Asylpolitik
Was falsch läuft in der Aargauer Asylpolitik

Asylbewerber müssen früh Tipps fürs Leben erhalten und in die regionalen Gepflogenheiten eingeführt werden. Dafür setzt sich das Netzwerk Asyl ein. Interview mit Valentin Emmenegger, Vorstandsmitgled des Netzwerks.

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Valentin Emmenegger

Valentin Emmenegger

Die Integration von Asylsuchenden ist im Schweizer Ausländergesetz nicht vorgesehen. Der Verein Netzwerk Asyl widersetzt sich dem mit seinem Angebot.

Valentin Emmenegger: Es ist nicht verboten, es bedeutet einfach, dass wir kein Geld vom Staat kriegen. Wir sind überzeugt, dass alle Ausländer für die Zeit, die sie hier leben, integriert sein müssen.

Muss es denn das Ziel sein, dass sie Teil der Gesellschaft sind?

Emmenegger: Unbedingt, sonst gibt es Probleme. Die zwei, drei Jahre, die sie in der Schweiz sind, soll keine tote Zeit sein, in der sie psychisch kaputtgehen und depressiv werden.

Warum werden manche depressiv?

Emmenegger: Die Leute kommen mit viel Hoffnung. Sie haben das Bild der humanitären Schweiz im Kopf. Nach ein paar Monaten kommt die Krise, die Leute sind enttäuscht oder wütend. Sie teilen das Zimmer mit Fremden, leben mit 10 Franken pro Tag und verstehen die Sprache nicht. Sie leben monate- oder jahrelang mit der Ungewissheit: Werde ich abgelehnt oder aufgenommen?

Das Netzwerk Asyl

Die Treffpunkte für Asylsuchende und Einheimische «Contact» wurden 2004 lanciert und gehören seit 2006 zum Verein Netzwerk Asyl Aargau. Es gibt sie in Aarau, Muri, Nussbaumen und Rheinfelden. Seit 2005 organisiert der Verein Deutschkurse in Aarau, weil Asylsuchende oft lange auf den Zugang zu einem kantonalen Kurs warten. An mittlerweile 12 Standorten unterrichten rund 30 Helfer unentgeltlich lernwillige Asylbewerber. Die Kurse wurden meist von Frauen aus eigenem Antrieb gestartet. Netzwerk Asyl zählt 150 Mitglieder. Seit kurzem bezahlt der Verein Deutschkurs-Teilnehmern die Fahrspesen zum Beispiel aus dem Wynen- und Suhrental. Dazu ist er auf Spenden angewiesen. (kus)
Netzwerk Asyl Aargau «Deutschkurse» PC-Konto 50-19424-1

Emmenegger: Das Bundesamt für Migration behandelt die aussichtslosen Fälle prioritär. Jene, bei denen man davon ausgeht, dass sie bleiben können, müssen zwei Jahre warten - oder länger, wenn jemand nach einer Ablehnung ein Wiedererwägungsgesuch macht.

Was ist das Ziel des «Contact»-Cafés?

Emmenegger: Die Asylbewerber können andere Leute treffen an einem Ort, wo man ihnen wohlgesinnt ist. Wir hören oft einfach zu. Und sie können ihre ersten Deutschkenntnisse anwenden.

Gibt es keine negativen Erlebnisse?

Emmenegger: Es gibt schon jene, die hier vor allem Geld verdienen wollen und den Kontakt zur Bevölkerung nicht suchen. Doch weil unser Angebot freiwillig ist, sind jene rund hundert Personen, die jeweils zu uns kommen, sehr interessiert und höflich. Sie wollen hier ein neues Leben aufbauen. Wir sind nur Freiwillige, die mit einfachsten Mitteln unterrichten, aber die Leute sind sehr stolz, dass sie zu uns in den Deutschkurs gehen und haben das Gefühl, sie würden eine gute Schule besuchen.

Was müsste sich Ihrer Ansicht nach im Aargauer Asylwesen ändern?

Emmenegger: Es müsste Tagesstrukturen geben in den Unterkünften. Zwar werden 80 Prozent der Asylanträge abgelehnt, aber in der Realität bleiben viele langfristig in der Schweiz. Somalier zum Beispiel kriegen oft kein politisches Asyl, weil sie nicht vom Staat verfolgt werden, denn es gibt den Staat gar nicht. Sie werden aber vorläufig aufgenommen, weil man sie nicht zurückschicken kann, denn es gibt keine Behörde, keinen Flughafen, wo man sie abladen könnte. Dann warten sie hier. Ohne Deutschkenntnisse oder Wissen, wie man sich für eine Stelle bewirbt.

Das Problem liegt also im System?

Emmenegger: Nicht nur. Das Bild der Asylbewerber in der Bevölkerung ist sehr schlecht. Selbst die anständigen Ausländer erfahren von der Bevölkerung Angst und Ablehnung. Das erschwert ihnen die Integration enorm. Tipps zum Leben und Umgangsformen sind deswegen wichtig. Doch das muss früh geschehen. Man kann sie nicht zwei Jahre lang frustrieren - da geht zu viel kaputt. (kus)

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