statistik). In den 19 Schweizer Casinos werden jährlich rund 936 Millionen Franken verspielt. Die Tendenz ist zwangsläufig steigend: So werden in Zürich und der Region Neuenburg bald zwei weitere Casinos eröffnet, die beide über 100 Millionen Franken Umsatz erzielen sollen. Der Kanton Zürich schafft deshalb eine Fachstelle für Spielsüchtige. Der Kanton will verschärft gegen Spielsucht vorgehen. (sha)

Sie zügelt in eine eigene Wohnung in einer anderen Gemeinde und hat seither keinen Kontakt mehr zu ihrem Ex-Mann. Der Sohn will wegen seiner Freunde in der Gemeinde bleiben und lebt bei seinem Vater.

In dieser schwierigen Zeit findet Alissa Halt bei ihrer Schwägerin, der Schwester ihres Mannes. Ein Jahr nach der Scheidung entdeckt Alissa in einer Zeitung ein Inserat des Grand Casinos Baden: ein Nachtessen zu zweit für 79 Franken pro Person - als Geschenk gibts je 20 Franken Spielchips dazu.

Spielsucht: Die Statistik

Spielsucht: Die Statistik

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Alissa schenkt ihrer Schwägerin das Angebot, das «dinner for winner» heisst. Sie will sich damit für die Unterstützung bedanken. Es soll gleichzeitig aber auch ein Geschenk für sie selbst sein: «Ich wollte nach der Scheidung endlich wieder einmal etwas unternehmen. Ich fühlte mich in meinen eigenen vier Wänden eingeengt», sagt sie.

Alissa hat zwei Gesichter

Im Juli 2008 geht Alissa mit ihrer Schwägerin ins Casino. Nach dem Essen setzt sie ihren 20-Franken-Chip beim Roulette-Spiel auf die Zahl 18 - ihren Geburtstag. Sie gewinnt prompt 700 Franken - das 35-fache des Einsatzes.

Mit dem Gewinn spielt sie an diesem Abend nicht mehr. Sie wechselt die Spielchips in Bargeld um, ihre Freude teilt sie mit ihrer Schwägerin. Sie erhält die Hälfte des Gewinns.

Doch es beginnt Alissa zu Hause unter den Fingernägeln zu brennen. Eine Woche später fährt sie an einem Sonntagnachmittag ins Casino und verspielt den Gewinn der Vorwoche in wenigen Minuten.

Es ist der Beginn ihrer Spielsucht. «Ich dachte immer wieder an den ersten Abend. Warum soll meine Glückszahl nicht ein zweites Mal kommen?»

Heute glaubt Alissa, dass der Gewinn am ersten Abend «der Schicksalsschlag ihres Lebens» war. «Ich bin sicher, dass ich nie mehr ins Casino gegangen wäre, hätte ich am ersten Abend nichts gewonnen.»

Alissa beginnt jeweils unmittelbar nach der Arbeit für einige Stunden ins Casino zu gehen - drei-, viermal pro Woche, «um von der Arbeit abschalten zu können», wie sie sagt.

Und Alissa setzt immer mehr Geld ein. In den schlimmsten Zeiten verspielt sie an einem Abend eine vierstellige Summe. Das tut sie alleine, ohne irgendjemandem etwas zu sagen. «Ich hatte zwei Gesichter. Ich ging mich nach dem Arbeiten umziehen, um in meine eigene Welt abzutauchen - in die Spielwelt.»

Schulden beim eigenen Sohn

Alissa verliert den Bezug zur Realität, den Bezug zu Geld. Sie tappt in die Schuldenfalle, obwohl sie «hie und da» mit einem Gewinn von mehreren hundert Franken aus dem Casino geht. Fortan gibt es kaum einen Tag, an dem sie nicht im Casino anzutreffen ist. Sie erlebt sechs intensive Spielmonate und beginnt abwechslungsweise bei ihren Eltern, bei ihrem Bruder, der Schwester und ihrer Freundin Tausende Franken auszuleihen. Sie lügt, erfindet Gründe, wofür sie das Geld brauche. Mal muss sie zum Zahnarzt, der nur Bargeld akzeptiert. Mal soll sie die Miete vorauszahlen müssen.

Als die Familie realisiert, dass Alissa Geldprobleme hat und die Schulden nicht mehr zurückzahlen kann, bekommt sie kein Geld mehr. Sie wechselt daraufhin die Geldgeber. Im schlimmsten Fall pumpt sie von ihrem damals 17-jährigen Sohn, der sein Geld mit einem kleinen Lehrlingslohn mühselig zusammenspart, 200 Franken. Sie müsse eine teure Zahnarztrechnung bezahlen, lügt sie.

Ohne Geld nach Hause

Sie versucht, die Schulden mit Casino-Gewinnen zurückzuzahlen. Doch die Spielsüchtige gewinnt nicht mehr, kehrt meistens ohne Geld nach Hause zurück. Alissa plagt das schlechte Gewissen. «Ich habe jedes Mal geglaubt, mit mehr Geld aus dem Casino zu gehen, als ich mitgenommen hatte. Auch, als ich schon Schulden hatte.»

Die vermeintliche Einsicht

Mitte Dezember 2008 bekennt sich Alissa zu ihrer Spielsucht. «Das schlechte Gewissen stieg ins Unermessliche. Ich konnte nicht mehr ruhig schlafen.» Sie lässt sich in den Schweizer Casinos sperren.

An Weihnachten beichtet sie den Eltern und den Geschwistern ihre Sucht und die Geldprobleme. Sie tut dies per Telefon. «Ich traute mich nicht, ihnen während meiner Beichte in die Augen zu sehen», sagt sie. Die Familie ist zutiefst enttäuscht, die besinnliche Weihnachtszeit ist zerstört. «Das Ganze tut mir so furchtbar leid. Wir waren selbst sehr bescheiden auf einem Bauernhof aufgewachsen. Meine Eltern mussten sparen, wo es nur ging.»

In der Folge entstehen Spannungen. Ihr Bruder bricht zeitweise den Kontakt zu ihr ab. «All das hat die Situation noch viel schlimmer gemacht», sagt sie. Alissa wird depressiv. Anfang 2009 hat sie einen schweren Rückfall. Sie fängt an, regelmässig Glückslose am Kiosk zu kaufen. «Ich wechselte oft die Verkaufsstelle. So blieb ich bestimmt anonym.»

Noch viel schlimmer: Alissa besucht im grenznahen Ausland Casinos. Sie wird Stammkundin im österreichischen Bregenz, im deutschen Konstanz und im italienischen Campione.

Oftmals kramt sie rund hundert Franken zusammen, bezahlt das Zugbillett und spielt vor Ort noch für wenige Franken. «Ich wollte nur das Ambiente wieder einmal erleben.» Auf lange Zeit geht dieses Spiel nicht auf: Sie lässt sich auch in den ausländischen Casinos sperren, nicht zuletzt deshalb, weil ihr die Geldgeber ausgehen und sie bei allen Freunden und Bekannten das Vertrauen verspielt hat.

Vom aufkommenden Online-Glücksspiel, bei dem man mit der Kreditkarte bezahlen kann, bleibt sie «glücklicherweise», wie sie sagt, verschont. «Ich hatte nie Geld für eine Internetverbindung.»

Alissa denkt an den Tod

Im Frühling 2009 bekommt ihr Arbeitgeber Wind von Alissas Problemen. Sie wird entlassen. Sie wirke unkonzentriert, sei nicht mehr belastbar und leiste ihre Arbeit im Allgemeinen nicht mehr befriedigend, so die Begründung. «Das hat mir wehgetan, denn ich hatte stets meine Arbeit erfüllt und konnte zwischen meiner Freizeit und dem Job unterscheiden», sagt sie. Damit kommt ein weiteres Problem dazu: Sie hat kein Einkommen mehr.

In ihrer Verzweiflung geht sie mitten in der Nacht spazieren, beginnt am Bahnhof die durchbrausenden Güterzüge von vorne anzuschauen. Konkrete Versuche, sich umzubringen, lässt sie aus, fordert das Schicksal aber heraus: So überquert sie
die Strassen unmittelbar vor herannahenden Autos. Die Selbstmordgedanken werden von Tag zu Tag stärker. Ein Arzt verschreibt ihr Anti-Depressiva.

An einem Abend schreibt sie erschöpft unter Tränen ihrem Bruder ein SMS: «Ich habe keine Kraft mehr zu leben, hilf mir!» Ihr Bruder ruft die Polizei an. Wenig später steht eine Patrouille mit der Ambulanz vor Alissas Tür. Sie wollen die Spielsüchtige in eine Klinik einliefern. Doch Alissa wehrt sich und beteuert, «sich nicht weh zu machen». Die Polizei zieht wieder ab.

Wenige Tage später geht sie selbst in die Klinik, bleibt dort für einige Wochen. «Diese Zeit hat mir gutgetan. Es tönt absurd, aber ich habe beispielsweise nach langer Zeit endlich wieder richtige, warme Mahlzeiten gegessen», sagt sie. Statt selber zu kochen, ernährte sie sich von Wasser und Brot und sparte das Geld für Spielchips.

Der nächste Schlag

Im Frühling 2010 entdeckt Alissa beim Duschen an beiden Brüsten Knoten. Sie geht zum Arzt: Brustkrebs! Für einmal rückt selbst die Spielsucht, die ihr Leben für immer verändert hat, in den Hintergrund. Die 49-Jährige muss in der Folge vier Operationen, 19 Behandlungen über sich ergehen lassen. Die letzte Chemo hatte sie erst in der Neujahrswoche. «Ich glaube, dass der Krebs mit der Spielsucht zusammenhängt», sagt sie.

Das Positive: Die Krankheit schweisst Alissa mit ihrem Sohn zusammen. Sie treffen sich regelmässig, ohne dass ihr Sohn bis heute von der Spielsucht weiss.

Jeder Franken zählt

Heute hat Alissa vereinzelt auch wieder Kontakt zu Personen, denen sie viel Geld schuldet. Alleine bei ihren Eltern und Geschwistern steht sie mit mehreren tausend Franken in der Kreide. Ob sie die Schulden von insgesamt rund 100 000 Franken jemals zurückzahlen kann, bleibt offen. «Es ist auf jeden Fall ein grosser Wunsch von mir. Ich bin es all den Leuten schuldig», sagt Alissa.

Sie geht heute deshalb höchstens mit 20 Franken Bargeld aus dem Haus, die Bankkarte lässt sie zu Hause - aus Selbstschutz, wie sie sagt. Zweifel sind berechtigt: Denn Alissa ist aufgrund ihrer Krankheit auf unbestimmte Zeit arbeitsunfähig geschrieben, lebt vom Sozialamt. Sie erhält 14-täglich für 200 Franken Coop- und Migros-Einkaufsgutscheine.

Zusätzlich werden ihr monatlich 938 Franken auf ihr Konto gutgeschrieben. Damit muss sie alle Kosten begleichen - bis auf die Miete ihrer 31⁄2-Zimmerwohnung von 1100 Franken und die Krankenkasse. Diese beiden Rechnungen übernimmt das Sozialamt.

Alissa hat drei grosse Wünsche: «Ich will den Krebs für immer besiegen, endlich wieder arbeiten gehen und die Schulden begleichen.» Sie weiss jedoch selbst, dass der Weg steinig ist. «Die Zeit im Casino wird wohl mein restliches Leben auf mir lasten.» Deshalb ist Alissa eines klar: «Hier rein», sagt sie und zeigt mit dem Finger auf die hell beleuchtete Casino-Fassade, «will ich nie mehr.»

* Der az-Redaktor absolviert die Diplomausbildung «Journalismus» am Medien-Ausbildungszentrum (MAZ) in Luzern. Dieser Artikel ist seine Diplomarbeit.

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