Die Briten haben wieder mächtig aufs Dach gekriegt. Beim Parlamentarier-Skirennen in Davos, zu dem sich Schweizer Räte und britische Politiker im Winter zum 61. Mal getroffen haben, hat es auch heuer kein Vertreter der Insel aufs Podest geschafft.

Diese sportliche Niederlage dürfte die schweizerisch-britischen Beziehungen freilich wenig belasten. Bedrohlicher für das Verhältnis der beiden Länder scheint der Brexit-Entscheid, mit dem die Briten vor einem Jahr den Kontinent in eine politische Schockstarre versetzten. Voraussichtlich im März 2019 wird Grossbritannien aus der EU austreten. Ist dies das Ende der «love affair», wie der Historiker Marco Wyss das Verhältnis der beiden Staaten einmal beschrieben hat? Oder eher der Auftakt einer vielversprechenden «Britzerland»-Ära?

Von offizieller Seite gibts dazu vorläufig keine Antworten. Die Schweizer Botschaft in London schreibt, es gebe «viele unbeantwortete Fragen»; u.a. jene, ob die Briten wirklich den «harten Brexit» – also den radikalen Bruch mit der EU – oder doch eher eine Kompromisslösung anstreben. Offiziell verfolgt die Schweiz eine «Mind the Gap»-Strategie, um die guten Beziehungen nach dem Brexit-Vollzug weiterführen zu können.

Als die Briten die Alpen entdeckten

In der Vergangenheit war die Schweiz die grosse Profiteurin dieser Beziehungen. 1815 etwa, als am Wiener Kongress die europäische Ordnung nach Napoleons Niederlage neu verhandelt wurde, setzte sich Grossbritannien mit Nachdruck für die Erhaltung der Schweizer Neutralität ein. Schon in den Jahren zuvor schickte die englische Krone Geld und Agenten in die Schweiz, um den Widerstand gegen die französische Besatzung zu unterstützen. Und auch als Preussen 1856 Neuenburg unter seine Kontrolle brachte, waren die Briten sofort zur Stelle. Der Historiker Kaspar von Greyerz spricht von «einem bemerkenswert stabilen Wohlwollen gegenüber der Schweiz», das die Briten an den Tag gelegt hätten. Getrübt wurde dieses Wohlwollen einzig während der beiden Weltkriege, als die Briten die Schweiz verdächtigten, geheime Militärbündnisse mit den Deutschen anzustreben (im Ersten Weltkrieg) und den Nazis zu wohlwollend gegenüberzustehen (im Zweiten Weltkrieg).

Abseits vom politischen Parkett bestanden auch andere, sehr viel vergnüglichere Bande zwischen den beiden Ländern. Lange bevor «Schweiz Tourismus» den Slogan zum offiziellen Motto erhob, waren britische Reisende #inlovewithswitzerland. Ihnen ist es zu verdanken, dass der Tourismus hierzulande überhaupt in Fahrt kam. Den Auftakt machten Anfang des 19. Jahrhunderts britische Literaten, die in ihren Werken ein Bild der ländlichen Schweiz zeichneten, das später Heerscharen von Touristen anziehen sollte. William Wordsworth bestaunte in seinem Alpengedicht die Schweizer Bergwelt, Percey Shelley huldigte dem Mont Blanc und Mary Shelley erdachte an den Gestaden des Genfersees ihren Bestseller «Frankenstein». Den schreibenden Briten folgten Mitte des Jahrhunderts die englischen Abenteurer, die in den Alpen mehr sahen als ihre helvetischen Gastgeber; nicht nur mühsam zu bewirtschaftende Steilhänge nämlich, sondern bezaubernde Naturwunder.

1863 führte der britische Reiseveranstalter Thomas Cook die erste organisierte Reise in die Schweiz durch. Zwei Jahre später gelang dem Alpinisten Edward Whymper die Erstbesteigung des Matterhorns. Mit dem Ferienaufenthalt von Queen Victoria 1868 in Luzern wurde das Reiseland Schweiz dann auch noch royal abgesegnet. Der Grundstein für den helvetischen Tourismus war gelegt. Und als die Berghotels während der Wirren des Ersten Weltkriegs leer blieben, sorgten rund 1800 britische Soldaten, die zur Erholung in die Berge fuhren, für ein Auskommen in den Alpentälern.

Geheimer Deal mit der Nato-Macht

Nicht immer aber konnten sich die britischen Militärs auf ihren Alpentrips entspannt zurücklehnen. Früh schon nutzte die Schweiz die Ferienaufenthalte der Offiziere für strategische Gespräche. Es kam zu regelmässigen Treffen mit Schweizer Armeevertretern und schliesslich zu einer geheimen militärischen Zusammenarbeit in den 1950er-Jahren. «Bis in die frühen 60er-Jahre waren diese Beziehungen sehr innig. Das zeigten etwa die britischen Waffenlieferungen an die Schweiz oder die Vermittlungen, die Grossbritannien zwischen der Schweiz und der Nato im frühen Kalten Krieg führte», erklärt der anglo-schweizerische Historiker Marco Wyss, der an der Lancaster University lehrt. Anfang der 50er-Jahre kaufte die Schweiz 75 Vampire-Düsenflugzeuge und 150 britische Venom-Jagdbomber. 1958 bestellte sie bei den Briten Hunter-Flieger und 1961 ein Fliegerabwehr-System.

Trotz dieser einst engen Verbindung der Nato-Macht Grossbritannien und der Schweiz sieht Wyss das Verhältnis heute sehr nüchtern. «Spätestens seit dem Austritt Grossbritanniens aus der Europäischen Freihandelszone 1972 haben die beiden Länder keine Spezialbeziehungen mehr», sagt Wyss. «Grossbritannien ist heute zwar immer noch ein wichtiger wirtschaftlicher Partner, gleichzeitig aber eben auch ein potenzieller Rivale, zum Beispiel im Bankenwesen.»

Wie wichtig die beiden Länder füreinander immer noch sind, zeigt ein Blick auf die Wirtschaftszahlen. Laut der britischen Regierung sind in Grossbritannien rund 2000 Schweizer Firmen mit über 95 000 Arbeitsstellen tätig. In der Schweiz sind rund 27 000 Jobs von britischen Firmen abhängig. Auch die ähnliche ökonomische Gesinnung der zwei Staaten müsste eigentlich Gutes verheissen für die Zukunft von «Britzerland». Beide sind ausgesprochen wirtschaftsliberal. Ihre Staatsquoten – das Verhältnis der Staatsausgaben zur Wirtschaftsleistung – liegen deutlich unter dem Schnitt der Eurozone. Will heissen: Der Einfluss des Staates auf die Wirtschaft ist kleiner als fast überall sonst in Westeuropa.

Zwei liberale, freiheitsliebende Nicht-EU-Mitglieder, verbunden durch eine historisch gewachsene Freundschaft: Das tönt nach einem perfekten Match. Das sieht auch Marco Wyss so. Vorschnell freuen sollte sich die Schweiz aber dennoch nicht, warnt er: «Eine gemeinsame wirtschaftliche Blockbildung gegen die EU wäre mit erheblichen Risiken verbunden.» Die Schweiz habe jetzt schon wenig Spielraum bei den Verhandlungen auf europäischer Ebene. «Wenn sie sich zu stark mit der EU-Aussteigerin Grossbritannien verbündet, könnte ihr die EU böse ans Schienbein treten.»

Die SVP und Frankenstein

Es stellt sich also die Frage, wie viel Risiko die Schweiz bei der Wiederbelebung der «love affair» eingehen will. Doch wie so oft am Anfang prickelnder Beziehungen gäbe es auch hier ein paar Altlasten, deren sich die Eidgenossenschaft zuerst entledigen müsste. «Die Schweiz ist durch die Bilateralen stark an die EU gebunden. Sie kann nicht frei über die wirtschaftliche Zusammenarbeit mit Grossbritannien entscheiden», betont Wyss. Für die riskante Affäre mit dem Brexit-Land spräche ausgerechnet der Kurs der sicherheitsliebenden SVP. «Setzt sich die SVP mit ihren europapolitischen Forderungen durch, dann könnte das eine Abkehr von der EU und eine Hinwendung zu freien Verhandlungen mit Grossbritannien bedeuten», sagt Wyss.

Viele Briten würden sich liebend gerne auf die «Britzerland»-Affäre einlassen, glaubt Melanie Müller, die vor 37 Jahren aus England in die Schweiz zog. Sie ist eine von 39 000 britischen Staatsbürgerinnen und -bürgern, die in der Schweiz ihren Wohnsitz haben. «Die Briten haben die Tendenz, die Schweiz als tolles Beispiel zu rühmen, wie man ohne die EU glücklich sein kann. Dabei verdrängen sie oft, dass die Schweiz beträchtliche Finanzleistungen an die EU tätigt und zahlreiche Abkommen mit der Union hat.» Die Briten müssten die rosarote Brille, durch die sie auf die vermeintlich unabhängige Insel inmitten des kontinentaleuropäischen EU-Dramas blicken, zuerst ablegen, um die zukünftige Beziehung zur Schweiz realistisch sehen zu können.

Bevor Britannien über neue Allianzen nachdenken kann, muss sich der Inselstaat jetzt aber auf langwierige Ausstiegsverhandlungen mit Brüssel einstellen – unabhängig davon, wie die Wahl heute ausgeht. Jetzt schon wachsen die Befürchtungen darüber, dass der Brexit-Entscheid nicht die erhoffte Erlösung von den europäischen Geistern bringen, sondern direkt ins isolationistische Abseits führen wird. Eine Umfrage des englischen «Daily Mirror» hat kürzlich gezeigt, dass 51 Prozent der Briten heute für den Verbleib in der EU und gegen den Brexit stimmen würden. Doch dieser Sinneswandel kommt zu spät.

Das Ganze erinnert ein wenig an Mary Shelleys Geschichte des Forschers Viktor Frankenstein, der einen künstlichen Menschen kreieren wollte. Die Erzählung, die Shelley in ihren Schweizer Ferien 1816 geschrieben hat, nimmt eine tragische Wende. Frankensteins Kreatur erwacht tatsächlich zum Leben. Doch statt dem freundlichen Kompagnon, den sich der junge Forscher erschaffen wollte, erhob sich da ein grässliches Monstrum, das nichts als Unheil über seinen Schöpfer brachte.