Ein Jahr später, am 16. August standen die Führer ihrer Expedition auf dem Finsteraarhorn, dem höchsten Gipfel der Berner Alpen. Sie waren Aarauer, sie waren Unterländer. Solche komplexe Expeditionen müssen eine Vorgeschichte gehabt haben. Sie bestand aus dem Leben von Johann Rudolf Meyer Vater (1739-1813).

Schon als junger Mann war Vater Meyer für die Bergwelt voller Begeisterung. Zwar war er nie ein Bergsteiger, aber doch passionierter Wanderer. Auf einer Tour von Innertkirchen über die Grosse Scheidegg nach Grindelwald, über die Kleine Scheidegg und Wengen nach Lauterbrunnen und weiter nach Stechelberg, stand er staunend vor den gewaltigen, bis zu 3000 Meter hohen Frontwänden von Wetterhorn bis Tschingelhorn. Er stellte fest, dass die Einheimischen nicht wussten, wie diese Berge auf der Südseite aussahen.

Die Idee des eigenen Reliefs

Die Bergwelt zog ihn an. Immer, wenn der Seidenfabrikant seine Heimarbeiter in der Innerschweiz besuchte, traf er sich in Engelberg mit dem Bergbauern, Zimmermann, Bergführer, Tal-Ammann und Richter Joachim Eugen Müller. Mehrmals bestieg er mir ihm den Titlis. Er übernachtete jeweils in Luzern. Dort faszinierte ihn das «Relief der Innerschweiz», geschaffen auf der Basis eigener Vermessungen von Franz Ludwig Pfyffer, General in französischen Diensten, in den Jahren 1766 bis 1785 im Massstab 1 : 25 000. In Meyer reifte die Idee, ein Relief der Schweizer Alpen zwischen dem Bodensee und dem Genfersee zu schaffen. Allerdings im Massstab 1 : 60 000.

Meyer begann, sein «Unternehmen» zu organisieren. Er verpflichtet 1786 den aus Strassburg stammenden Ingenieur und Topografen Johann Heinrich Weiss (1759-1826) zur Übernahme des fachtechnischen Teils. Bergführer Müller engagierte Meyer als Leiter des «Unternehmens» Alpenrelief. Meyer und Weiss bildeten ihn zu einem qualifizierten Vermessungsfachmann aus. Müller konnte hervorragend zeichnen und war ein begabter Reliefbauer.

Startpunkt Gislifluh

Die schon zuvor vermessene Strecke zwischen Kölliken und Suhr diente ihnen als Basislinie. Als erster Vermessungspunkt wurde der Gipfel der Gislifluh eingemessen. Weiss und Müller konnten von dort aus sämtliche Alpengipfel einmessen.

In 14-jähriger Arbeit, die im Gebirge nur zwischen Spätfrühling und Herbst erfolgen konnte, vermass, kartierte und modellierte Müller mit seinen Mitarbeitern den gesamten Alpenraum. Er zeichnete Panoramen und Landschaftsdetails und er machte Notizen. Ungezählte Gipfel mussten erstbestiegen und Täler begangen werden. Müller erforschte weitgehend unbekannte Gebiete. Ausser Gämsjägern waren die Menschen damals nicht in solche weit über der Waldgrenze liegende Gebiete vorgestossen. Besteigen konnten die Männer jedoch nur leicht zugängliche Gipfel.

Der Nachwuchs ging mit

Doch mussten sie zum Beispiel im Grossraum Aletsch zwischen Lötschental, Fiesch und der Oberaarlücke und bis zum Einzugsgebiet der beiden Grindelwaldgletscher, vergletscherte Gebiete begehen. Es ist anzunehmen, dass Vater Meyer seine Vermessungstrupps immer wieder besucht hatte und dass er seine Söhne und seinen Grosssohn dazu mitnahm. Es scheint, wie wenn sich sein Interesse auf dieses Gebiet zu konzentrieren begonnen hätte.

Fortlaufend wurden die Reliefblöcke und die Kartierungsgrundlagen, die Landschafts- und Panoramazeichnungen, nach Aarau gebracht. Spezialisten bearbeiteten in Aarau die Reliefblöcke und fügten diese zu einem Gesamtrelief des Alpenraumes zusammen. Dieses hatte letztlich die Masse von 150×450 cm!

Das Relief verkaufte Meyer nach Paris. Eine katastrophale Fehlentscheidung. Ab 1811 stand dieses einzigartige Meisterwerk im Hôtel des Invalides. Danach ist es irgendwann aus unbekannten Gründen entfernt und wohl zerstört worden. Es gilt als verschollen.

Atlas Suisse war ein Meilenstein

Meyer entschloss sich, das Relief unter Beizug der Kartierungen in die erste, auf genauen Vermessungen basierende Karte der Schweiz umzuarbeiten. Er nannte diese «Atlas Suisse». Sie enthielt 16 Kartenblätter im Massstab 1 : 108 000. In Aarau stachen drei hoch qualifizierte Kupferstecher die Vorgaben auf Platten.

Seit Aegidius Tschudi 1538 seine ohne Vermessungen gezeichnete Schweizer Karte veröffentlich hatte, war diese während 261 Jahren (1638-1802) die Vorlage für alle produzierten Karten gewesen. Und dann kommt Meyer mit seinem «Atlas Suisse», der ersten Schweizerkarte aufgrund genauer Vermessung und leistet den entscheidenden Innovationsschritt in Richtung moderner Karten. Aarau befand sich an der Spitze der europäischen Kartografie. Damals sagte man: an der Weltspitze.

1796 publizierte Meyer ein Probeblatt des «Atlas Suisse». Es war hochformatig und nach Süden ausgerichtet. Zwischen dem Thunersee/Brienzersee unten und dem Wallis oben ist die gesamte Hochgebirgs- und Gletscherwelt des Berner Oberlandes abgebildet. Im Rahmen der Vermessungen und Kartierungen muss sich der Trupp ausgiebig in diesem Raum aufgehalten haben.

Mehr Sportler als Wissenschafter?

Die Erkundung des Alpenraums dauerte von 1786 bis 1802. Der Atlas Suisse erschien 1803. Danach begann die Idee zu den Erstbesteigungen der Jungfrau und des Finsteraarhorns, während mehrerer Jahre zu reifen. Vater Meyer war keiner der Erstbesteiger. Er starb 1813 im Alter von 74 Jahren.

Seine beiden Söhne Hieronymus und Rudolf schreiben im Bericht nach der Erstbesteigung, die Reise sei ein Versuch gewesen, die «nie bewanderten Regionen in geographischer Hinsicht zu rekognoszieren, um dann in folgenden Unternehmungen dort für die Wissenschaft arbeiten zu können». Doch ist die Wissenschaft alleine Grund genug für ein halsbrecherisches Wagnis? Zwischen den Zeilen ist viel Abenteuerlust zu spüren: «Die anhaltende warme, trockene Witterung des Sommers von 1811 war für Gletscherreisen viel zu günstig und einladend, als dass wir uns nicht von unsern Geschäften für einige Tage hätten losreissen sollen, um sie diesem Unternehmen zu widmen.» Die schweren physikalischen und mathematischen Werkzeuge liessen die Brüder Meyer erst einmal zurück. Die Messdaten waren weniger wichtig wie das «Oben gewesen sein». Dieser Bergsteigergeist war etwas Neues in der damaligen Zeit.

* Der Aarauer Gerhard Ammann ist Geograf und war Lehrer an der Neuen Kantonsschule in Aarau.