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WEF-Hotelier Wyrsch: So viele Gäste wie noch nie

WEF-Hotelier Ernst Wyrsch im Gespräch mit der Aargauer Zeitung.

Ernst Wyrsch WEF

WEF-Hotelier Ernst Wyrsch im Gespräch mit der Aargauer Zeitung.

Kein Hotelier der Welt hat während einer Woche derart viele hochkarätige Gäste wie Ernst Wyrsch während des WEF. Im Interview erzählt er, wie er mit Bill Clinton, Angelina Jolie & Co. umgeht und wie Freundschaften zu den Top-Stars entstanden sind.

Christian Dorer, Martin Rupf

Ernst Wyrsch (48) empfängt uns an der Réception und führt uns in den feudalen Speisesaal des Steigenberger Grandhotel Belvédère. Drinnen gedämpfte Hintergrundmusik, draussen strahlend blauer Himmel und schneebedeckte Berge. Noch sind wir die Einzigen im Saal. Ab Mittwoch wird sich hier weltweite Prominenz aus Politik, Wirtschaft und Gesellschaft am WEF die Hände schütteln.

Herr Wyrsch, bald beginnt das 40. WEF. Was haben Sie sich zum Jubiläum Spezielles für Ihre Gäste ausgedacht?
Ernst Wyrsch: Speziell ist das WEF dieses Jahr nicht wegen des 40-Jahr- Jubiläums, sondern weil es in einer Zeit stattfindet, in der die Welt in Aufruhr ist . . .

...das war sie schon letztes Jahr.
Wyrsch: Richtig, doch damals war die Krise noch sehr jung.

Wie wird sich die Krise auf das WEF auswirken?
Wyrsch: Positiv: Ich erwarte so viele Gäste wie noch nie.

Wie bitte?
Wyrsch: Ich habe die mächtigen, einflussreichen Menschen noch nie so ratlos gesehen wie letztes Jahr. Und ich habe keine Indizien, dass sie die Antworten schon gefunden haben. Hier am WEF hoffen sie, welche zu finden.

Wie macht sich diese Ratlosigkeit bemerkbar?
Wyrsch:
Ich wurde noch nie so oft gefragt, wie ich die wirtschaftliche Situation beurteile. Sie müssen sich das vorstellen: Wieso fragt mich das ein Firmenchef mit 800 000 Angestellten?

Ihre Antwort?
Wyrsch:
In einem Luxushotel kann man genau beobachten, wie sich die Leute in einer Krise verhalten - ein Spiegel der Gesellschaft sozusagen. Hauen sich die Führungsleute jetzt erst recht die Birne voll, belassen sie es beim Mineralwasser oder finden sie eine gute Mitte.

Und, wie ist es?
Wyrsch: Es ist beides. Punktuell sagen sie sich: Komm, wir vergessen alles und schlagen richtig zu. Mit dem Kater kommt dann oft die Besinnung. Was ich feststelle: Man stellt den Reichtum weniger zur Schau, weil man keine falschen Signale aussenden will.

Eine neue Bescheidenheit also?
Wyrsch: Ja, das hat sich dramatisch verändert. Selbst Firmen, denen es gut geht, käme es nicht in den Sinn, am Eingang Kaviar aufzustellen. Sie offerieren ihren Gästen lieber ein gutes Salsiz.

Schlecht für Ihr Geschäft.
Wyrsch: Ich finde es gut, wenn die Mächtigen wieder mehr nachdenken. Klar verdiene ich mit Champagner mehr als mit Fusel. Doch ich bin überzeugt, dass wir nur aus der Krise finden, wenn wir alle den Begriff der Vernunft neu definieren.

Wie sieht diese Definition aus?
Wyrsch:
Das oberflächliche Protzen und Eindruckschinden ist ein Irrweg. Gerade die WEF-Teilnehmer als oberste Schicht der Menschheit müssten hier mit gutem Vorbild voranschreiten.

Es hat also auch für Sie etwas Dekadentes, wenn am WEF über eine bessere Welt gesprochen wird und gleichzeitig rauschende Partys steigen?
Wyrsch: Wenn man Seriosität mit Askese gleichsetzt, ja. Jemand, der sehr viel Verantwortung trägt, sollte aber auch sein Lustgefühl befriedigen können. In 14 Jahren als Direktor dieses Hauses habe ich nie einen betrunkenen Teilnehmer gesehen. Viele WEF-Teilnehmer haben 20-Stunden-Tage - die kann man nicht ausschliesslich mit stockernsten Themen und Mineralwasser verbringen.

Was hat sich am WEF verändert?
Wyrsch: Auffallend ist: Je fortgeschrittener die Kommunikation, umso grösser wird das Bedürfnis nach zwischenmenschlichen Begegnungen und Freundschaften. Trotz ständiger Erreichbarkeit und Vernetzung: An ein persönliches Gespräch unter vier Augen kommt nichts heran. Genau das zeichnet das WEF aus.

Etwas, was WEF-Gründer Klaus Schwab bereits vor 40 Jahren erkannt hat?
Wyrsch: Absolut. Klaus Schwab wird in der Schweiz völlig falsch eingeschätzt, während er im Ausland die Wertschätzung erhält, die er verdient. Schwab ist einer der am besten vernetzten und informierten Menschen der Welt. Für seine Leistungen hätte er den Friedensnobelpreis schon lange verdient.

Draussen rollen Soldaten Stacheldraht aus. Haben Sie Angst, dass während des WEF etwas passieren könnte?
Wyrsch: Die Bedrohungslage hat sich in den letzten Jahren dramatisch verändert. Machten wir uns früher Sorgen wegen Krawallen von militanten Globalisierungsgegnern, ist es heute der Terrorismus.

Schützt Stacheldraht vor terroristischen Anschlägen?
Wyrsch: Das ist ein heikles Thema. Terrorismus, wie ich in wahrgenommen habe, hat immer ungesicherte Ziele angegriffen. In diesem Sinne nützt der Stacheldraht etwas.

Sie beherbergen am WEF die berühmtesten und bekanntesten Menschen dieser Welt. Sind diese Gäste besonders kompliziert?
Wyrsch: Wir empfangen in der Tat die Crème de la Crème. Berühmte Menschen wirken aus Distanz tatsächlich kompliziert. Oft sind sie das auch, weil ihr Umfeld mit all den Sicherheitsmassnahmen kompliziert ist. Doch wenn man sie kennen lernt, dann sind die fast ausnahmslos einfach und verfügen über eine ausgeprägte hohe Sozialkompetenz - denn ohne die hätten sie es nie so weit gebracht.

Entstehen auch Freundschaften?
Wyrsch: Das ist ein Thema, mit dem man nicht hausieren geht. Aber es ist schon so, dass die Kontakte über das WEF hinaus gepflegt werden.

Ein bisschen hausieren muss erlaubt sein: Welche Gäste haben bei Ihnen am meisten Eindruck hinterlassen?
Wyrsch: Besonders eindrücklich war die Begegnung mit Nelson Mandela. Wenn man vor diesem alten, aber grossen Mann steht, dann schüttelt es einen. Ein super Typ ist auch Schauspieler Richard Gere, mit dem ich auch schon ein Bier getrunken habe. Ein ganz besonderer Gast ist natürlich Bill Clinton, der schon neunmal bei uns zu Gast war, einmal davon als Präsident.

Und, wie ist Clinton?
Wyrsch: Clinton ist eine Person, die dich im Herzen berührt. Obwohl dieser Mann keine Minute allein ist, also ständig eine riesige Entourage um sich herum hat, gibt er dir im Gespräch das Gefühl, wirklich zuzuhören - eine grosse Persönlichkeit. Auch Muhammad Ali ist eine solche. Bei meiner Begegnung mit Ali hatte ich Tränen in den Augen. Als der schwer kranke Ali das Hotel betrat, legten alle Fotografen die Kamera zur Seite und applaudierten.

Auf welchen Gast freuen Sie sich dieses Jahr besonders?
Wyrsch: Auf den französischen Präsidenten Nicolas Sarkozy, der schon ein paar Mal privat bei uns zu Gast war. Es ist das erste Mal, dass ein französischer Präsident ans WEF kommt. Im nächsten Jahr hoffen wir natürlich auf Barack Obama. Doch was heisst hoffen: Ich bin überzeugt, dass Obama kommen wird.

Woher diese Überzeugung?
Wyrsch: Joe Biden, sein Vizepräsident, war schon sechsmal hier. Selbst für die Amerikaner bietet Davos eine hervorragende Plattform.

Eine Plattform auch für Davos?
Wyrsch: Ja, den materiellen Gewinn für Davos schätze ich auf rund 50 Millionen Franken.

Sportgeschäfte zum Beispiel klagen, dass in dieser Woche weniger Touristen nach Davos zum Skifahren kommen.
Wyrsch: Es gibt keine Verlierer, sondern nur direkte und indirekte Gewinner. Letztere machen während des WEF zwar weniger Umsatz, profitieren aber längerfristig von der Ausstrahlung des WEF. Klar gehören wir zu den Hauptprofiteuren.

Wie viel Ihres Jahresumsatzes erzielen Sie während des WEF?
Wyrsch: Wir erwirtschaften während des WEF einen bedeutenden Teil des Jahresumsatzes. Es wird dieses Jahr nicht weniger sein als in früheren Jahren, selbst wenn die einzelnen Firmen weniger Geld ausgeben. Denn wir dehnen unser Angebot auf andere Lokalitäten aus. Zahlen möchte ich keine nennen. Wissen Sie, ich habe sehr viele Neider in Davos.

Belastet Sie das?
Wyrsch: Ich bin dankbar dafür, denn Neid ist immer auch Anerkennung. Man wird nur beneidet, wenn man etwas gut macht. Als ich das Hotel vor 14 Jahren übernahm, schrieb es rote Zahlen. Heute ist es das erfolgreichste Schweizer Ferienhotel. Wenn man Erfolg hat, darf man das auch sagen. Die Schweizer Bescheidenheit geht mir auf den Geist.

Bleiben Sie bis zur Pensionierung «Belvédère»-Direktor?
Wyrsch: Das fragen mich die WEFGäste auch oft. «Was, jetzt sind Sie immer noch da, es gibt doch auch noch anders!» Stimmt, es gibt grössere und schönere Hotels, aber bestimmt kein interessanteres.

Aber vielleicht eines, wo Sie besser bezahlt wären?
Wyrsch: Sicher, aber ich werde auch hier gut bezahlt. Ich kenne meinen Wert (lacht).

Sie führen das Hotel zusammen mit Ihrer Frau. Sie sind also rund um die Uhr zusammen. Wie geht das?
Wyrsch: Im September feierten wir unsern 20. Hochzeitstag. Doch eigentlich sind wir 40 Jahre verheiratet, weil wir 24 Stunden zusammen sind. Wir haben den Vorteil, dass wir beide vom gleichen Beruf kommen. Ich decke die Front ab, meine Frau wirkt im Hintergrund. Es geht nur, weil wir uns gegenseitig nicht dreinreden.

Aus all Ihren Antworten hört man die Vorfreude auf das WEF.
Wyrsch: Ja, ich bin hochgradig suchtgefährdet. Zwar werde ich während des WEF nur zwei bis drei Stunden pro Nacht schlafen, doch all die vielen spannenden Begegnungen geben mir sehr viel Energie zurück.

Ein Gefühl, im Konzert der Grossen mitzuspielen?
Wyrsch: Es besteht tatsächlich die Gefahr, die Erdung zu verlieren, hier muss man aufpassen. Aber klar sind wir stolz, mit unserem Hotel zum Erfolg des WEF beizutragen. Mein primärer Job ist es nicht, den Gästen Essen, Trinken und ein Dach über dem Kopf zu geben, sondern sie glücklich zu machen und ihnen eine Plattform für den Austausch zu bieten.

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