Kinos

Weil der neueste «Bond»-Film verschoben wurde, erfinden sich Kinos neu: Jetzt öffnen sie sich für Gamer und private Filmabende

Mit Maske im Kinosaal, aber ohne Topagent auf der Leinwand: Schweizer Kinos leiden unter der Verschiebung des neuesten «James Bond»-Streifen.

Mit Maske im Kinosaal, aber ohne Topagent auf der Leinwand: Schweizer Kinos leiden unter der Verschiebung des neuesten «James Bond»-Streifen.

Den Kinos fehlen die Blockbuster schmerzlich, die Säle aber bleiben geöffnet. Eine Kette eröffnet gar ein neues Multiplex. Und trotzdem: «Die Branche kannibalisiert sich in der Schweiz seit Jahren selber».

Wenn sich Daniel Craig als Doppelnull-Agent James Bond seinen Weg freischiesst, rennen die Menschen ins Kino: Das war das Kalkül der Kinobetreiber. Im November hätte der 25. Film aus der Bond-Reihe im Kino starten sollen – ein garantierter Strassenfeger, trotz Maskenpflicht in den Foyers und eingeschränktem Angebot etwa bei der Verpflegung.

Es wäre eine Art Wiedergeburt des Kinos nach einer Schliessung im Lockdown und einer langen Phase ohne grosse Premieren geworden. Als die Swisscom vor kurzem ihr neues Entertainment-Konzept «blue» vorstellte, zu dem auch die ehemaligen Kitag-Kinos gehören, fiel der Name «Bond» denn auch mehrfach. Die Verantwortlichen setzten grosse Hoffnungen in den Film – und werden nun enttäuscht.

Bond wurde viermal verschoben

Denn schon zum vierten Mal verschob das Filmstudio den Kinostart vor einer Woche erneut. Nun soll er erst im April 2021 über die Leinwände flimmern. Als Begründung wurde angegeben, der Film könne nur so von einem weltweiten Publikum gesehen werden. Denn noch immer sind in einigen Ländern die Kinos geschlossen, anderswo operieren sie mit deutlich weniger Kapazität und Besuchern.

Die englische Kinokette Cineworld, die zweitgrösste der Welt, gab als Folge der Verschiebung bekannt, mehr als 600 Kinos in Grossbritannien und den USA vorübergehend zu schliessen, 45'000 Beschäftige sind davon betroffen. Die Aktien des US-Marktführers AMC wiederum verloren innert einer Woche etwa 14 Prozent ihres Werts.

Schweizer Kinobetreiber hingegen verströmen Zuversicht. Sie wollen weder Kinos schliessen noch die Öffnungszeiten reduzieren, wie das im Sommer dieses Jahres praktiziert wurde. «Der Bond-Filmstart wäre für die gesamte Kino-Branche äusserst wichtig gewesen», sagt Olivia Willi, Sprecherin von Blue Cinemas.

Weil er bereits im Frühling schon einmal verschoben worden sei, habe man eine weitere Verzögerung aber mit einkalkuliert. «Aktuell belassen wir unsere derzeit bestehenden Öffnungszeiten», sagt Willi. «Wir behalten uns vor, diese jederzeit entsprechend anzupassen.»

Neues Multiplex-Kino in Basel

In den kommenden Wochen seien einige Filmstarts vorgesehen. «Es ist aber klar, dass keine dieser Produktionen eine Strahlkraft eines Bonds hat.» In einer Spezialreihe zeigt Blue Cinemas dennoch vom 15. Oktober bis zum 10. November alle bisherigen 24 James-Bond-Filme im Kino – «um trotzdem ein Agenten-Highlight im Kino anzubieten», wie es Willi sagt.

Die Konkurrentin Arena Cinemas eröffnet am 30. Oktober gar ein neues Multiplex-Kino in Basel. In 14 Sälen werden im ehemaligen Shopping-Center Filme gezeigt, die Betreiber werben mit den «grössten Leinwänden der Region». Arena betreibt unter anderem Kinos in Zürich, der Westschweiz, in Glarus und im Tessin. Welchen Einfluss die Verschiebung des Bond-Streifens hat, will ein Sprecher aber nicht sagen: Man gebe keine Auskünfte in Zusammenhang mit Corona.

«Bond wäre wichtig gewesen»

Offener zeigt sich Pathé, die grösste Kinobetreiberin der Schweiz. «Natürlich wäre der neue Bond-Film ein wichtiges Zeichen gewesen», sagt Kommunikationschefin Giulia Griffin. «Er hätte den Leuten gezeigt, dass wieder neue, grosse Filme kommen. Die Verschiebung ist umso schmerzhafter, da jetzt Hochsaison für die Kinos ist. Er wäre auch für die Motivation der Mitarbeiter wichtig gewesen.»

Schliessungen von Kinos seien trotzdem nicht geplant. Man könne den Schweizer Markt nicht mit England oder den USA vergleichen. «In den USA gibt es im Wesentlichen zwei Kino-Hotspots an der Ost- und Westküste», sagt Griffin. Dort seien die Kinos viel länger geschlossen gewesen als hierzulande.

Dasselbe treffe auf Grossbritannien zu. Die Erholung sei hierzulande schon weiter. Auch das Instrument der Kurzarbeit, das es in den USA gar nicht und in Grossbritannien nicht vergleichbar gebe, helfe, Schliessungen zu verhindern.

Eigene Blurays im Kino schauen

Die Reduktion von Öffnungszeiten, wie sie in den Sommerferien praktiziert wurde, müsse nicht wiederholt werden, sagt Griffin. Die Kinos seien derzeit «recht gut» besucht.« Die Atmosphäre ist wieder da», sagt Griffin. Einen kleinen Vorteil habe die Bond-Verschiebung: «Es kommen nun andere Filme ins Kino, die von den Studios zurückgehalten worden wären, wenn ihnen der neue Bond-Film die Show gestohlen hätte.»

Griffin sagt, das Kinoverhalten verändere sich langsam. Einerseits gewöhnten sich die Leute an das «new normal» etwa mit der Maskenpflicht im Foyer, andererseits sei das Bedürfnis nach Kino als Event gestiegen. Darauf reagiere Pathé mit Alternativangeboten wie der Vermietung von Kinosälen für vier Stunden – etwa, um eigene Blurays zu Schauen oder zum Gamen.

Originalversionen feiern ein Comeback

Die Lücken im Kinoangebot füllt Pathé unter anderem mit Reprisen und zeigt ältere Filme, die beliebt sind – zuletzt etwa ältere Filme von «Tenet»-Regisseur Christopher Nolan. Die Konkurrenz von Blue Cinemas und Arena wiederum setzt auf Filme aus dem Fundus des Streaming-Anbieters Netflix.

So läuft etwa derzeit der neue Netflix-Film «The Trial Of The Chicago 7» in deren Kinos. Diese Zusammenarbeit habe sich sehr bewährt, die Netflix-Filme seien im Kino sehr beliebt, sagte Blue-Chef Wolfang Elsässer kürzlich dieser Zeitung.

Die Coronakrise ist nicht für alle Probleme des Kinos verantwortlich. Pathé-Kommunikationschefin Giulia Griffin sagt: «Die Branche kannibalisiert sich in der Schweiz seit Jahren. Eigentlich sitzen wir alle im gleichen Boot, aber die Branche spricht viel zu wenig miteinander.»

Eigentlich gebe es viele Synergien, aber genutzt würden diese nicht. Es sei eher das Gegenteil der Fall: Als Pathé in seinem neuen Kino in Spreitenbach AG ein neues VIP-Kino eröffnete, habe ein Mitbewerber  das Konzept kurz darauf kopiert. «Da hätte man vorher miteinander reden können, so dass am Schluss der Besucher profitiert», findet Griffin.

Im Gegensatz zur Konkurrenz sei eine Expansion für Pathé derzeit kein Thema. «Wir versuchen, mit den bestehenden Strukturen zu arbeiten», sagt Griffin. Trotzdem könnte sich das Kino verändern, denn es sei eine neue Entwicklung zu beobachten. Obwohl weiterhin Leute allen Alters ins Kino gingen, gebe es eine Verschiebung von Blockbustern hin zu kleineren Filmen. «Auch Originalversionen sind häufiger gefragt», sagt Griffin.

Deshalb programmiere Pathé nun wieder mehr Filme in der Originalsprache – nach Jahren, in denen synchronisierte Versionen Jahr für Jahr mehr Marktanteile gewannen. Das beste Argument dafür liefert Pathé gleich selbst auf seiner Internetseite: «Run, Forrest, Run»! tönt nun einmal besser als «Seckle, Forrest, Seckle!».

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