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Weder Nachtbus noch Handy: Was trieb die Jugend früher?

Jung unterwegs waren die heutigen Alten auch mal, Cruiser langer Nächte. Und das ohne Smartphone, gut zu Fuss. Nicht zu fassen! Aber wahr – sorry.

Max Dohner
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Love-In auf der Zürcher Allmend im Jahr 1967

Love-In auf der Zürcher Allmend im Jahr 1967

Keystone

Jugend hält das Leben so lange für ein Gerücht, wie sie es nicht selber in die Finger kriegt. Und das Mädchen dazu. Ist das heute anders als früher? Nein. Innen bleibt der Jugend stets von neuem alles nebulös. Aussen jedoch gabs früher ein paar Dinge, die das Stochern im Lebensnebel prägten, vielleicht sogar lenkten.

So trat die Jugend also aus dem drögen Elternhaus. Schnupperte in der Luft, die sich, Ende der Sechziger-, Anfang der Siebzigerjahre, gerade zu erneuern schien. Wohin mit all der Unrast und dem Aufbruch, der gar keiner war? Nur schwammiger Übermut, etwas zu riskieren, wofür die Eltern, glaubte man, keinen Pepp hatten. Und vor allem nicht den Pop.

Ein Hauch von vogelartiger Schwebe

Man hatte sich nicht verständigen können, wo man sich traf. Zu Hause, am Bakelit-Telefon, lauschten ja die Eltern mit. Und Handys gab es noch nicht. Wenn man bedenkt, wie offen dadurch alle Möglichkeiten wurden, muss man sagen: kein Fluch. Sondern herrlich, ein erster Hauch von vogelartiger Schwebe. Es gab Orte, wo es wahrscheinlich war, dass meist dieselben Weekend-Geier eintrudelten. Um sie zu finden, musste man bloss der Schwerkraft aller Dinge folgen, nach unten, in die Keller.

Jedes Jugendnest damals hatte eine Geschichte, die am Gips der Wände, im Gebälk noch zu spüren war: Entweder waren sie einst Horte christlicher Jugendklubs gewesen, umgenutzte Kegelkammern, Übungslokale des Trachtenvereins oder mit Eierkarton ausgekleidete Höhlen erster Schlagzeug-Gewitter eines pubertären Kumpels aus betuchtem Haus. Kurz: Kein Jugendlokal, obwohl man das damals anders propagierte, war wirklich astrein revolutionär.

Den entscheidenden Pluspunkt darin bekannte niemand offen: Geld. Das heisst: wenig Geld. Wie immer gab es Jungs mit Kohle und Jungs ohne. Alle aber fanden das nicht der Erwähnung wert. Nur schon das Wort «Geld» war ordinär, materielles Denken dröge. Das ging so weit, dass man sich im gemeinsamen Wahn besonders aufgehoben fühlte, dass es eine materielle Welt gar nicht gäbe. Wahres Sein war vornehmlich Klang: Bob, Jimi oder Janis. Wenn einer mal Weichspülung auf den Plattenteller legte, um mit einem struppigen Gör geschlossen zu tanzen, heulte alles auf, und der Romantiker fühlte sich wie exkommuniziert.

Egal – was hatte Janis eben noch gesungen? «Freiheit ist nichts anderes, als nix übrig zu haben, um es zu verlieren.» Trat man halt wieder raus, in die ungebrochen lange Nacht und schnupperte erneut. Wohin? Das war keine Verzweiflungsfrage wie heute, sondern nur der beruhigende Umstand, dass die Strasse wieder da lag, um mit dem Töffli weiterzubrettern. Bloss Zuckerwasser von «Easy Rider», zugegeben, und doch nur etwas für Privilegierte.

Heimweg zu Fuss auf den Gleisen

Jungs ohne Geld sattelten Schusters Rappen. Wie weit die Füsse damals trugen, in Nächten ohne Nachtbus, kann man sich heute kaum vorstellen. Die SBB schlossen um zehn ihren braven Laden. Zu Fuss, auf den Schwellen ihrer Gleise, fühlte man sich auf dem Heimweg wie in der Atacama-Wüste. Ebenso schön waren die Gespräche mit den Kumpels.

Wie gesagt: Der Jugend bleibt zeitlos alles nebulös. Aber damals gabs Erlebnisse mit Kraft, sich ihrer zeitlebens zu erinnern. Der Nebel dessen, wonach man dürstete, hat sich verflüchtigt, nicht aber die Stimmung, mausallein zwischen Gleisen.

Heute hat man alles. Ein Elend, damit jung sein zu müssen.