Durchhaltevermögen. Das ist so ein Wort, das Adolf Ogi oft benutzt. Er ermunterte damit in seiner Zeit als Bundesrat (1987 – 2000) die Bevölkerung, immer wieder sich selbst und heute vor allem Jugendliche, die ihren Weg noch vor sich haben.

Sich selbst sieht er dabei als Vorbild, er, der Kandersteger ohne akademische Bildung. «Jugendlichen, die vielleicht nicht an die Uni gehen können, soll das ein Ansporn sein», sagt er in der Sendung «TalkTäglich» auf Tele Züri zu Moderator Markus Gilli. Wer kämpfe, Wille und Durchhaltevermögen habe, der könne trotzdem sogar Bundesrat werden.

«Am Anfang hat man mir gesagt, ich sei nicht fähig, intellektuell nicht in der Lage, dieses Amt zu übernehmen», blickt Ogi zurück. Das habe schon geschmerzt. Und: «Da muss man sich schon fragen, ob man wirklich in dieses Amt gehen will, wenn man als dumm abgeschrieben wird.»

«Wir durften nicht zweifeln»: Ogi zeigt an der Eröffnung Leidenschaft für die Neat – wie eh und je.

«Jeden Tag bereit sein, zu kämpfen»: Ogi zeigt an der Eröffnung Leidenschaft für die Neat – wie eh und je.

Januar 2016

Chance. Noch so ein Ogi-Wort. Eine Chance sei es gewesen, die er bekommen habe mit dem Amt als Bundesrat. Dafür sei er dankbar. Und eine Chance sei es eben auch gewesen, dass man ihm nicht allzu viel zugetraut hat. Dann könne man nämlich noch überraschen, sich steigern. «Und die, die in der Sänfte hereingetragen werden, für die gibt es nur seitwärts oder abwärts.»

Gespräch. «Meine Stärke, wenn ich eine hatte, war der persönliche Kontakt», sagt Ogi. Dabei sei es wichtig, dass man stets ein interessanter Gesprächspartner sei. Ogi, der Kommunikator. 2'333 Reden habe er gehalten während seiner Zeit als Bundesrat, habe die NZZ einmal gezählt – seine Voten im Parlament nicht mitgezählt.

Adolf Ogi Neujahrsansprache 2000

Ogi und das Tänndli – legendär. Die Neujahrsansprache des alt Bundesrats zur Jahrtausendwende.

 

Seine Devise heute: «Die nächste Rede ist die schwierigste.» Will heissen: «Die nächste Rede muss die beste sein.»

Und wenn Trump und Putin am G20-Gipfel miteinander reden wollten, dann sei das eben «im Interesse der Welt». «Man muss zusammenkommen, man muss miteinander reden.» Er wolle nicht die Deutschen nicht kritisieren, aber: «Was passiert ist, ist inakzeptabel.» Da seien bei den Vorbereitungen «elementare Grundsätze missachtet» worden.

Adolf Ogi – seine besten Momente als Bundesrat, 1987 bis 2000.

Adolf Ogi – seine besten Momente als Bundesrat, 1987 bis 2000.

Beitrag der SRF-«Rundschau», Oktober 2000, anlässlich seines Rücktritts.

Zufrieden sei er mit seinem Leben, wenn er jetzt zurückblicke, sagt Ogi. «Ich habe mehr erreicht als ich erwartet habe.»

75 Jahre Adolf Ogi: Sehen Sie hier die Sendung «TalkTäglich» in voller Länge.

75 Jahre Adolf Ogi: Sehen Sie hier die Sendung «TalkTäglich» in voller Länge.

Nur etwas, das nagt noch immer an ihm. Es ist der Tod seines Sohnes an Ostern 2009. «Warum, Herrgott, muss der Mathias vor seine Eltern sterben?», fragt er noch heute. «Ich, meine Frau und meine Tochter, wir sind über den Tod von Mathias noch nicht hinweg. Und werden es wohl nie sein.» 

Selbstverständlich hätten andere Familien schwerere Schicksalsschläge zu bewältigen, sagt Ogi bescheiden. Doch es ist nicht zu übersehen: Sein ganz persönlicher bewegt ihn noch heute tief. (smo)