Neuerung
Wegen Bologna-Reform dürfen weniger Medizin-Studenten doktorieren

Diese Woche schreiben 219 Medizinstudenten der Universität Zürich das Staatsexamen. Wenn sie bestehen, dürfen sie zwar als Ärzte praktizieren, doch wegen der Bologna-Reform dürfen sie sich deswegen nicht «Doktor» nennen.

Anna Wanner
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Die Zahl der Medizin-Doktoranden ist bereits seit zehn Jahren rückläufig.HO

Die Zahl der Medizin-Doktoranden ist bereits seit zehn Jahren rückläufig.HO

Der Titel «Dr. med.» bedeutet, dass dessen Träger eine Dissertation verfasst hat. Seit diesem Jahr können Medizinstudenten ihre Doktorarbeit aber nicht mehr neben dem Studium schreiben, sie müssen ein zusätzliches, siebtes Jahr anhängen, um den «Doktor» zu erwerben.

Die strengere Regel wurde zusammen mit dem Bologna-System eingeführt. Dieses soll die Hochschuldiplome in Europa vereinheitlichen. Doch die gegenseitige Anerkennung der Diplome fordert ihren Tribut: Das Staatsexamen heisst neu «eidgenössische Prüfung». Um zugelassen zu werden, müssen die Medizinstudenten eine Masterarbeit einreichen. Das ist neu.

Weniger Doktoranden erwartet

Der zusätzliche Aufwand sorgt für Diskussionen. Denn laut Studentenkreisen unterscheidet sich die Masterarbeit nur marginal von den Anforderungen einer Dissertation – welche gemäss Statistik des Ärzteverbandes FMH rund 73 Prozent der Studenten bisher sowieso geschrieben haben. Eine Forschungsarbeit wäre also bereits gegeben.

Neben dem Zweifel am Sinn bestehen auch solche am Zweck: Wie viel wissenschaftliche Erfahrung braucht ein Arzt? Und ist es nicht viel wichtiger, dass er eine gute Prüfung ablegt und zeigt, dass er den menschlichen Körper sowie die Wirkstoffe eines Medikamentes kennt? Zusammen mit Zürich haben alle Schweizer Ausbildungsstätten für Humanmedizin die Vorgaben des Bologna-Systems adaptiert. Für eine Beurteilung der Reform ist es den Universitäten und auch dem Ärzteverband FMH noch zu früh. Doch die Tendenz scheint klar: Viele Studenten werden sich überlegen, ob sie überhaupt noch promovieren wollen – zumal hinter vorgehaltener Hand auch Professoren empfehlen, direkt ins Berufsleben einzusteigen und auf den Doktortitel zu verzichten.

Iris Rothäusler vom Dekanat der Medizinischen Fakultät Zürich will nicht spekulieren. «Es bleibt abzuwarten, ob in Zukunft weniger Ärztinnen und Ärzte einen «Dr. med.»-Titel erwerben werden», sagt sie. Weil der Doktortitel zum Praktizieren nicht erforderlich ist, wird davon ausgegangen, dass weniger Medizinstudenten promovieren wollen. Der Zürcher FDP-Nationalrat Felix Gutzwiller, der selbst an der Universität Zürich lehrt, sieht das ähnlich. Doch der Trend ist nicht neu.

Romandie hinkt hinterher

Bereits seit zehn Jahren zeichnet sich ab: Die Zahl der Medizin-Doktoranden nimmt ab. 1990 erwarben 756 Studenten den «Dr. med.», 2000 waren es 731 und 2010 noch 647. Der Rückgang ist auf einen Trend an den Universitäten Lausanne und Genf, den beiden Ausbildungsstätten für Humanmedizin in der Romandie, zurückzuführen. Die Zahl der Doktoranden ist dort seit zehn Jahren stark rückläufig: Jährlich erwirbt nicht einmal mehr ein Drittel, manchmal kaum ein Viertel der frischgebackenen Ärzte einen Doktortitel. Vor 2003 promovierten noch mindestens doppelt so viele Studenten.

Dass sich Studenten weiterhin mit der Dissertation abmühen, ist letztlich eine Frage des Prestiges. Denn seit Einführung des Bologna-Systems ist er auch für die Zulassung an die Facharztprüfung nicht mehr zwingend. Wie viele Studenten nach der eidgenössischen Prüfung weiterhin immatrikuliert bleiben, um zu doktorieren, konnten die Universitäten nicht bekannt geben. Jedenfalls schliessen dieses Jahr massiv weniger Doktoren ab. Falls sie den Titel wollen, müssen sie ein Jahr abwarten – vorher wird die Dissertation nicht anerkannt.