Flugzeugentführung
Was, wenn das entführte Flugzeug ein AKW angesteuert hätte?

Weder die Schweiz noch andere Staaten haben die Möglichkeit, alle gefährdeten Objekte zu schützen, wenn sich ein entführtes Flugzeug nähert. Man verlässt sich darauf, dass der Nachrichtendienst rechtzeitig warnt.

Matthias Niklowitz
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Noch keine 24/7-Bereitschaft bei der Schweizer Luftwaffe (Symbolbild)

Noch keine 24/7-Bereitschaft bei der Schweizer Luftwaffe (Symbolbild)

Keystone

Als am Montagmorgen um halb fünf die italienische Luftraumüberwachung ihre Kollegen in Frankreich und in der Schweiz anruft, verfolgen bereits italienische Abfangjäger das entführte äthiopische Flugzeug. Bis zur Schweizer Grenze war es noch eine knappe Flugstunde. Das Ziel des Flugzeugs, das ursprünglich in Rom hätte landen sollen, war unbekannt. Was hätte man in der Schweiz machen können, wenn es Kurs auf Bern oder ein AKW genommen hätte?

Sicherheit beginnt am Boden

«Nichts», heisst es von fachkundiger Seite aus dem Eidgenössischen Departement für Verteidigung, Bevölkerungsschutz und Sport VBS. «Obwohl wir wussten, dass ein Flugzeug kommt, haben wir heute nicht die geeigneten Interventionsmittel.

Wenn heute ein Flugzeug ordentlich in Genf startet, Kurs auf Zürich nimmt und auf der Höhe von Bern Richtung Bundeshaus abbiegt, haben wir keine Chance», so der Fachmann. Selbst die bestgerüsteten Luftstreitkräfte etwa aus den USA hätten in einer solchen Situation keinen Handlungsspielraum.

Deshalb müsse man am Boden sicherstellen, dass solch ein Ereignis nicht möglich ist. «Wir verlassen uns deshalb darauf, dass die Sicherheit schon am Boden gewährleistet ist, zudem würden wir im Vorfeld Warnungen vom Nachrichtendienst erhalten», heisst es weiter. Die Schweiz tauscht sich hinter den Kulissen mit ihren Kollegen innerhalb Europas aus, man warnt sich auch sofort gegenseitig.

Fehlende Schnellstarts

Andere Länder wie Italien und Frankreich unterhalten eine permanente Flugbereitschaft, welche die sogenannte «Quick Reaction Alert»-Gefechtsbereitschaft sicherstellt. Im Kalten Krieg wollte sich die Nato damit vor einem Überraschungsangriff des Warschauer Paktes wappnen.

Bereits 1986 und damit drei Jahre vor dem Fall des Eisernen Vorhangs kam man davon wieder ab - weil man einen solchen Überraschungsangriff als nicht mehr realistisch ansah. Die Vorbereitungsarbeiten wie das Vorrücken riesiger Panzerarmeen und die Verlegung von Militärflugzeugen wären bereits damals der Satelliten- und Funkaufklärung aufgefallen.

Die Schweiz hat deshalb mit Frankreich, Italien und Deutschland Vereinbarungen über die Zusammenarbeit im Bereich der Sicherung des Luftraums gegen nichtmilitärische Bedrohungen aus der Luft getroffen. Wegen der Budgetkürzungen und der dadurch fehlenden Mittel kann die Armee die Interventionsmöglichkeiten der Luftwaffe während 24 Stunden heute noch nicht gewährleisten, heisst es weiter aus dem VBS.

Das soll sich ändern: Nach den Beschlüssen zur Armeefinanzierung (5 Milliarden Franken pro Jahr ab 2016) ist das Projekt zum Ausbau der Bereitschaft für Interventionen mit Kampfflugzeugen rund um die Uhr reaktiviert worden.

Lange Vorlaufzeiten

So kurz die Reaktionszeiten im Ernstfall wären - so lange dauern sie für den Aufbau einer Bereitschaft.

Nach gegenwärtiger Planung im VBS wird die Erhöhung der Bereitschaft abgestuft erfolgen. Eine ständige Bereitschaft (24 Stunden, 7 Tage pro Woche) sei aber kaum vor 2020 erreichbar, wie es heisst. «Der limitierende Faktor ist dabei vor allem das Personal - nicht nur bei der Luftwaffe, sondern auch bei der Flugverkehrskontrolle», heisst es weiter. Die Umsetzung erfordere zusätzliches Personal, das nicht einfach per Stelleninserat zu finden sei. Die Ausbildung der Spezialisten dauere mehrere Jahre.

Die permanente Interventionsmöglichkeit der Luftwaffe sei wichtig. Das VBS will das laut eigenen Angaben möglichst schnell realisieren, sofern die Mittel nicht erneut gekürzt werden. «Sie trägt zum Schutz und Sicherheit des Landes und seiner Bevölkerung vor allem dann bei, wenn unsere Nachbarn uns verdächtige Flugobjekte melden, bevor sie in den Schweizer Luftraum eindringen», so das VBS weiter.

Die Schweizer Luftwaffe hätte dann den entführten Jet bis zur Landung selber begleitet. Ob man es so ohne weiteres hätte abschiessen können, wenn es Kurs auf Bern genommen hätte, ist eine andere Frage: Die Flugzeuge hätten nicht nur bereit, in der Luft und bewaffnet sein müssen. Man hätte auch den entsprechenden Einsatzbefehl bekommen müssen. Das ist bisher lediglich in einer Bundesratsverordnung geregelt - und diese wiederum ist ausserhalb der Reichweite der Schweizer Luftwaffe.