Rupperswil-Prozess
Was müsste passieren, dass Thomas N. auf freien Fuss kommt? Experte Matthias Fricker erklärt

Rechtsanwalt Matthias Fricker hatte 2012 Lucies Mörder vor Gericht verteidigt. Wie schätzt der erfahrene Strafverteidiger das Urteil im Fall des Vierfachmörders Thomas N. ein?

Dominic Kobelt
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Strafverteidiger Matthias Fricker hatte den Mörder von Lucie verteidigt.

Strafverteidiger Matthias Fricker hatte den Mörder von Lucie verteidigt.

„Überrascht war ich nicht, ich habe in etwa das erwartet, was die Richter entschieden haben“, sagt der Wohler Anwalt Matthias Fricker gegenüber der AZ. Er habe den Prozess verfolgt und aufgrund von dem, was er gelesen habe, sei es wohl ein korrektes Urteil.

„Speziell daran ist, dass eine lebenslange Freiheitsstrafe und eine ordentliche Verwahrung ausgesprochen wurden. Wie es der Name schon sagt, endet die Freiheitsstrafe grundsätzlich erst mit dem Tod“, erklärt Fricker.

Vierfachmord Rupperswil – von der Tat bis zum Urteil: Am 21. Dezember 2015 wird Rupperswil zum Schauplatz eines der grausamsten Mordfälle in der Schweizer Kriminalgeschichte.
45 Bilder
Als die Feuerwehr zu einem Brand in einem Haus an der Lenzhardstrasse ausrückt, können die Einsatzkräfte nicht ahnen, was auf sie zukommt.
In diesem Haus entdecken die Feuerwehrleute vier verkohlte Leichen.
Wenig später nehmen Ermittler und Spurensicherung ihre Arbeit auf.
Zwei Tage nach den Morden teilt die Polizei mit: Bei den Opfern handelt es sich um Carla Schauer (†48), ihre beiden Söhne Davin (†13) und Dion (†19) ...
... sowie um die Freundin des älteres Sohnes, Simona (†21).
Rupperswil steht unter Schock. Vom Täter fehlt jede Spur.
Die Menschen im Dorf nehmen Anteil am Schicksal der Opfer: Zeichen der Anteilnahme vor dem Haus, in dem die Taten geschahen.
Viele Kerzen beim Haus der Opfer sind für diese angezündet.
8. Januar 2016: In Rupperswil findet ein Gedenk-Gottesdienst für die Opfer statt.
Rund 500 Personen wohnen dem Trauer-Gottesdienst bei. Wegen des grossen Andrangs müssen rund 200 Gäste den Gottesdienst vom Saal des Kirchgemeindehauses aus verfolgen.
18. Februar 2016: Staatsanwaltschaft und Polizei informieren erstmals ausführlich über die Geschehnisse in Rupperswil an einer Pressekonferenz. Im Bild Staatsanwältin Barbara Loppacher und Kripo-Chef Markus Gisin.
An dieser Pressekonferenz setzen die Behörden eine Belohnung von bis zu 100'000 Franken für Hinweise auf die Täterschaft aus.
Mit Flugblättern (in 7 Sprachen) sucht die Polizei nach Zeugen und Hinweisen.
Auf dem Flugblatt ist auch dieses Bild von Carla Schauer (†48) zu sehen, aufgenommen von einer Überwachungskamera: Sie hebt am Tattag um 9.51 Uhr Geld an einem Bankschalter in Wildegg ab. Es sind 9850 Franken.
Später veröffentlicht die Polizei auch dieses Bild: Carla Schauer hebt um 10.10 Uhr an einem Geldautomaten in Rupperswil 1000 Euro ab.
April 2016: Die ZDF-Sendung "Aktenzeichen XY – ungelöst" macht Filmaufnahmen zum Mordfall von Rupperswil. Der Beitrag soll bald ausgestrahlt werden – doch dazu kommt es nicht mehr.
13. Mai 2016: Fast fünf Monate nach dem Tötungsdelikt laden Polizei und Staatsanwaltschaft kurzfristig zu einer zweiten grossen Pressekonferenz ein.
Oberstaatsanwalt Philipp Umbricht enthüllt: "Der Täter ist gefasst. Es handelt sich um einen 33-jährigen Schweizer aus Rupperswil, der nicht vorbestraft ist."
Der Starbucks in Aarau: Hier nahm die Polizei Thomas N. fest.
Das ist er: Thomas N., neben dem Haus der Familie Schauer in Rupperswil. (Fotomontage)
Thomas N. war jahrelang Fussball-Trainer und betreute C-Junioren. Die Junioren, ihre Familien und die Vereinsmitglieder sind geschockt.
Dieses Bild zeigt Thomas N. als Betreuer an einem Fussballspiel im April 2016, rund vier Monate nach der Tat.
Dieses Bild zeigt Thomas N. als Betreuer an einem Fussballspiel im April 2016, rund vier Monate nach der Tat.
Dieses Bild zeigt Thomas N. als Betreuer an einem Fussballspiel im April 2016, rund vier Monate nach der Tat.
In diesem Haus in Rupperswil – nur wenige Meter vom Haus der Familie Schauer entfernt – wohnte Thomas N. zusammen mit seiner Mutter.
Bei Thomas N. zu Hause fand die Polizei diesen Rucksack samt Utensilien. Sie liessen befürchten, dass er eine nächste Tat bereits geplant hatte.
7. September 2017: Staatsanwältin Barbara Loppacher von der Staatsanwaltschaft Lenzburg-Aarau erhebt Anklage.
Wenige Tage nach der Ergreifung des Täters wird bekannt: Die Rechtsanwältin Renate Senn wird Thomas N. als amtliche Verteidigerin vor Gericht vertreten.
Thomas N. sitzt im Gefängnis Pöschwies in Regensdorf in Haft.
Der Prozess vor dem Bezirksgericht Lenzburg fand aus Platzgründen im Polizeigebäude in Schafisheim statt. 65 Medienschaffende und 35 Zuschauer verfolgten ihn.
Den Kopf hat er meist auf seine rechte Hand gestützt, mit Zeigfinger und Daumen hält er sich die Nasenwurzel.
Das Gericht: René Müller (SVP), Margrit Kaufmann (CVP), Schreiber Lukas Fischer, Präsident Daniel Aeschbach (SVP), Marianne Bitterli (SVP), Luca Cirigliano (SP).
Blick in den Gerichtssaal mit dem Angeklagten (rechts aussen).
Thomas N. vor Gericht.
Brief-Ausschnitt: Thomas N. schrieb den Angehörigen einen Brief – aber ohne das Wort "Entschuldigung" zu verwenden. Während des Prozesses wurde dies bekannt.
Thomas N. am ersten Prozesstag: Er spricht deutlich, verliert nie die Fassung.
Staatsanwältin Barbara Loppacher (vorne).
«Ich bin pädophil», sagt der geständige 34-Jährige vor Gericht.
Der vierfache Mörder von Rupperswil AG (Bildmitte) soll verwahrt werden. Das Bezirksgericht Lenzburg verhängte eine lebenslängliche Freiheitsstrafe und ordnete eine ordentliche Verwahrung an.
Gerichtszeichung von Thomas N. bei der Urteilsverkündung am Freitag.
Gegen das Urteil erhob Thomas N. Berufung. Er wehrte sich gegen die ordentliche Verwahrung. Daraufhin erklärte auch die Staatsanwaltschaft Anschlussberufung: Sie fordert erneut eine lebenslange Verwahrung für den Vierfachmörder.
Am 13. Dezember kam es zum Prozess vor dem Aargauer Obergericht. Dieses entschied, dass der Vierfachmörder von Rupperswil ordentlich verwahrt wird, aber keine ambulante Massnahme (Therapie) erhält.
Thomas N. wohnte der Berufungsverhandlung nicht bei. Sein Gesuch, in dem er darum bat, von den Gerichtsverhandlungen dispensiert zu werden, wurde gutgeheissen.
Staatsanwältin Barbara Loppacher ist zufrieden mit dem Urteil des Obergerichts.

Vierfachmord Rupperswil – von der Tat bis zum Urteil: Am 21. Dezember 2015 wird Rupperswil zum Schauplatz eines der grausamsten Mordfälle in der Schweizer Kriminalgeschichte.

SEVERIN BIGLER

Nach 15 Jahren kann eine Überprüfung verlangt werden und danach eine bedingte Entlassung erfolgen, falls der Täter nicht mehr gefährlich ist. „Die ordentliche Verwahrung verlangt eine regelmässige Überprüfung. Wegen der lebenslänglichen Freiheitsstrafe erfolgt diese frühestens in 15 Jahren. Man fährt also quasi zweigleisig.“

Was braucht es für eine Entlassung?

Was müsste denn konkret passieren, dass Thomas N. entlassen würde? „Wenn eine Überprüfung stattfindet, dann hat das grösste Gewicht die Beurteilung eines externen Gutachters. Dieser müsste Thomas N. attestieren, dass er nicht mehr gefährlich ist“, sagt Fricker. "Zudem werden bei der Anstaltsleitung und bei den behandelnden Anstaltspsychiatern Berichte eingefordert.“

Im Rahmen der Verwahrung kommt der Täter nicht in den Genuss einer eigentlichen Therapie. Er erhält lediglich eine Art „Schmalspurtherapie“, in der es darum gehe, die Belastung des Strafvollzugs abzufedern. Im Zentrum der nebst der Verwahrung ebenfalls angeordneten ambulanten Massnahme steht bei Thomas N. die Pädophilie. Die Fachpersonen aus diesen beiden Bereichen würden ebenfalls eine Beurteilung abgeben.

Schliesslich würde sich auch noch die Fachkommission des Strafvollzugskonkordats Nordwestschweiz und Innerschweiz zur Sache äussern. Aufgrund all dieser Beurteilungen müsste schlussendlich die Vollzugsbehörde, im Kanton Aargau das Amt für Justizvollzug, entscheiden ob, Thomas N. für die Bevölkerung noch eine Gefahr darstellt.

"Verwahrungsinitiative hat etwas bewirkt"

Einige Bobachter zeigten sich enttäuscht, dass sich das Gericht nicht für eine lebenslange Verwahrung ausgesprochen hat. Trotzdem habe die Verwahrungsinitiative etwas bewirkt, sagt Fricker: „Die Initiative, aber auch einige Taten, haben dazu geführt, dass das Pendel umgeschlagen hat. Heute werden härtere Urteile gefällt, als etwa in den Achtzigerjahren.“ In den letzten Jahren seien Täter, die verwahrt wurden, kaum mehr aus der Haft entlassen worden.