Schweizer Arbeitsmarkt
Wegen Automatisierung: Jeder zweite Industriejob geht in der Schweiz verloren

Eine neue Studie zeigt die Auswirkungen der Digitali- lisierung auf die einzelnen Wirtschaftszweige in der Schweiz. Obwohl jeder zweite der heutigen Arbeitsplätze im verarbeitenden Gewerbe wegfällt, dürfte die Zahl der hiesigen Industrie-Jobs insgesamt steigen.

Fabian Hock
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Knapp die Hälfte der heutigen Jobs in der Industrie könnte bald schon ein Roboter machen – trotzdem dürften in zehn Jahren mehr Menschen im verarbeitenden Gewerbe tätig sein als heute. Issei Kato/Reuters

Knapp die Hälfte der heutigen Jobs in der Industrie könnte bald schon ein Roboter machen – trotzdem dürften in zehn Jahren mehr Menschen im verarbeitenden Gewerbe tätig sein als heute. Issei Kato/Reuters

Issei Kato/Reuters

Nehmen uns die Roboter die Jobs weg?», ist die wohl meistgestellte Frage, wenn es um die Digitalisierung der Wirtschaft geht. Dabei schlugen in letzter Zeit vor allem zwei Studien hohe Wellen: Zuletzt schockte das Weltwirtschaftsforum (WEF) mit einer Zahl – fünf Millionen Arbeitsplätze koste uns der Aufbruch ins digitale Zeitalter, während nur zwei Millionen neuer Jobs entstünden.

Zuvor verfassten zwei Ökonomen der Universität Oxford ihre viel beachtete Analyse zu den Auswirkungen der Digitalisierung. Auch diese hatte es in sich: die Digitalisierung mache die Hälfte aller Jobs in den USA überflüssig, war die Botschaft. Sie würden früher oder später durch Maschinen ersetzt.

Die Unternehmensberatung Deloitte hat sich nun darangemacht, eine Prognose speziell für die Schweiz abzugeben. Sie hat erstmals die Auswirkungen der Digitalisierung auf die einzelnen hiesigen Wirtschaftszweige berechnet.

Grundlage dafür bilden die Erkenntnisse aus der Oxford-Studie. Die Zahlen für den Industriesektor liegen der «Nordwestschweiz» exklusiv vor. Die beiden wichtigsten Punkte: Fast die Hälfte der heutigen Jobs im verarbeitenden Gewerbe könnten mit hoher Wahrscheinlichkeit bis zum Jahr 2025 automatisiert werden. Trotzdem dürfte die Digitalisierung der Industrie mehr Arbeitsplätze bringen, als sie kostet.

«Auch Jobs mit mittlerer Qualifikation betroffen»

Auf längere Sicht müssen alle dazulernen, oder darauf gefasst sein, von einem Computer ersetzt zu werden. Ein Interview mit Martin Eichler, dem Chefökonom von BAK Basel.

Von Tommaso Manzin

Herr Eichler, wie hoch schätzen Sie die durch Digitalisierung gefährdeten Jobs in der Schweiz?

Martin Eichler: Auf längere Sicht dürfte die grosse Mehrheit betroffen sein. Dies heisst nicht, dass ein Grossteil dieser Jobs verschwinden wird. In den meisten Fällen wird sich das Jobprofil verschieben. Es werden auch Arbeitsplätze ganz verschwinden – wie viel und wann, lässt sich ohne detaillierte Studie nicht sagen. Sie fehlt für die Schweiz. Dazu kommt, dass die Effekte der Digitalisierung eng mit Strukturwandel, Globalisierung und Automatisierung verbunden sind. Monokausale Erklärungen dürften zu kurz greifen.

Welche Job-Kategorien sind besonders gefährdet?

Die Fortschritte in der Computertechnik und insbesondere Entwicklungen wie Künstliche Intelligenz ermöglichen es mehr und mehr, dass auch Jobs mit mittlerem Qualifikationsanforderungen von Computern übernommen werden können. Neu wird sich das Arbeitsumfeld besonders bei Tätigkeiten verändern, die ein eher tiefes bis ein mittleres Qualifikationsanforderungsprofil aufweisen und vorrangig nicht-körperliche Tätigkeiten umfassen. Dies sind Bereiche, die bisher von der Automatisierung vergleichsweise wenig betroffen waren.

Die Digitalisierung schafft auch Jobs. Wie sehen Sie die Absorptionsfähigkeit von Leuten, die «Opfer» der Transformation wurden.

Das ist in jedem Einzelfall anders. Es ist jedoch zu erwarten, dass mit dem Qualifikationsgrad die Anpassungsfähigkeit steigt. Die neue Herausforderung liegt in der Geschwindigkeit der Veränderung. Bisher haben sich Jobprofile über Generationen verändert, heute passiert das innerhalb eines Arbeitslebens mehrfach. Die Menschen können mit ihrer Ausbildung keine lebenslange Beschäftigung mehr erwarten, sie müssen ihre Beschäftigungsfähigkeit über das gesamte Arbeitsleben mit vielfältigen Zusatzqualifikationen und Weiterbildungen erhalten.

In China werden derzeit Stahlarbeiter zu Fahrern für Business-Leute umgeschult. Sollte auch hierzulande der Staat aktiv werden?

Der Staat soll die Entwicklung mit guten Rahmenbedingungen fördern. Hierzu gehört ein flexibles Aus- und Weiterbildungsangebot. Von im einzelnen staatlich vorgegebenen Umschulungen ist eher abzusehen – der Staat kann die Entwicklungen in der Regel nicht besser vorhersehen. Beim oben genannten Programm stellt sich etwa die Frage, wie nachhaltig dieses ist, wenn die Entwicklung selbstfahrender Autos weiterhin so schnell voranschreitet wie in den letzten Jahren.

Welche Art neuer Jobs werden in der Schweiz entstehen?

Die Schweiz ist ein wettbewerbsfähiger, hoch produktiver und innovativer Standort. Dies ist eine gute Ausgangslage, um attraktiv für Unternehmen und Arbeitsplätze zu bleiben. Der Trend geht aber ganz klar in Richtung Mehrfachqualifikation, d. h. etwa, dass klassische Industriebeschäftigung zunehmend IT-Kompetenzen benötigt.

Schlechte Karten für Schreiner

Regelrecht vom Aussterben bedroht sind demnach bestimmte Dienstleistungsberufe, die Deloitte unter «allgemeine Bürokräfte» zusammenfasst. 31 000 dieser Jobs gibt es derzeit. Mit einer Wahrscheinlichkeit von 97 Prozent werden sie durch Maschinen ersetzt. Nicht viel besser ergeht es den 13 000 Verkäufern und Verkaufshilfskräften – die Wahrscheinlichkeit, den Job an einen Roboter zu verlieren, liegt laut Deloitte bei 95 Prozent.

Auch der Möbelschreiner dürfte bald ausgedient haben: er kommt auf 92 Prozent. Die 35 000 Hilfsarbeitskräfte sowie die Metallarbeiter und deren verwandte Berufe fallen ebenfalls unter die am stärksten bedrohten Gruppen. Unter Artenschutz steht dagegen der Produktionsleiter: Dass an seiner statt künftig ein Roboter die Fertigung leitet, ist nahezu ausgeschlossen – zwei Prozent Wahrscheinlichkeit. Auch den «Chefroboter» wird es wohl so schnell nicht geben: Die Chancen stehen eins zu vier, dass Führungskräfte etwa im Vertrieb oder im Marketing durch Maschinen ersetzt werden.

Bei den Führungskräften und den akademischen Berufen besteht denn auch über alle Branchen hinweg die geringste Wahrscheinlichkeit der Automatisierung. Zusammen mit den Anlagen- und Maschinenbedienern dürften sie künftig für die meisten neuen Arbeitsplätze sorgen (siehe Grafik).

Jobkiller Roboter?

Die Digitalisierung rüttelt den Arbeitsmarkt in der Schweiz durch. So weit, so klar. Doch ist sie auch der Jobkiller, vor dem es zu warnen gilt? Mitnichten, sagt Deloitte-Berater Markus Koch. «Die Arbeit dürfte uns nicht so bald ausgehen.» Trotz Roboter. Trotz Digitalisierung. Im Gegenteil, wie die Berechnungen zeigen. Bis 2025 entstehen demnach in der Schweiz netto, also die wegfallenden Tätigkeiten bereits abgezogen, insgesamt 270 000 neue Jobs.

Auch in der Industrie gibt es wenig Grund zur Sorge, zumindest wenn man aufs grosse Ganze blickt. Zwar fallen viele Jobs weg, «doch die Chancen der Digitalisierung überwiegen», sagt Co-Studienautor Luc Zobrist. Denn auch im verarbeitenden Gewerbe verschwinden die Arbeitsplätze nicht einfach. Es entstehen neue. In der Schweiz so viele, dass «auch im verarbeitenden Gewerbe die Zahl der Jobs bis 2025 netto steigen könnte», sagt Zobrist.

Die Umwälzungen auf dem Arbeitsmarkt, fügt Markus Koch an, seien auch in ihrer Wucht alles andere als beispiellos. Er erinnert etwa an die Verschiebungen in der Landwirtschaft, wo vor 200 Jahren noch 70 Prozent der Schweizer Bevölkerung arbeiteten. Heute sind es noch 3 Prozent, während der Dienstleistungssektor von 8 auf 75 Prozent angewachsen ist. Einzig: es geht jetzt schneller. Die Digitalisierung beschleunigt. «Heute verändern sich Jobprofile innerhalb einer Generation komplett, während die Menschen früher mehr Zeit hatten, sich umzustellen», sagt Koch.

Verschiebung kein Sonderfall

Ein Blick in die jüngere Geschichte zeige indes, dass die grossen Verschiebungen zuletzt Positives am Arbeitsmarkt bewirkt hätten. So seien in der Schweiz in den letzten 25 Jahren 800 000 Stellen geschaffen worden – «nicht zuletzt dank Automatisierung», sagt Koch. Für hiesige Firmen, betont er, biete die Digitalisierung deshalb beste Chancen. Um diese ergreifen zu können, sei jedoch Wachsamkeit gefragt. «Die Karten werden nun ganz neu gemischt», sagt Koch – und vorn dabei zu sein, sei kein Selbstläufer.

So könnte der Anfang aussehen

In fast allen Landesteilen wurden diese Woche Pläne zum Abbau von Stellen bekannt, von der Post über die Ostschweizer Privatbank Notenstein bis zu Mikron im Tessin.

von Tommaso Manzin

Würde man sie auf der Schweizer Landkarte einzeichnen, wären es nur Flecken, mal hier mal dort, mal einzeln, dann mehrere zusammen – wie etwa diese Woche. Und schaut man genügend lange hin, wird einem bewusst: Diese Maserung wird immer dichter. Es ist unübersehbar, dass etwas in vollem Gange ist: Der Abbau und Umbau von Stellen.

Diese Woche scheint eine Welle von Stellenabbauplänen über das Land zu rollen. So könnte es aussehen, wenn sie wirklich einsetzt am Arbeitsmarkt, die digitale Revolution. Denn langfristig schafft sie neue Jobs (siehe Text links). Das nützt jenen, die ihn verlieren, meist nichts. Werfen wir einen Blick auf die Maserung, die sie diese Woche am Schweizer Arbeitsmarkt hinterlassen hat.

Die Post geht nicht mehr ab

Den Anfang machte die Post. Der gelbe Riese setzt den Umbau im Schalterbereich fort: Von den heute traditionellen 1400 Poststellen sollen bis im Jahr 2020 nur noch zwischen 800 und 900 übrig sein. Rund 1200 Mitarbeitende könnten «von einer Veränderung betroffen sein». Dies schreibt die Post in einer Mitteilung vom Mittwoch. Entlassungen seien nicht geplant. «Die Post nimmt ihre Sozialverantwortung wahr und sucht für die betroffenen Mitarbeitenden nach passenden Lösungen.» Dazu gehöre auch der Dialog mit den Sozialpartnern.
Die Schliessung von 600 Poststellen sei eine harte Botschaft, kommentiert der Präsident der Eidgenössischen Postkomission PostCom Hans Hollenstein. Als eine positive Entwicklung beurteilte er, dass die Post nun offen über ihre Strategie informiere. Bisher sei die Umstrukturierung schleichend vorangegangen, jedes Jahr seien so 100 Filialen weggefallen. Nun herrsche endlich Klarheit.

Auch die Banken sparen

Eine harte Klarheit als schöne neue Welt? Eine Welt, in der dem Kostendruck nur noch standhält, wer automatisiert? Dieses Ziel verfolgt auch die Finanzindustrie. Das Beispiel diese Woche: Die zur Raiffeisen-Gruppe gehörende Privatbank Notenstein La Roche will bis Anfang 2019 rund 100 Stellen streichen, wie am Mittwoch bekannt wurde. Ziel sei die Reduktion der Kosten um 20 Prozent. Bereits im Juni hatte Notenstein La Roche Sparmassnahmen angekündigt, von denen etwa 25 Personen betroffen sind. Im Sommer 2017 soll die IT-Plattform erneuert und damit «ein grosser Schritt in Richtung Digitalisierung und Automatisierung» gemacht sein.

Der Veränderungsprozess verläuft nicht stetig. Es gibt Zeiten, da merkt man fast nichts. Doch die neuste Digitalisierungswelle hat das Zeug zur industriellen Revolution. Denn «Industrie 4.0.» dehnt die Automatisierung in allen Lebens- und Arbeitsbereichen zu einem bisher ungeahnten Grad aus, von den intelligenten Haushaltsgeräten bis zu selbstfahrenden Autos. Was diesen Bereichen gemeinsam ist: Sie gaben Tätigkeiten Raum, die von Menschen ausgeführt werden.

Kein Himmel voller Geigen

Dass Youtube, Spotify und Streaming-Dienste die Musikindustrie in eine existenzielle Krise stürzten, ist nicht nur etwas für grosse Labels wie Emi oder Universal. Auch hierzulande spürt das Musikgeschäft den Trend, der gegen sie werkelt: Vor rund zwei Wochen gab die Gruppe Musik Hug bekannt, 85 Stellen abbauen zu wollen. Der Standort in St. Gallen wird geschlossen, das Verkaufslokal in Basel aufzugeben. Nur die Piano-Serviceleistungen an den beiden Standorten sind davon nicht betroffen.

Das Konsultationsverfahren ist in diesen Tagen abgelaufen, gegenüber der «Nordwestschweiz» erklärte das Musikinstrumente- und Notengeschäft am Mittwoch, man habe prüfungswerte Eingaben seitens der Belegschaft erhalten. Diese im Detail auszuwerten benötigt noch etwas Zeit. Andy Sutter, Sprecher von Musik Hug, erklärt die Ursache: «Noten werden leider auch immer mehr bei kleineren Musikensembles, Chören oder sogar in Musikschulen kopiert. Zudem werden Noten auch immer mehr im Internet eingekauft. Einerseits illegal, durchaus aber auch legal.» Nicht umsonst sei das Onlineportal Amazon heute der grösste Notenhändler der Welt. Zudem sei auch der Verkauf von Instrumenten seit Jahren rückläufig. «Besonders bei den Blasinstrumenten», so Sutter.

Nein, es ist keine gute Woche: Im Tessin baut der Maschinenhersteller Mikron in Agno bis Ende 2017 25 der insgesamt 245 Stellen ab. Grund dafür ist die geringe Nachfrage nach numerisch gesteuerten Maschinen. Die Produktion ist nicht ausgelastet, schreibt das Unternehmen in der Mitteilung vom Mittwoch. Das Management werde den betroffenen Mitarbeitern bei der Stellensuche helfen. Weltweit zählt Mikron 1200 Beschäftigte.