Reportage - Teil I

Was tun, wenn aus dem AKW Gösgen Strahlung entweicht?

Alle zwei Jahre findet eine Notfallübung einer Reaktorkatastrophe der Schweizer Kernkraftwerke statt. Dieses Jahr beim AKW Gösgen.

Die Schüler staunen nicht schlecht, als während der Mittagspause plötzlich drei schräge Gestalten wie aus einem Science-Fiction-Film vor der Kantonsschule Solothurn auftauchen. Die fremden Männer tragen Stiefel, Schutzanzüge, lange Handschuhe, Schutzhauben und Masken.

Eine Truppe im Einsatz auf dem Areal der Kantonsschule Solothurn.

Eine Truppe im Einsatz auf dem Areal der Kantonsschule Solothurn.

Zwei von ihnen stecken in den Tarnfarben der Armee, einer in klinischem Weiss. Mitten auf der Wiese vor der Kanti machen sie sich an einem Gerät zu schaffen, das sie zuvor aus einem Spezialfahrzeug der Armee geholt haben. Eine Gruppe anderer Männer steht in der Nähe, ungeschützt, in Anzug und Krawatte. Was ist passiert? Eigentlich nichts. Drei Männer üben. Ihre Chefs schauen zu.

Leere Schulen, leere Strassen

Die Männer üben den Ernstfall, einen fingierten Störfall im nahen AKW Gösgen. Alle zwei Jahre finden sogenannte Gesamtnotfallübungen statt, jeweils bei einem anderen Schweizer AKW. Das Szenario dieses Jahr: Am Dienstagabend ist aus dem AKW Gösgen Radioaktivität entwichen. Der Krisenstab unter der Leitung der Nationalen Alarmzentrale (Naz) in Zürich hat Modelle berechnet und fiktive Massnahmen angeordnet. Dazu gehören ein Ernteverbot sowie die Anweisung an die Bewohner der betroffenen Gebiete, in ihren Häusern zu bleiben.

Die Windverhältnisse waren wechselhaft. Zunächst hatte es danach ausgesehen, als würde sich die Atomwolke über den Aargau ausbreiten. Dann aber traf sie den Jurabogen bis weit ins Baselbiet hinein.

Hätte die Reaktorkatastrophe tatsächlich stattgefunden, Solothurns Strassen wären leer. Die Schüler hätten sich weder auf den Weg zur Kanti gemacht noch von den ausserirdisch anmutenden Gestalten etwas mitgekriegt. Auch die Chefs der Männer stünden mit Sicherheit nicht ungeschützt am Ort des Geschehens. Die Männer in ihren Schutzanzügen wären die einsamsten Menschen in der gesamten Nordwestschweiz. Sie sind vom Krisenstab losgeschickt worden, am Boden die Höhe der Kontamination zu messen. Überall dort, wo die radioaktiven Teilchen niedergegangen sein könnten.

29 Jahre altes Cäsium

In Solothurn beginnt es zu regnen. Michel Lussano vom Labor Spiez, ein Atomgefahren-Spezialist, führt das Trio an. Das Ziel solcher Feldmessungen: die Massnahmen dort zu lockern oder ganz aufzuheben, wo die Kontaminierung des Bodens nach dem Atomniederschlag ungefährlich ist.

Lussanos Messresultat am Tag nach dem fiktiven Störfall hinterlässt ein zwiespältiges Gefühl: Obwohl natürlich keine Radioaktivität aus dem nahen AKW Gösgen entwichen ist, zeigt das Gerät Strahlungswerte an. Nicht etwa die Normalwerte, die überall in der Natur vorkommen. Nein, unter der zehn Zentimeter dicken Humusschicht strahlt noch immer nicht abgebautes Cäsium vor sich her. Die Werte sind nun harmlos. Das Cäsium stammt von der Reaktorkatastrophe in Tschernobyl. 29 Jahre ist sie her.

Meistgesehen

Artboard 1