Weltfussball
Infantino ziehts nach Doha – hat der Fifa-Chef genug von der Schweiz und ihrer Justiz?

Der Präsident des Weltfussballverbands soll im Begriff sein, sich in Katar niederzulassen, wo die WM 2022 stattfindet.

Henry Habegger
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Will sich anscheinend aus der Schweiz verabschieden: Fifa-Präsident Gianni Infantino

Will sich anscheinend aus der Schweiz verabschieden: Fifa-Präsident Gianni Infantino

Severin Bigler

Fifa-Präsident Gianni Infantino (51), Walliser, wohnhaft bei Zürich und am Genfersee, will sich offenbar geografisch verändern. Er soll sich demnächst in Katar niederlassen, dem Austragungsort der WM 2022. Zumindest teil- oder zeitweise, wie die afrikanische Online-Zeitung «Foot Afrique» berichtet.

Demnach sei Infantino dabei, im Golfstaat ein Büro zu eröffnen: «Der Fifa-Präsident soll entschieden haben, sich ein Jahr vor Beginn der WM in Katar niederzulassen.» Letzte Woche, so die in Algerien domizilierte Fachpublikation, habe sich Infantino in Katars Hauptstadt Doha aufgehalten, um diesen Umzug zu besprechen.

Impfen und wohnen bei den Scheichs?

Auch habe Infantino sich und seine Entourage letzte Woche gegen Covid-19 impfen lassen, schreibt «Foot Afrique». Die Katar-Pläne scheinen fortgeschritten. Es sei im Emirat die Rede davon, dass der mit einer Libanesin verheiratete Fifa-Boss eine Tochter an der französischen Schule Bonaparte in Doha eingeschrieben habe. Für das nächste Schuljahr, das im September beginne.

Schön, nicht? Die Skyline von Doha.

Schön, nicht? Die Skyline von Doha.

Getty Images

Infantino vermeide so, dass er ständig zwischen dem Fifa-Sitz Zürich und dem Austragungsort der WM hin- und herfliegen müsse. «Alles deutet darauf hin, dass Infantino den Grossteil seiner Zeit in Doha verbringen wird, wo der Anstoss zur WM für den 21. November 2022 geplant ist.»

Die «Schweiz am Wochenende» fragte bei der Fifa-Medienabteilung schriftlich nach, ob die Darstellung zutreffe. Die Fifa reagierte ebenso wenig auf eine Reihe von Fragen zu Umzug und Impfung wie Infantinos diskreter Zürcher Kommunikationsberater Aloys Hirzel auf die Bitte, sich für die Beantwortung der Katar-Fragen einzusetzen. Infantinos Truppe dementiert also nicht. Infantino wäre laut Insidern der erste Fifa-Präsident, der seinen Sitz ganz oder teilweise an den Austragungsort einer Fussball-WM verlegt, und dies offenbar sogar schon ein Jahr vor Anpfiff.

Schweizer Sonderermittler führt ein Strafverfahren

Aber die Nähe von Infantino zu Katar ist notorisch. So fanden seine Geheimtreffen mit Bundesanwalt Michael Lauber in einem Sitzungszimmer des Berner Hotels Schweizerhof ab, das dem Emirat Katar gehört. Das Sitzungszimmer lag Wand an Wand zur Botschaft von Katar. Zu einem der Treffen mit Lauber flog Infantino im Privatjet des Emirs von Katar an. Im Zusammenhang mit diesen ominösen Treffen läuft seit letztem Sommer ein Strafverfahren unter anderem gegen Infantino. Der vom Bund eingesetzte Sonderermittler Stefan Keller untersucht, ob es bei den Treffen zu strafbaren Handlungen wie Begünstigung kam. Es gilt die Unschuldsvermutung.

Mysteriös ist vor allem eines der «Schweizerhof»-Treffen, an dessen Inhalt sich keiner von mindestens vier Teilnehmern erinnern will. Dabei gibt es Hinweise auf einen fünften Teilnehmer. Vielleicht ein Mitarbeiter der Bundesanwaltschaft, vielleicht ein Vertreter Katars.

Amnesty International fordert Fifa auf, «endlich zu handeln»

Ein Verfahren, das Fragen aufwirft, führte die Bundesanwaltschaft auch gegen einen Scheich aus Katar: Nasser al-Khelaifi, Präsident des Fussballklubs Paris Saint-Germain. Es geht um Korruptionsvorwürfe im Zusammenhang mit Medienrechten. Kurz vor Prozessbeginn letztes Jahr zog Infantinos Fifa den Strafantrag wegen Privatbestechung gegen Al-Khelaifi plötzlich zurück. Der Bundesanwaltschaft brach ein Teil der Anklage weg. Der Scheich wurde im letzten Oktober vom Bundesstrafgericht freigesprochen.

Nasser al-Khelaifi.

Nasser al-Khelaifi.

Keystone

Die Menschenrechtsorganisation Amnesty International forderte soeben in einem offenen Brief: «Fussball-WM 2022 in Katar: Die Fifa muss endlich handeln.» In Katar würden beispielsweise Tausende ausländische Arbeitskräfte nach wie vor «ausgebeutet und missbraucht». Infantino erklärte das Problem zwar zur «Top-Priorität», lässt aber Taten vermissen. «Autokraten wie der Fifa-Chef stellen sich nicht gegen Autokraten wie die in Katar», stellt die «Süddeutsche Zeitung» soeben fest.

Jetzt disloziert Infantino anscheinend zumindest teilweise nach Katar. Dass er sich so dem Zugriff der Schweizer Justiz vorsorglich entziehen will, halten Strafverteidiger für eine abenteuerliche These. Dann würde der Fifa-Chef riskieren, international zur Verhaftung ausgeschrieben zu werden.

Infantino kokettiert mit Verlegung des Fifa-Sitzes

Eine unter Experten diskutierte Frage ist auch, ob Infantino Vorbereitungen trifft, den Fifa-Sitz von Zürich nach Katar zu verlegen. 2019 kokettierte Infantino angeblich damit, den Hauptsitz nach Paris zu verlegen.

Will er der Schweiz den Fifa-Sitz wegnehmen? Gianni Infantino.

Will er der Schweiz den Fifa-Sitz wegnehmen? Gianni Infantino.

Keystone

Im letzten August, nachdem der Sonderermittler das Strafverfahren gegen Infantino eröffnet hatte, liess dessen Fifa-Intimus Alasdair Bell offen, ob der Weltfussballverband seinen Hauptsitz als Reaktion auf das Strafverfahren gegen Infantino ins Ausland verlegen könnte. Als Alternativstandort war zeitweise auch Dubai (Arabische Emirate) im Gespräch.