Transsexualität
Wenn der Körper nicht zum Kopf passt

Jannes Schär war schon immer ein Mann – doch erst seit kurzem passen auch Pass und Körper zu seiner Identität. Transsexuellen wie ihm werden aber noch viele Steine in den Weg gelegt – rechtlich, gesellschaftlich und in der eigenen Familie.

Michael Nittnaus
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Im sicheren Hafen: Die Geschichte von Jannes Schär
17 Bilder
Schär beobachtet hier oft stundenlang Schiffe
Hier kann Schär abschalten
Schär in der Nähe des Kleinhüninger Hafens
Das alte Basler Kinderspital im Dezember beim Abriss
Schär beim Kinderspital
Beim Kinderspital werden Erinnerungen wach
Schär beobachtet in der Nähe des Kinderspitals Schiffe auf dem Rhein
Schärs Wohnung beim Basler Bahnhof St. Johann
Schär in seiner Wohnung. Man sieht die Bandagen an seiner Hand
Schaer mit Windhund Puce und Scotish Terrier Miss Murphy
Ein Schiffmodell in der Wohnung zeigt Schärs Leidenschaft
Schär nachdenklich auf seinem Balkon
Am EuroAirport Basel: Früher flüchtete Schär in die Wolken
Schär am EuroAirport
Schär arbeitete früher bei der Swissair in der Technik
Schär beobachtet Flugzeuge

Im sicheren Hafen: Die Geschichte von Jannes Schär

Michael Nittnaus

Der Lärm stört Jannes Schär nicht. Oft sitzt er stundenlang am Quai des Kleinhüninger Hafens und beobachtet die wuchtigen Containerschiffe und Tankkähne.

«Mein Vater nahm mich schon als Kind hierher mit», sagt der 49-Jährige und lässt seinen Blick über den Rhein gleiten. Damals hiess Jannes noch Isabella. Damals war es erst ein Gefühl. Heute ist es Gewissheit: Jannes Schär ist transsexuell. Bis dahin war es ein weiter Weg.

Operationszwang unter Druck

Der Basler nimmt erst seit gut drei Jahren Hormone. Operationen folgten: Brüste, Eierstöcke und Gebärmutter liess er entfernen.

Nur deshalb steht nun auch in seinem Pass ein «M». Der Preis dafür ist hoch: Jannes Schär ist unfruchtbar. «Es ist schockierend, wie rückständig die Schweiz diesbezüglich ist», sagt Alecs Recher.

Der 36-jährige Jurist aus Zürich, selbst ein Transmann, kämpft mit der Interessengruppierung Transgender Network Switzerland (TGNS) dafür, dass Transmenschen ohne Operation das offizielle Geschlecht ändern dürfen. «Immer mehr europäische Länder bestätigen, dass ein Operationszwang nicht mit den Menschenrechten, nämlich dem Recht auf körperliche Integrität, vereinbar ist.»

Hoffnung gibt Recher ein entsprechender Entscheid des Zürcher Obergerichts vom März 2011. Zürich ist der erste Kanton, der den Operationszwang aufgehoben hat.

«Ich hoffe, dass nun weitere Kantone nachziehen. Am besten wäre natürlich ein Bundesgerichtsentscheid, doch dafür bräuchten wir einen Transmenschen, der den juristischen Spiessrutenlauf bis zum Ende durchzieht.» Recher geht davon aus, dass dies noch Jahre dauern wird.

Schär will keine Sonderbehandlung

Jannes Schär hat sich den rechtlichen Hürden der Schweiz gefügt. Doch nicht nur das: «Ich bin für den Operationszwang», sagt er. Man dürfe nicht alle gesellschaftlichen Normen über den Haufen werfen. Das wäre zu viel verlangt.

In den nächsten Monaten wird die körperliche Transformation endgültig abgeschlossen sein. Schär sagt zwar, dass er mittlerweile operationsmüde sei, doch die optionale Phalloplastik, also das Nachbilden eines männlichen Gliedes, möchte er noch durchziehen.

Danach, nach über drei Jahren des Übergangs, will er seinen Platz in der Gesellschaft finden. Für ihn ist klar: «Ich will nicht zur Berufstranse werden.»

Für die Mutter bleibt er Isabella

An Schärs biologisches Geschlecht erinnert nur noch seine Stimme. Der Stimmbruch lässt trotz Testosteron weiter auf sich warten.

«Am Telefon werde ich noch immer als Frau wahrgenommen», sagt er denn auch. Der Wechsel der Tonlage sei allerdings nur eine Frage der Zeit.

Seinen Mädchennamen Isabella wird Jannes dagegen nie ganz abstreifen können: «Meine Mutter nennt mich nach wie vor so und das wird sich auch nicht ändern.»

Dementsprechend schlecht sei sein Verhältnis zur eigenen Familie. Bei seinem Coming Out vor rund sechs Jahren informierte er sie nicht.

«Isabella war durch und durch eine Frau. Sie trug die schönsten Kleider und schminkte sich gerne», erinnert sich Schärs Mutter.

Die ältere Dame, die weder mit Namen genannt, noch fotografiert werden möchte, akzeptiert die Transsexualität ihres Kindes nicht:

«Als ich es vor gut zwei Jahren herausfand, war es für mich ein Schock - und das ist es noch heute. Ich bin überzeugt, dass es nur eine Phase ist. Als Mutter hätte ich das sonst schon lange gespürt.»

Schärs Mutter sieht sich auch stellvertretend für die Mehrheit der Bevölkerung, wenn sie sagt, dass «die Gesellschaft Transsexuelle genauso wenig akzeptiert wie Homosexuelle».

Es sei eine Randgruppe und bliebe dies auch. «Ich liebe Isabella trotzdem», schiebt sie nach. Nicht wirklich wärmer klingt es bei Schär: «Ich liebe meine Mutter - aber ich mag sie nicht.»

Hören Sie einen Auszug des Gesprächs mit Jannes Schärs Mutter:

Orte, die sein Leben prägten

Den Einfluss seiner Familie auf seine Entwicklung hält Schär für gering. Er wurde von Anderem geprägt. Begleiten Sie Schär nun auf eine Reise durch Basel - und durch sein Leben:

Weitere Informationen zum Thema Transsexualität

• Das Transgender Network Switzerland bietet Unterstützung und Auskunft für Transmenschen, deren Angehörige und die allgemeine Öffentlichkeit.

• Unter dem Dach des Zentrums Selbsthilfe Basel organisieren sich zahlreiche Selbsthilfegruppen, unter anderem auch eine Gruppe für «Menschen mit abweichender Geschlechtsidentität, Transsexualität und Identitätsfindung», bei der Jannes Schär dabei ist.

• International orientieren sich viele Fachpersonen beim Umgang mit transsexuellen Personen an den «Standards of Care» der «World Professional Association for Transgender Health» (WPATH). Diese Richtlinien stehen allerdings unter massiver Kritik von den Vereinten Nationen, vom Europa-Parlament und vom Europäischen Menschenrechtskommissar. Dies, weil sie in ihrer aktuellsten Version vom September 2011 Transsexualität noch immer als etwas Pathologisches definieren. Die WPATH löst sich darin aber erstmals davon, es als schwere psychische Störung zu verstehen (Gender Identity Disorder).

• Auch in der «Internationalen statistischen Klassifikation der Diagnosen der Krankheiten und verwandter Gesundheitsprobleme» (ICD, Version 10, 2011), welche die Weltgesundheitsorganisation WHO herausgibt, wird Transsexualität noch unter dem Kapitel «Psychische und Verhaltensstörungen» aufgeführt.


• Neue Impulse für die Schweiz könnten die im Oktober 2011 erschienenen «Altdorfer Empfehlungen für die Begleitung, Betreuung und Therapie transsexueller Menschen» geben. Der Sozial-Psychiatrische Dienst Uri, unterstützt von diversen Fachleuten, löst sich darin explizit davon, Transsexualität als Krankheit zu definieren.