Amt für Justizvollzug

Wegen schwerer Erkrankung: Bekannter Zürcher Psychiater Urbaniok tritt nach 21 Jahren zurück

Frank Urbaniok erneuerte ab Mitte der 90er-Jahre die forensische Psychiatrie.

Frank Urbaniok erneuerte ab Mitte der 90er-Jahre die forensische Psychiatrie.

Frank Urbaniok, der langjährige Leiter des Psychiatrisch-Psychologischen Dienstes des Kantons Zürich, tritt nach mehr als 21 Jahren zurück. Er muss wegen einer schweren Erkrankung beruflich kürzer treten. Per 1. August übernehmen Matthias Stürm und Michael Braunschweig die Leitung.

Seit Monaten ist es ruhig um Frank Urbaniok. Zuvor war der heute 56-jährige gebürtige Deutsche mit den stechend blauen Augen und dem Ring im Ohr ein Dauergast in den Medien. Er war immer dann besonders gefragt, wenn es darum ging, die Tat eines rückfälligen Kriminellen zu erklären. Auf diesem Gebiet war Urbaniok der unbestrittene Experte. Und dazu einer, der ab Mitte der Neunzigerjahre den Strafvollzug in der Schweiz umkrempelte. Seit 1995 stand Urbaniok im Sold des Zürcher Justizvollzugs. Dort leitete er über 21 Jahre den Psychiatrisch-Psychologischen Dienst (PPD). Seine Vorgesetzten waren Markus Notter (SP), Martin Graf (Grüne) und aktuell Jacqueline Fehr (SP).

«Möglicherweise ist es ein besonderer Kick»

Gefragter Experte

Gerichtspsychiater Frank Urbaniok spricht bei einem Interview im Mai 2016 im Newsroom der AZ Medien in Aarau über den Vierfachmörder von Rupperswil.

Schweres Krebsleiden

Jetzt gibt Urbaniok seinen Chefposten infolge einer «schweren Erkrankung» ab, wie es in der gestrigen offiziellen Mitteilung heisst. Um welche Krankheit es sich handelt, sagt Jérôme Endrass nicht. Der Stabschef des Amtes für Justizvollzug bestätigt aber, dass Urbaniok seit mehr als einem Jahr seine Funktion aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr wahrnehmen konnte. Er hoffe, sagt Endrass, dass Urbaniok in Zukunft weiterhin als Fachexperte zur Verfügung stehe. Ab 1. August übernimmt das Duo Matthias Stürm und Michael Braunschweig die Leitung des PPD. Von Personen aus Urbanioks Umfeld ist zu erfahren, dass der «berühmteste Psychiater der Schweiz» an einer schweren Form von Krebs leidet.

Das Amt für Justizvollzug bezeichnet Urbaniok als Erneuerer der forensischen Psychiatrie. Er habe europaweit Spuren hinterlassen und den Zürcher PPD zu einer international führenden Institution entwickelt. Fachleute bestätigen diese Einschätzung. Letztes Jahr ehrte die Gesellschaft für Rechtspsychologie Urbanioks Lebenswerk. Deren Präsidentin Leena Hässig-Ramming blendet in die späten Achtzigerjahre zurück, um das Neuartige an Urbanioks Arbeit zu erklären. Damals sei es verpönt gewesen, mit den Tätern zu arbeiten. Wer es trotzdem tat, habe sich verdächtig gemacht, mit ihnen unter einer Decke zu stecken. Der Umschwung sei dann mit dem Mordfall am Zollikerberg von 1993 gekommen, als Erich Hauert im Hafturlaub die Pfadfinderin Pasquale Brumann umbrachte. Die bisherige forensische Psychiatrie geriet in Verruf, weil ihre Prognosefähigkeit versagte. Politik und Öffentlichkeit verlangten mit Nachdruck Opferschutz statt die Beschäftigung mit den Tätern.

Rückfallrisiko senken

Urbaniok fand den Ausweg aus der Krise der Psychiatrie, indem er den Fokus auf die Senkung der Rückfallquote legte. Deliktorientierte Psychiatrie lautete sein Programm. Dabei gelang ihm das Kunststück, die zuvor argwöhnisch beäugte Arbeit mit Straftätern zu rehabilitieren, indem er diese Tätigkeit in den Dienst des Opferschutzes stellte. Indem er sich mit dem Delikt des Täters befasse, betreibe er zugleich Opferschutz, lautete sein Credo. Urbaniok selber kommentierte in einem Interview seinen Ansatz so: Er habe die deliktorientierte Tätertherapie in einer Zeit eingeführt, in der Tiefenpsychologie en vogue war. Er habe immer auch darauf hingewiesen, dass es eine kleine Gruppe sehr gefährlicher, untherapierbarer Täter gebe, die langfristig gesichert werden müssten. «Für beides wurde ich hart kritisiert, bekämpft und auch beschimpft», sagte Urbaniok.

Er erfand ein Prognoseinstrument, das die Gefährlichkeit und Rückfallgefahr von Straftätern errechnete: Es handelt sich um ein Computerprogramm mit dem Namen Fotres (Forensisches Operationalisiertes Therapie-Risiko-Evaluations-System). Dieses umfasst 700 Kriterien, mit denen ein Gutachter oder ein Therapeut einen Fall Punkt für Punkt abarbeitet. Das systematische Vorgehen war neu. Urbaniok entwickelte das Programm in seiner Freizeit und machte damit auch privat Geschäfte, welche die Justizdirektion ebenso wie andere Nebentätigkeiten bewilligte.

Unpraktikables Programm

Fotres löste verschiedentlich Kritik aus. Das System sei wegen der viel zu vielen Kriterien unpraktikabel und vermittle überdies eine Pseudogenauigkeit. Am Ende erscheint im System eine Zahl zwischen null und vier, wobei null für sehr geringe und vier für sehr hohe Rückfallgefahr steht. Schliesst dieses Tool Irrtümer aus? Natürlich nicht, sagte Urbaniok im erwähnten Interview. Es schränke die Fehlermöglichkeiten ein, schliesse sie aber nicht aus.
Zu Urbanioks schärfsten Kritikern gehört der Zürcher Psychiater Mario Gmür, der sich als Spielsucht-Experte einen Namen gemacht hat. Fotres sei eine «üble Art der statistischen Menschenvermessung», schreibt Gmür. Zu den Kritikern zählen auch inhaftierte Täter und deren Angehörige. Von dort kommt etwa der Vorwurf, das Amt für Justizvollzug verweigere Inhaftierten Vollzugserleichterungen, wenn sie sich weigerten, bei Therapien mitzuwirken. Der unterdessen aus dem Gefängnis entlassene Hugo Portmann war einer, der sich nicht von Urbaniok therapieren und einschätzen lassen wollte. Er bezeichnete das Gefängnis, wo er untergebracht war, spöttisch als «Urbanioks-Psycho-Versuchsanstalt».

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