Fasnacht
Wegen des Corona-Virus steht die Basler Fasnacht auf der Kippe

Cliquen, Beizenbesitzer und Behörden: Die drohende Absage der Basler Fasnacht beschäftigt beide Basel.

A. Turcan, B. Rosch, A. Gfeller, L. Simonsen, S. Schreier
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Basel ohne Fasnacht: Was sich die meisten nicht vorstellen könnten, tritt in diesem Jahr vielleicht ein.

Basel ohne Fasnacht: Was sich die meisten nicht vorstellen könnten, tritt in diesem Jahr vielleicht ein.

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In der Basler Verwaltung liefen die Drähte gestern heiss. «Aufgrund der gesamtschweizerisch veränderten Ausgangslage» wird erst heute Mittag entschieden, ob die Fasnacht stattfinden kann. Dabei ist zurzeit noch gar nicht ganz klar, wer diesen Entscheid letzten Endes zu fällen hat.

Das aktuelle Schweizer Epidemiengesetz ist noch keine fünf Jahre alt. Sars, Schweine- und Vogelgrippe sensibilisierten für den Umstand, dass Infektionskrankheiten in einer vernetzten Welt plötzlich auftreten und ganze Länder schnell vor grosse Probleme stellen können. Seit 2016 kennt die Schweiz deshalb den «Katastrophenmodus».

In einem solchen Fall liegt die Entscheidungsgewalt nicht mehr in Basel-Stadt. Ein Sprecher des Bundesamts für Gesundheit sagt auf Anfrage: «Grundsätzlich können die Kantone über die Durchführung von Veranstaltungen entscheiden. In einer besonderen Lage kann der Bundesrat aber für die ganze Schweiz entsprechende Massnahmen anordnen.»

Das Virus kommt von Tag zu Tag näher

Auch für den Kanton Baselland steht heute der Tag des Entscheidens an: Der Kanton teilt mit, er werde heute Nachmittag darüber informieren, wie mit Massenveranstaltungen umgegangen wird. Eine Weisung zur Absage würde den zweiten Teil der Bauernfasnacht betreffen, beispielsweise am Sonntag den beliebten Chienbäse-Umzug in Liestal.

Italien ist bisher das Land mit der grössten Anzahl an mit dem Corona-Virus infizierten Personen in Europa. Betroffen sind insbesondere nördliche Regionen wie die Lombardei oder Venetien. Am vergangenen Sonntag sagte der Präsident Venetiens, Luca Zaia, deshalb nicht nur alle Sportanlässe, sondern auch die für diese Woche geplanten Karnevalsveranstaltungen ab. Dies hatte zur Folge, dass unter anderem der für seine Masken berühmte Karneval in Venedig nicht stattfinden konnte.

Der erste Fall einer mit dem Corona-Virus infizierten Person in der Schweiz wurde am Mittwoch im Tessin bestätigt. Die Tessiner Regierung sagte daraufhin sämtliche noch bevorstehenden Fasnachtsveranstaltungen ab. Andere Grossevents sind entweder untersagt oder finden, wie zwei Hockeyspiele vom kommenden Wochenende, ohne Zuschauer statt.

300 Personen mussten sich bei den Behörden melden

Welche Folgen die Durchführung von Grossveranstaltungen trotz Risiko haben kann, zeigte sich diese Woche in Deutschland: Ein am Corona-Virus erkranktes Ehepaar hatte an einer Karnevalsveranstaltung im Bundesland Nordrhein-Westfalen teilgenommen. Nun hat das Gesundheitsministerium des Bundeslandes am Mittwoch rund 300 Besucher der Veranstaltung aufgerufen, sich bei den Behörden zu melden.

Mindestens ein Teilnehmer wurde in der Zwischenzeit positiv getestet und befindet sich in Quarantäne. Auswirkungen auf weitere Veranstaltungen hat dieser Fall jedoch nicht, da der Grossteil der diesjährigen Faschingsveranstaltungen in Deutschland bereits stattgefunden hat.

Dass nicht nur Veranstaltungen betroffen sind, zeigt das Beispiel aus Niederlenz im Kanton Aargau: Die Schülerinnen und Schüler einer Oberstufenschule der Gemeinde, die nur rund 70 Kilometer von Basel entfernt liegt, haben schulfrei erhalten. Grund dafür ist der Verdacht einer mit dem Corona-Virus infizierten Familie einer Schülerin. Das Testergebnis, das laut «20 Minuten» mittlerweile vorliegt, ist negativ.

In beiden Basel wurde der Schulbetrieb bisher noch nicht vom Virus gestört. Dies liegt auch an den Schulferien, die noch bis zum 8.März dauern. Simon Thiriet vom Basler Erziehungsdepartement sagt gegenüber CH Media: «Sollte sich die Situation bis zum Schulbeginn drastisch verändern, würden wir entsprechende Massnahmen treffen.»

Besorgt von einer drohenden Absage der Fasnacht sind vor allem auch die Basler Gastronomen. Eine solche hätte gravierende Folgen, sagt der Präsident des Wirteverbands Basel-Stadt, Maurus Ebneter. Es gebe in den Aussenquartieren zwar Betriebe, die während der Fasnacht schliessen, aber: «Für gut 200 Betriebe hätte dieser Fall verheerende Folgen. Die Fasnacht bringt vor allem den Lokalen in der Innenstadt einen Liquiditätsschub, den manche von ihnen dringend benötigen.»

Absage wäre «eine voll- kommene Überreaktion»

Verständnis für eine Absage der Fasnacht kann Ebneter nicht aufbringen; es wäre «eine vollkommene Überreaktion». Dann müssten zum Beispiel auch Schulen und der öffentliche Verkehr schliessen. Er sagt: «Wir würden die Begründung kritisch analysieren und überlegen, ob wir Entschädigungen fordern können. So wie die Bauern nach grossen Unwettern und Ernteausfällen auch entschädigt werden.» Aber, so Ebneter, müsse man die Situation von Tag zu Tag neu beurteilen. Er betont auch, dass er wahrscheinlich weniger wisse als die Krisenstäbe.

Vor exakt hundert Jahren fällten die Basler Behörden aber gerade diesen drastischen Entscheid: Die Basler Fasnacht wurde abgesagt. Eine Grippewelle war Schuld.