Media Forum
Wenn sich ein Journalist und eine Pressesprecherin streiten

Am Swiss Media Forum sprechen der Chefredaktor von 20 Minuten Online und die Pressesprecherin der Swiss über das Spannungsverhältnis zwischen den Medien und Firmen.

Philipp Mäder
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Journalisten und Firmensprecher haben ein symbiotisches Verhältnis – jeder braucht den anderen. Und doch verfolgen sie unterschiedliche Ziele: Der Journalist will eine knackige Story, der Sprecher sein Unternehmen positiv darstellen. Dieses Spannungsverhältnis gab auch am Swiss Media Forum in Luzern zu reden (siehe Box). Für die az diskutierten am Rande des Forums Susanne Mühlemann und Hansi Voigt miteinander. Mühlemann ist Leiterin der Medienstelle von Swiss. Voigt ist Chefredaktor von 20 Minuten Online.

Ist das Verhältnis zwischen Firmensprechern und Journalisten gestört?Susanne Mühlemann: Gestört ist das falsche Wort. Aber es gibt ein natürliches Spannungsfeld zwischen den Seiten – und das ist in den letzten Jahren stärker geworden. Beide Seiten haben aufgerüstet.

Hansi Voigt: Aufgerüstet haben vor allem die Kommunikationsabteilungen, während die Zeitungsredaktionen stark ausgedünnt wurden. Das hat das Kräfteverhältnis gestört.

Mühlemann: Aber auch der journalistische Kurs ist härter geworden.

Haben die Firmen deshalb ihre Medienabteilungen ausgebaut?

Voigt: Früher konnte ein Journalist direkt beim Firmenchef anrufen. Da sind ab und zu Kommunikationspannen passiert, die journalistisch interessant waren. Heute läuft alles über Mediensprecher.

Wie gut arbeiten diese Sprecher?Mühlemann: Wir haben den Anspruch, so schnell und transparent wie möglich zu informieren. Da kann es bei Anfragen von Onlinemedien manchmal zum Clinch kommen, weil sie ihre Antwort sofort wollen, wir aber nur gesicherte Informationen herausgeben.

Voigt: Auch wir verwenden nur gesicherte Informationen. Es gibt aber Firmen, die machen jede Anfrage eines Journalisten zu einer Staatsaffäre. Dann kommt die Antwort für uns Onliner oft viel zu spät.

Ist es im Zeitalter von Facebook und Twitter noch möglich, brisante Informationen zurückzuhalten?Mühlemann: Kaum, die Transparenz ist heute zu gross.

Voigt: Dem kann ich zustimmen. Unsere Leser sind auch unsere Informanten. Die Masse der Leser weiss viel und verbreitet das rasend schnell. Und wenn wir schlafen, rüffelt man auch uns.

Mühlemann: Wir sind durch die neuen Medien vor neue Herausforderungen gestellt. Bei einem Problem erreicht uns der Anruf eines Journalisten oft fast zeitgleich wie die Meldung aus unserer Einsatzleitstelle.

Voigt: Ich möchte betonen, dass wir sämtliche Informationen der Leser bestätigen lassen, bevor wir etwas online stellen.

Mühlemann: Ja hoffentlich!

Voigt: Aber hier ist manchmal halt Tempo gefragt. Schwierig wird es, wenn zum Beispiel die SBB eine Störung haben und in Dietikon Hunderte von Leuten auf dem Perron stehen und uns Fotos schicken – die SBB-Pressestelle aber noch nichts weiss.

Wie sieht es mit der Qualität der Journalisten aus?Mühlemann: Gerade bei Onlinemedien erlebe ich irritierende Dinge: Mangelnde Sach- oder Dossierkenntnis der Journalisten, man wird falsch zitiert und nach dem Anruf, um etwas richtigzustellen, stimmen die Aussagen oft immer noch nicht. Ausserdem ist die Titelsetzung bei Online-Medien ein Kapitel für sich.

Voigt: Ich kann nicht für alle Online-Medien sprechen. Bei 20 Minuten Online bemühen wir uns um Transparenz und um hohe journalistische Qualität. Wir pushen deshalb nicht kurzfristig die Clickquote mit Fragezeichen-Titeln oder Rätselleads, wir nennen die Quellen und haben den Copy-Paste-Journalismus überwunden. Der Leser honoriert das.

Ist nicht der Mix zwischen PR und Journalismus die grössere Gefahr?Voigt: Die Mediennutzer sind professioneller geworden und verlangen Transparenz. Wenn wir den Flug des Solar Impuls übertragen, ist das nur dank deklariertem Sponsoring möglich. Aber das garantiert beim nächsten Artikel keinen Kuschelkurs.

Mühlemann: Auch aus Unternehmenssicht wäre es nicht sehr schlau, die Grenzen zu verwischen.

Voigt: Schwierig wird die Verknüpfung, wenn ein Konzern die ganze Verwertungskette von der Veranstaltung eines Konzertes über den Verkauf der Tickets bis zur Berichterstattung abdeckt. Da bleibt wohl die Transparenz auf der Strecke.

Mühlemann: Ich glaube nicht, dass das funktioniert. Wir verzichten auf unserer Facebook-Seite auf PR-Sprache, das goutieren unsere Kunden nicht.