66'600 Franken: Diesen Betrag machte ein Einwohner des Kantons St. Gallen 2011 auf seiner Steuererklärung als Pendlerabzug geltend. Demzufolge muss der Mann pro Arbeitstag mehrere hundert Kilometer in seinem Auto zurückgelegt haben. Die Steuerbehörden anderer Kantone berichten laut der «NZZ am Sonntag» von ähnlich krassen Fällen.

Doch schon bald könnte die letzte Stunde der horrenden Pendlerabzüge geschlagen haben. Sagt das Stimmvolk am 9. Februar Ja zur Vorlage über die Finanzierung und den Ausbau der Bahninfrastruktur (Fabi), wird der maximale Fahrkostenabzug bei der Bundessteuer auf 3000 Franken beschränkt.

Diese indirekte Steuererhöhung würde dem Staat jedes Jahr 200 Millionen Franken für Bahnprojekte in die Kassen spülen und bei 20 Prozent der Steuerpflichtigen eine höhere Rechnung zur Folge haben. Betroffen wären in erster Linie die Autofahrer.

Aber nicht nur das: Wird Fabi angenommen, erhalten die Kantone neu das Recht, den Pendlerabzug bei ihren eigenen Steuern zu beschränken. Alles deutet darauf hin, dass sie im Fall eines Ja keine Zeit verlieren werden, die neue Ertragsquelle zu erschliessen. Im Kanton Bern, der unter massivem Spardruck steht, ist wie beim Bund eine Obergrenze von 3000 Franken in der Pipeline. Zürich und St. Gallen führen Ähnliches im Schild.

Kantonale Unterschiede

Bereits heute gibt es erhebliche Unterschiede, was die Höhe der kantonalen Pendlerabzüge anbelangt. Während Zürcher Steuerzahler pauschal 70 Rappen pro Kilometer aufschreiben dürfen, setzen viele andere Kantone auf ein abgestuftes System. In Basel-Stadt sind es für die ersten 15'000 Kilometer 70 Rappen. Dann sinkt der Betrag jeweils nach 5000 Kilometern um fünf Rappen. Ab 30'000 Kilometern können die Basler noch maximal 50 Rappen pro Autokilometer von ihrem Lohn abziehen.

Im Aargau wiederum sieht das Steuerrecht nur zwei Stufen vor: Wer an 220 Arbeitstagen täglich 90 Kilometer zurücklegt, erreicht so einen Abzug von 13'000 Franken.

Generell gilt: Nur wer keinen Zugang zu einem öffentlichen Verkehrsmittel hat, das Auto beruflich braucht oder gesundheitlich nicht in der Lage ist, mit dem Zug oder dem Bus zur Arbeit zu fahren, darf die Autokosten auf der Steuerrechnung geltend machen. Wer durch das motorisierte Pendeln gegenüber dem öV mindestens eine Stunde Zeit einspart, fällt ebenfalls in diese Kategorie.

Geringe Opposition

Der politische Widerstand gegen die Deckelung des Pendlerabzugs hält sich in Grenzen. Von den Parteien hat lediglich der Zentralvorstand der SVP die Nein-Parole ausgegeben.

Wie bei der Abstimmung zur Vignettenpreiserhöhung kämpft der Solothurner SVP-Nationalrat Walter Wobmann mit seiner Berner Partei- und Ratskollegin Nadja Pieren gegen die Fabi-Vorlage. Ihn stört, dass mit der Begrenzung des Pendlerabzugs indirekt Mittel aus dem Strassenverkehr in den öffentlichen Verkehr umgelagert werden. Er ist sich aber der geringen Erfolgsaussichten seines Kampfes bewusst.

Denn ein Nein zu Fabi wäre auch ein Nein zu Bahninfrastrukturprojekten im Umfang von 6,4 Milliarden Franken von Lausanne bis Chur. «Der Abstimmungskampf wird viel schwieriger werden als bei der Vignette. Aber ich kämpfe auch dann, wenn die Erfolgsaussichten gering sind», sagt Wobmann.

Viele seiner Parteikollegen seien dieses Mal anderer Meinung als er.

Für öV-Pendler hätte ein auf 3000 Franken beschränkter Fahrkostenabzug nur geringe Konsequenzen. Ihre Abzüge sind ohnehin viel kleiner als bei den Autofahrern. Der Besitzer eines 2.-Klasse-Generalabonnements zum Beispiel kann schon heute gerade mal 3550 Franken geltend machen.