Man muss nicht Katholik sein und schon gar nicht Anhänger der Kirchendogmatik, um der Faszination des neuen Papstes zu erliegen. Franziskus führt eine Weltkirche mit 1,2 Milliarden Gläubigen - und sticht dabei durch eine seltene Eigenschaft hervor: Er führt durch Vorbild.

Franziskus hat am Dienstag sein erstes Lehrschreiben veröffentlicht, in dem er sich für weitreichende Strukturreformen in der Kirche ausspricht. Er kritisiert «ausufernden Klerikalismus», er plädiert für eine «Kirche der Armen», er kritisiert Traditionalisten, die sich «für etwas Besseres» hielten. Was sein Dokument bewirkt, wird die Zukunft zeigen. Was hingegen seine persönliche Lebensweise bewirkt, das sieht man schon heute.

Gelebte Demut

Der Papst überraschte bereits Minuten nach seiner Wahl am 13. März dieses Jahres: Er trat ohne jeden Prunk vor die Gläubigen und sagte schlicht «Buona sera». Heute wohnt er im bescheidenen Gästehaus des Vatikans und nicht in der abgeschirmten Papst-Wohnung. Er trägt seine alten Strassenschuhe und nicht rote, massgeschneiderte Hochglanzschühchen. Er greift zum Telefon und ruft Menschen, die ihm geschrieben haben, kurz mal an. Er posiert für Handyfotos und macht sich damit zum Menschen aus Fleisch und Blut.

Am meisten zu reden gibt Franziskus' Fuhrpark. Er meidet die schwarzen Limousinen. Lieber fährt er Fiat oder neuerdings einen weissen Renault 4, Jahrgang 1984, 30 PS. Den hat ihm ein Dorfpfarrer aus der Nähe von Verona geschenkt. Über Autos sagt Franziskus: «Mir tut es weh, wenn ich einen Priester oder eine Ordensschwester mit dem allerneusten Modell sehe. Das geht doch nicht. Wenn Euch dieses tolle Modell gefällt, denkt an die vielen Kinder, die an Hunger sterben.»

Nicht bloss Symbolpolitik

Bloss Symbolpolitik - das monieren Kritiker. Doch sie irren: Franziskus will «eine arme Kirche für die Armen» - und tut dafür mit seiner persönlichen Bescheidenheit sehr rasch sehr viel. Denn plötzlich müssen sich Kleriker für ihre Limousinen rechtfertigen. Plötzlich fliegt dem Limburger Bischof die Luxus-Residenz um die Ohren. Plötzlich macht sich der Churer Bischof Vitus Huonder zum Gespött, weil er sich diese Woche pompös inszenierte: Er feierte in Wien eine Messe in einem rot leuchtenden, goldbestickten Kostüm mit meterlanger Schleppe, die Ministranten in weissen Handschuhen tragen mussten.

Leitwort: «Mass halten»

Das Prinzip lässt sich eins zu eins auf die Wirtschaft übertragen: Was der Chef nicht tut, das lassen auch die Untergebenen. Wenn der Chef Economy fliegt, wagt sich keiner in die Business. Wenn der Stadtrat von Winterthur, wie diese Woche geschehen, freiwillig auf 10 Prozent Lohn verzichtet, wird kein Beamter mehr Geld verlangen. «Mass halten» entspricht dem Zeitgeist, auch viele politische Initiativen werden derzeit so begründet: Mass halten beim Lohn. Mass halten beim Wohnungsbau. Mass halten bei der Einwanderung.

Die Kirche könnte vor grösseren Veränderungen stehen, eben weil der Papst so führt, wie er führt. Er kommentierte seine Wahl am 13. März gegenüber den Kardinälen spontan so: «Möge Gott Euch vergeben!» Mancher, der sich bequem installiert hat, wird sich an diese Worte erinnern.