Transparenz
Welches Spital Sie meiden sollten

Erstmals können Patienten die Qualität von Eingriffen in Schweizer Krankenhäusern vergleichen. Dazu dienen verlässliche Daten. Die Transparenz soll den Wettbewerb ankurbeln. «Die Spitäler haben einen Anreiz, besser zu werden.»

Anna Wanner
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Wer sich vor der Operation informiert und das Spital bewusst wählt, hat bessere Chancen auf gute Gesundheit.Gaetan Bally/keystone

Wer sich vor der Operation informiert und das Spital bewusst wählt, hat bessere Chancen auf gute Gesundheit.Gaetan Bally/keystone

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Wer einen Krebs an der Bauchspeicheldrüse operieren oder ein Kniegelenk ersetzen muss, tut gut daran, sich vor dem heiklen Eingriff zu informieren. Welcher Arzt ist erfahren? Und welches Spital bietet gute Pflege und Betreuung?

Bisher war der Patient hauptsächlich auf den guten Rat des Arztes angewiesen. Der wird auch weiterhin wichtig sein. Aber nicht nur: Neu kann jeder Patient Spitäler anhand von Qualitätsindikatoren vergleichen.

Dazu dienen Daten des Bundesamts für Gesundheit (BAG), das für jedes Krankheitsbild Fallzahlen und Mortalitätsraten erhebt. Zusätzliche Angaben zur Patientenzufriedenheit, zu Wundinfektionen und zur Qualität der Betreuung liefert der Verein für Qualitätsentwicklung in Spitälern (ANQ).

Zwar sind die Daten bereits heute öffentlich. Doch für Patienten sind diese kaum auffindbar, geschweige denn lesbar oder verständlich. Deshalb hat der Krankenkassenverband Santésuisse zusammen mit dem Konsumentenforum (KF) die Daten aufbereitet und auf einer Internetplattform verständlich dargestellt.

Der Bundesrat stärkt freie Arztwahl

Versicherte sollen im ambulanten Bereich ihren Arzt in der Schweiz frei wählen können, ohne dass ihnen finanzielle Nachteile entstehen. Mit der Gesetzesrevision kommt der Bundesrat den Kantonen entgegen. Heute werden die Kosten höchstens nach dem Tarif vergütet, der am Wohnort eines Versicherten oder in dessen Umgebung gilt. Mit der Revision will der Bundesrat auch die grenzüberschreitende Zusammenarbeit im Gesundheitswesen verstärken. Heute werden medizinische Behandlungen im grenznahen Ausland nur im Rahmen von befristeten Pilotprojekten finanziert. Der Bundesrat schafft nun gesetzliche Grundlagen, um die Projekte weiterzuführen. (sda)

Übung macht den besten Arzt

Wer sich also die Bauchspeicheldrüse entfernen lassen muss, kann den Eingriff auf der Website spitalfinder.ch anklicken. Das System spuckt über hundert Resultate aus.

Auf den ersten Blick ist ersichtlich, dass das Berner Inselspital den Eingriff am häufigsten durchführt (78 Fälle), gefolgt vom Universitätsspital Lausanne (60 Fälle).

Auf den zweiten Blick ist zu erkennen: In Lausanne sterben verhältnismässig weniger Patienten beim oder nach dem Eingriff als in Bern. Der Betroffene kann sich mithilfe dieser Angaben besser entscheiden. Zumindest ansatzweise.

Die Fallzahl interessiert, weil wissenschaftlich belegt ist, dass mehr Übung und Erfahrung bei medizinischen Eingriffen zu besseren Ergebnissen führt.

Sie darf jedoch nicht für bare Münze genommen werden: Die 78 Bauchspeicheldrüsen, die 2013 am Inselspital operiert wurden, hatte womöglich nicht immer derselbe Arzt entfernt. Ähnliches gilt für die Mortalitätsrate. Sie liefert einen Eindruck, aber einen unvollständigen – weil nicht ersichtlich ist, ob der Patient ein weiteres Leiden hatte, das die Operation erschwerte.

Santésuisse-Direktorin Verena Nold sagt ganz offen, dass die Information auf der Website nicht vollständig sei. «Die Plattform hilft dem Patienten unter den vielen guten Schweizer Spitälern die hervorragenden zu finden.»

Im konkreten Fall der Bauchspeicheldrüse böte sich das Ausschlussverfahren an: Mehr als dreissig Spitäler führen den Eingriff nicht einmal zehnmal pro Jahr durch. Unter Experten gelten zehn Operationen als Untergrenze.

Strategie schützt Mensch und Tier

Seit Jahrzehnten retten Antibiotika Millionen von Leben. Doch ihre Wirksamkeit lässt wegen übermässigem und teils unsachgemässem Einsatz nach. Nun sagte der Bundesrat den zunehmenden Resistenzen den Kampf an. Er hat die Strategie Antibiotikaresistenzen Schweiz (StAR) verabschiedet mit dem Ziel, die Wirksamkeit von Antibiotika für Mensch und Tier langfristig zu erhalten. Verbindliche Massnahmen sind allerdings nicht vorgesehen. (sda)

Den Wettbewerb ankurbeln

Die Plattform dient nicht nur dem Patienten, der ein geeignetes Spital sucht. Die Krankenversicherer versprechen sich ebenfalls einen Vorteil – zumindest längerfristig. Seit 2012 die neue Spitalfinanzierung samt freier Spitalwahl eingeführt wurde, stehen die Spitäler im Wettbewerb: Wer bessere Qualität bietet, dem laufen die Patienten zu.

Denn die obligatorische Krankenversicherung bezahlt den Aufenthalt in jedem Listenspital – unabhängig vom Kanton. So weit die Theorie. Der Wettbewerb funktionierte bisher aber nur bedingt, weil viele Patienten nicht die nötigen Informationen hatten, um das optimale Spital zu finden.

Die Transparenz soll den Wettbewerb nun ankurbeln. «Die Spitäler haben einen Anreiz, besser zu werden», sagt Nold. «Denn wer die Qualität nicht bringt, sollte sanktioniert werden können.» Möglich wäre dies über tiefere Tarife, welche die Versicherer jeweils mit den Spitälern einzeln aushandeln.

Eine weitere Folge, welche von den Versicherern begrüsst würde, ist die Spezialisierung: Nicht mehr jedes Spital muss in Zukunft alle möglichen Operationen anbieten.

Nold formuliert es so: «Der informierte Patient sucht nicht mehr das Spital direkt vor der Haustüre auf – sondern das beste.»

Gerade seltene und komplizierte Behandlungen sollten von geübten Ärzten durchgeführt werden. Damit liessen sich auch Kosten sparen. Doch Zentralisierung der Leistungen ist für die Kantone ein äusserst heikles Thema. So wollen die grossen Spitäler auch aus Prestigegründen an Nischenbereichen festhalten – und die Spezialisten für sich gewinnen.

Für Schwangere und Rückkehrer

Mit dem Aufschalten der Plattform ist das Projekt nicht abgeschlossen. Die Daten werden jährlich ergänzt. Nold hat ausserdem versprochen, dass weitere Schritte folgen würden. «Wir arbeiten daran, auch Angaben zu Geburtshäusern aufzuschalten», so Nold.

Ausserdem berechne der Verein ANQ in einer Testphase die Anzahl Rehospitalisationen und Reoperationen pro Spital. Bald kann also noch genauer ermittelt werden, welches Spital durch hohe Qualität besticht.

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