Die brutale Attacke auf fünf Frauen in Genf hat letzte Woche die Schweiz erschüttert. Zwei von ihnen wurden schwer am Kopf verletzt. Eine liegt noch immer im Koma. Mittlerweile steht fest, dass die Täter Franzosen sind und aus dem grenznahen Ausland kommen. Derzeit kümmern sich die französischen Strafbehörden um den Fall. Hierzulande haben die Vorkommnisse derweil eine intensive Debatte ausgelöst; in verschiedenen Schweizer Städten gingen Menschen auf die Strasse, um für ein Ende der Gewalt gegen Frauen zu protestieren.

Nach Angriff vor Nachtclub: Protestaktion gegen Gewalt an Frauen in Genf

Nach Angriff vor Nachtclub: Protestaktion gegen Gewalt an Frauen in Genf

Rund einhundert Menschen versammelten sich in Genf, um die Gewalt gegen Frauen anzuprangern. Der Aufruf wurde nach einer Auseinandersetzung gestartet, bei der fünf Frauen zum Teil schwer verletzt wurden.

Statistisch gesehen, werden Frauen heute seltener Opfer von Gewaltstraftaten als noch vor ein paar Jahren. Das geht aus der polizeilichen Kriminalstatistik hervor, welche es aus Erfassungsgründen nur für die Jahre seit 2009 gibt. Seither ging die Zahl der weiblichen Gewaltopfer zurück; von 15 731 vor neun Jahren auf 14 345 im letzten Jahr. Dieser rückläufige Trend zeigt sich bei den meisten Deliktarten, wobei es gerade bei den schwereren Vergehen Ausnahmen gibt. So stieg die Zahl der Tötungsdelikte leicht – von 77 auf 81 – an. Auch bei den schweren Körperverletzungen gibt es eine leichte Zunahme.

«Es passiert immer noch zu viel»

Deutlich zurückgegangen sind die Opferzahlen bei einfachen Körperverletzungen und Tätlichkeiten. Opfer eines Raubes wurden im Jahr 2017 noch 575 Frauen; 2009 waren es noch 972 gewesen. Der positive Trend ist aber aus mehreren Gründen mit Vorsicht zu geniessen. Einerseits stieg die Gesamtzahl der Gewaltstraftaten seit 2015 wieder leicht an. Das gilt für die Opfer schwerer Gewalt noch verstärkt, die Zahl der Vergewaltigungen etwa nahm zuletzt wieder deutlich zu: 2009 lag sie noch bei 632, erreichte 2015 mit 509 einen Tiefststand – und ist seither wieder auf 594 Opfer im letzten Jahr gestiegen.

Dazu kommt, dass die Zahlen des Bundesamts für Statistik (BFS) naturgemäss nur jene Vergehen abbilden, welche der Polizei auch tatsächlich gemeldet wurden. Gerade bei Delikten, auf welche die Polizei nicht von sich aus aufmerksam wird, passiert das bei weitem nicht immer. Die Dunkelziffer ist hoch, insbesondere bei der häuslichen Gewalt. «Gerade wenn Opfer und Täter in einer Beziehung stehen, ist der Gang zur Polizei schwer, weil er schwer wiegende Konsequenzen haben kann», sagt Corina Elmer, Geschäftsleiterin von «Frauenberatung sexuelle Gewalt».

Elmer bezeichnet die Zahlen des Bundes deshalb als «Spitze des Eisbergs». Seit 40 Jahren ist sie schon in der Opferberatung tätig. Eine Zunahme der Gewalt gegen Frauen hat sie in den letzten Jahren auch aus der Perspektive der Opferberaterin nicht festgestellt. Elmer spricht von einem Problem, das «konstant gross» sei. «Es passiert immer noch zu viel, aber es passiert nicht erst seit heute», sagt sie.

Verlagerung auf die Strasse?

Die laufende Debatte dreht sich auch um die Frage, ob der öffentliche Raum für Frauen zunehmend unsicherer wird, es eine Verlagerung von der häuslichen zur Gewalt auf offener Strasse gibt, wo die Frauen in Genf attackiert wurden. Statistisch lässt sich mit Blick auf die häusliche Gewalt Folgendes sagen: Die Zahl der beschuldigten Männer ist seit 2009 von 7476 auf 7306 zurückgegangen, wobei der Trend auch hier seit kurzem in die Gegenrichtung zeigt. Aus den Zahlen des BFS geht der Tatort nicht hervor; ob es zu mehr Übergriffen im öffentlichen Raum kommt, lässt sich aus ihnen nicht schliessen. Das Amt ist derzeit daran, diese Zahlen aufzubereiten. Corina Elmer glaubt nicht an die Verlagerungsthese. Sie sagt aber auch, dass es «trotzdem ein Problem» gebe. «Schliesslich kennt es jede Frau, im öffentlichen Raum belästigt zu werden», sagt sie.

Der schweizweit bekannte Kriminologe Martin Killias, der sich in seiner Laufbahn intensiv mit der Gewalt an Frauen befasst hat, betont derweil, dass das Hauptproblem seit je Gewalt auf der Strasse gewesen sei. Das habe bereits eine umfassende Untersuchung im Jahr 2004 gezeigt. «Man hat das in der Debatte jahrelang ignoriert», sagt Killias. Das ändere sich nach den Vorkommnissen in Genf nun.