Alte Häftlinge
Wenn der junge Mörder im Gefängnis zum Altenpfleger wird

Die Häftlinge in den Schweizer Gefängnissen werden immer älter. Doch die Haftanstalten sind kaum darauf vorbereitet.

Noemi Lea Landolt
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Alte Häftlinge, die pflegebedürftig sind, zwingen die Schweizer Gefängnisse zum Handeln.Alessandro Della Bella/Keystone

Alte Häftlinge, die pflegebedürftig sind, zwingen die Schweizer Gefängnisse zum Handeln.Alessandro Della Bella/Keystone

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Im Alter werden alltägliche Dinge wie duschen schwer. Irgendwann geht es nicht mehr ohne fremde Hilfe. Der Mensch wird zum Pflegefall, ist rund um die Uhr auf Betreuung angewiesen. Das Alter macht auch vor Gefängnismauern nicht Halt. Mörder, Dealer und Vergewaltiger werden vergesslich, schwach und unselbstständig. Ihre Strafe müssen sie trotzdem absitzen; manchmal sterben sie hinter Gittern.

Die alten Häftlinge sind für die Gefängnisse zunehmend ein Problem. Seit 2005 hat sich die Zahl der über 50-jährigen Insassen auf über 600 Personen verdoppelt. 28 Häftlinge sind älter als 70 Jahre. Und es werden immer mehr. Denn die Lebenserwartung steigt, die Kriminalität im Alter nimmt zu und die strengeren Gesetze führen zu härteren und längeren Haftstrafen.

Der Sozialanthropologe Ueli Hostettler von der Universität Bern und sein Forschungsteam haben untersucht, wie Gefängnisse in der Schweiz dieser Entwicklung begegnen. Ihr Fazit ist ernüchternd: «Der Justizvollzug ist kaum auf die immer älteren Insassen vorbereitet.»

Das Gefängnispersonal steckt in einem Dilemma: Die Mitarbeiter müssen Straftäter überwachen und gleichzeitig betreuen und pflegen. Aus professionellen Gründen berührt ein Gefängnismitarbeiter die Häftlinge aber nicht. Das steht im Widerspruch zu den Anforderungen der Alterspflege.

Angst vor dem unwürdigen Sterben

Dieses Dilemma führt dazu, dass die Häftlinge in einem Umfeld gebrechlicher werden, das nicht auf die Bedürfnisse älterer Personen ausgerichtet ist. Die Gefangenen befürchten, dass sie, wenn sie krank sind oder Schmerzen haben, nicht ausreichend behandelt und ihre Wünsche nicht ernst genommen werden. «Alten und kranken Gefangenen ein würdiges Sterben zu ermöglichen, ist in den heutigen Haftanstalten schwierig», sagt Ueli Hostettler.

In der Justizvollzugsanstalt Pöschwies versuchen die Verantwortlichen, den Bedürfnissen des Gefangenen, aber auch der Sicherheit der Personen in der Umgebung des Gefangenen Rechnung zu tragen. In Pöschwies gibt es eine Abteilung für Alter und Gesundheit. Sie ist für Gefangene, die einen gewissen Schutz und eine intensivere Betreuung benötigen. Zudem werden Gefangene, wenn es ihr Gesundheitszustand erfordert, in eine geeignete Institution, zum Beispiel in ein Pflegeheim oder ein Spital, verlegt: «So wird es wenn möglich vermieden, dass ein Gefangener im Gefängnis stirbt», sagt Rebecca de Silva, Mediensprecherin des Amts für Justizvollzug im Kanton Zürich.

Der Mörder als Altenpfleger?

Hinter den Gefängnismauern muss sich in Zukunft um einiges verändern, fordern die Experten. Die Zellen sollten umgebaut und für die Langzeitpflege ausgerüstet werden. Es müssen Spitalbetten in die Zellen gebracht und Notfallknöpfe montiert werden. Gleichzeitig muss die Ausbildung des Personals angepasst beziehungsweise geklärt werden, wer welche Aufgaben übernimmt. «Wenn das Alter auch einen zunehmenden Pflegeaufwand mit sich bringt, braucht es Personal mit einer pflegerischen Ausbildung», sagt Rebecca de Silva. Denn Justizvollzugsfachleute bringen diese Ausbildung nicht mit und haben ein anderes Berufsverständnis.

In Amerika hat man einen interessanten Ansatz für die pflegebedürftigen Gefangenen gefunden. Im Hochsicherheitsgefängnis California Men’s Colony können sich Häftlinge zum Pfleger ausbilden lassen. Ist das auch eine Lösung für die Schweiz? Die Idee ist zumindest prüfenswert, findet Ueli Hostettler. Nicht nur aus wirtschaftlichen Gründen: «Viele der befragten Gefangenen erachten die Pflege und Unterstützung der Mitinsassen als sinnvolle Arbeit, die sie gerne übernehmen würden.»

In Pöschwies hat man es bisher nicht in Erwägung gezogen, Häftlinge für die Pflege einzusetzen: «Es müsste auch eine genügend grosse Auswahl an geeigneten und willigen Gefangenen vorhanden sein, die diese Aufgabe professionell und einfühlsam übernehmen könnten», sagt Rebecca de Silva. Aber bereits heute komme es immer wieder vor, dass ältere und schwächere Gefangene von ihren Mitgefangenen auf freiwilliger Basis unterstützt werden.

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