Neujahrsansprache
Was Ueli Maurer von John F. Kennedy gelernt hat

Ueli Maurer lässt sich in seiner Neujahrsrede von John F. Kennedy inspirieren. Wird der SVP-Bundesrat nun insgeheim die Entwicklungshilfe fördern? Oder gar eine Schweizer Mondmission anstossen?

Anna Wanner
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Maurer wie einst John F. Kennedy

Maurer wie einst John F. Kennedy

Keystone

Wer sich am Dienstag enttäuscht vom Fernsehen abgewendet hat, weil ihm die Neujahrsrede von Ueli Maurer wenig Inspirierendes vermittelte, hat entweder den falschen Kanal erwischt und deshalb die Dame in Violett verpasst, die mit viel Elan die Rede simultan in Gebärdensprache übersetzt hat. Oder aber der Enttäuschte hat nicht genau hingehört.

Was Maurer mit erhobenem Zeigefinger rezitiert, hat Sprengkraft. «Die Gemeinschaft Schweiz funktioniert nur dann, wenn wir uns alle immer wieder fragen, was wir für unser Land tun können - jeder nach seinen Möglichkeiten und Kräften», sagte er. «Aber die Gemeinschaft Schweiz kann auf Dauer nicht funktionieren, wenn wir uns nur noch fragen, was der Staat für uns tun soll.»

Maurer nimmt damit die Kernbotschaft der legendären «Inauguration Speech» von John F. Kennedy auf. Der damals frisch gewählte Präsident der Vereinigten Staaten erklärt zu seinem Amtsantritt am 20. Januar 1961: «Fragt nicht, was Euer Land für Euch tun kann, fragt, was Ihr für Euer Land tun könnt.»

Kennedy appelliert damit an seine Landsleute, das Erbe der amerikanischen «Founding Fathers» (Gründer) hochzuhalten. Maurer tut es ihm gleich. Indem er seine Rede im Bundesbriefmuseum in Schwyz hält, erinnert er an die eidgenössischen Gründerväter. Das überrascht nicht: Steht doch im Bundesbrief unter anderem, dass die Talschaften Uri, Schwyz und Unterwalden keine fremden Richter annehmen sollen.

Die berühmte Kennedy-Rede

Auszüge aus der legendären Antrittsrede von US-Präsident John F. Kennedy: «Wir feiern heute nicht den Sieg einer Partei, sondern ein Fest der Freiheit. Denn ich habe vor euch und Gott denselben feierlichen Eid geschworen, den unsere Vorfahren verordnet haben, vor fast 175 Jahren. Die Welt hat sich seither dramatisch verändert. Denn die Menschen haben heute nicht nur die Macht, jegliche Art menschlicher Armut zu beenden, sondern die Macht, die gesamte Menschheit zu vernichten.»
«Den Menschen in Hütten auf der halben Welt, die darum ringen, die Fesseln des Massenelends zu sprengen, geloben wir, die bestmögliche Hilfe zur Selbsthilfe - nicht, weil es sonst die Kommunisten tun, sondern weil es richtig ist. Wenn eine freie Gesellschaft den vielen nicht helfen kann, die arm sind, kann sie die wenigen nicht retten, die reich sind.»
«Die Energie, das Vertrauen, die Hingabe, die wir für dieses Bemühen (um Freiheit) aufbringen, wird unser Land und alle, die ihm dienen, zum Strahlen bringen.»
«Und deshalb, meine amerikanischen Mitbürger: Fragt nicht, was euer Land für euch tun kann - fragt, was ihr für euer Land tun könnt.» «Meine Mitbürger der Welt: Fragt nicht, was Amerika für euch tun wird, sondern fragt, was wir gemeinsam für die Freiheit tun können.»

Ein Fingerzeig an die EU. Maurer sieht die Schweiz als Verein von Musketieren und fasst den Brief so zusammen: «Einer für alle, alle für einen.» Auch die Kampf-Rhetorik hat er bei Kennedy abgekupfert. Im Unterschied zum US-Präsidenten steht Maurer aber nicht vor einem eskalierenden Atom-Krieg und kämpft nicht gegen Kommunisten in Vietnam.

Kennedy richtet seine Rede an alle westlichen Mächte: «Solange wir zusammenstehen, gibt es wenig, was wir nicht schaffen können.» Auch Maurer fordert die Bürger auf, zusammenzustehen und sich für den Wohlstand und die Sicherheit in «unserem Land» einzusetzen. Wenn Maurer der Logik des verstorbenen US-Präsidenten folgt, dann setzt die Schweiz dieses Jahr wohl nicht nur auf die Sicherung des eigenen Wohlstands, sondern investiert künftig auch mehr in die Entwicklungshilfe.

Kennedy jedenfalls gelobt in seiner Rede, den «Menschen in den Hütten», die in der halben Welt darum ringen, die Fesseln des Massenelends zu sprengen, die bestmögliche Hilfe zur Selbsthilfe zu leisten: «Wenn eine freie Gesellschaft den vielen nicht helfen kann, die arm sind, kann sie die wenigen nicht retten, die reich sind.» Ob der SVP-Bundesrat Solidarität über die Grenze hinaus pflegen wird? Es scheint, als habe sich Ueli Maurer für sein Präsidialjahr ein Programm gesetzt, dass sich global wie historisch nur mit epochalen Massstäben messen lassen wird. Nur wollte er das nicht genau so sagen.

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