Migration

Wenn sogar Vierjährige alleine in die Schweiz fliehen

Viele der minderjährigen Asylsuchenden verarbeiten ihre Erfahrungen in Bildern und Texten.

Viele der minderjährigen Asylsuchenden verarbeiten ihre Erfahrungen in Bildern und Texten.

Die zahlreichen Konfliktherde im Nahen Osten und in Afrika zwingen Kinder und Jugendliche dazu, ohne Eltern und Bekannte nach Europa zu fliehen.

Beim Blick in die Statistik traut man seinen Augen kaum. Im letzten Jahr ist ein vierjähriges Mädchen ganz allein von Syrien in die Schweiz geflohen. Ohne Eltern oder Bekannte – unbegleitet. Es ist nicht auszudenken, was dieses Kind alles erleben musste. 793 weitere Kinder und Jugendliche sind im letzten Jahr ebenfalls in den Empfangszentren registriert worden, wie bisher unveröffentlichte Zahlen des Staatssekretariats für Migration (SEM) zeigen. Ein Rekord. In den letzten zehn Jahren hatte die Schweiz immer zwischen 200 und 670 ausgewiesen.

Die Zahlen in Europa zu den unbegleiteten minderjährigen Asylsuchenden (UMA) zeigen das Ausmass noch besser: Zwischen 2010 und 2013 haben beinahe
49 000 unbegleitete Kinder Asyl beantragt, wie das UNO-Flüchtlingshilfswerk UNHCR kürzlich in einem Papier festhielt. Susin Park, Leiter des UNHCR-Büros der Schweiz und Liechtenstein, bestätigt auf Anfrage, dass die unbegleiteten minderjährigen Asylsuchenden «ein grosses Thema» sind. «Die Zahlen steigen überall in Europa an», sagt Park. In den vergangenen Monaten konnten sie und ihre Mitarbeiter in verschiedenen Kantonen betroffene Kinder und Jugendliche treffen und mit ihnen über ihre Situation in der Schweiz sprechen.

«Drei Monate im Wald geschlafen»

Die Ergebnisse dieser Gespräche sowie Zeichnungen, Fotos und Texte der Kinder hat das UNHCR in einer Broschüre zusammengefasst. Seit kurzem ist diese publiziert. Neben Zeichnungen von der Flucht – sei es über Berge oder im vollgestopften Schiff – schildern die Kinder auch das Erlebte. «Ich habe viele Probleme gehabt in Griechenland. Ich habe drei Monate im Wald geschlafen», heisst es in der Broschüre etwa.

Der 17-jährige Ahmat aus der Zentralafrikanischen Republik schreibt zum Grund seiner Flucht: «Mein Vater sagte: Ich will nicht, dass meine Söhne wie Tiere abgeschlachtet werden.»

Sahar, 17, aus Afghanistan: «Ich habe meine Mutter gefragt: Warum kommt ihr nicht mit? Sie hat gesagt: Ihr geht heute, wir kommen morgen. Seither weiss ich nicht, wo sie ist.»

Laut Park ist es wichtig, dass die Stimmen der Betroffenen gehört werden. Ebenso wichtig sei aber auch, dass UMA einen Vormund oder eine für sie zuständige Person sowie eine Rechtsvertretung zur Seite gestellt bekämen, die sie durch das komplizierte Asylverfahren begleiten. Das Kindswohl müsse jederzeit gewahrt bleiben.

«Teilweise haben wir den Eindruck, dass zu hohe Erwartungen an UMA gestellt werden, weil man davon ausgeht, dass sie schon vieles durchgemacht haben und mit schwierigen Situationen klarkommen. Aber dem ist nicht so. UMA sind in erster Linie eins: Kinder.»

Bezüglich der Situation für die UMA in der Schweiz stellt Park klare Forderungen. «Es wäre wichtig, dass schweizweit kinderspezifische Einrichtungen geschaffen werden.» Die kindgerechte Betreuung müsse in allen Kantonen gewährleistet werden. «Es fehlt heute mancherorts an Kapazitäten, um UMA altersgerecht zu begleiten», moniert Park.

Auch die Schweizerische Flüchtlingshilfe und Caritas Schweiz haben die fehlenden kantonalen Infrastrukturen bereits kritisiert. Passiert ist bislang wenig. «Es braucht klar zuständiges und entsprechend ausgebildetes Personal und Vertrauenspersonen, die auch wirklich die Zeit haben, sich mit den Kindern zu befassen», sagt Park. Laut dem SEM liegt die Verantwortung bei den Kantonen.

In Pflegefamilie untergebracht?

Was das vierjährige Mädchen aus Syrien angeht, kann das SEM aus Gründen des Persönlichkeitsschutzes keine näheren Angaben zu Aufenthalt und Unterbringung machen. Es verweist darauf, dass so junge Flüchtlinge von den Kantonen in Pflegefamilien untergebracht werden. Kleinkinder könnten aber auch von entfernten Verwandten aufgenommen werden, wenn sie denn in der Schweiz wohnten – auch wenn sie keine gesetzlichen Vertreter seien.

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