Naturpärke

Was bringt der ganze Summervogel-Blüemli-Seich?

Heute entscheidet der Nationalrat, ob es mehr Geld für Naturpärke geben soll. Grund genug für einen Besuch im Naturpark Thal: Ein raues, liebliches, unverwechselbares Randgebiet im Kanton Solothurn.

Whäääk – eine Raupe!» Das Kind hockt sich auf die Fersen bei der Trockenmauer. Zwei Männer schauen zu: der Vater, Bauer im Naturpark, und ein Insektenforscher, der im Siedlungswahnsinn lebt jenseits der Jurakette. Die Kleine klaubt den sich krümmenden Wurm vom Boden, in den er gerade kriechen will.

«Mein lieber Himmel!», ruft der Forscher, «die Raupe eines Schmetterlingshafts! Ein naher Verwandter der Ameisenjungfern, sehr selten. Ich beglückwünsche Sie!» Die Kleine schaut stolz zu ihrem Papa auf. Und der brummt irgendwas, halb abwehrend, halb zufrieden.

Genauso hatte sich die Szene nicht abgespielt im Naturpark Thal SO, dem ersten seiner Kategorie in der Schweiz. Aber für die Szene wäre alles da: Der Bauer, der sein Land anders bestellt seit Bestehen des Parks.

Der Schmetterlingshaft, der seine Eier auf Gräsern an warmen Plätzen ablegt; dazu muss Licht bis auf den Boden dringen, was offeneren Wald bedingt. Und schliesslich die Jugend, die unter freiem Himmel direkte Umweltbildung und Naturschutz geniesst (bei unserem Besuch waren gerade mehrere Schulklassen unterwegs).

Man könnte die Szene auch auf dem Gelbringfalter aufbauen; wird er nicht gefördert, stirbt er aus. Oder auf dem Glögglifrosch; die Kröte bevorzugt Weiher mit sandigen Ufern, um zu laichen.

Oder auf Orchideen; zu ihnen führte ein Bauer Botaniker, als die enttäuscht schon wieder abzotteln wollten durch die Klus, weil sie vergeblich danach gesucht hatten (die Szene spielte sich wirklich ab).

Stetig werden mehr Ökoflächen vernetzt, wozu Bauern offenbar Hand bieten. Trotzdem könnte man dem akademischen Naturentzücken fremder Fötzel entgegenhalten, wie es unser Einheimischer in der Eingangsszene getan hat: «Was bringt uns das – ein Glögglifrosch?»

Die Antwort müsste der Mann eigentlich längst selber kennen. Mindestens die Milchbauern wissen es oben im Reckenchien. Im Weiler treffen wir einen Mann, dessen Konterfei man 1:1 auf den Fünfliber prägen könnte.

Alles stimmt für die Ikone des Schweizer Senns: die Postur, das markante Gesicht, die blonden Stirnfransen, sogar die Nähe zum Schwingen. Der Mann heisst Fluri Josef, Käser im Reckenchien, Gemeinderat in Mümliswil. Ihn fragen wir, was nach unserer Vorstellung ein Alteingesessener fragen könnte: «Der ganze Summervogel-Blüemli-Seich – was bringt’s?»

«150 000 Franken mehr Umsatz», sagt Fluri Josef geradeheraus. Rund zwölf Prozent der Produktion verdanke die 103-jährige Käserei Stoll heute dem Label des Naturparks. Grossverteiler wie Coop stiegen ein. «Wir hätten immer leben können», sagt Fluri, «aber jetzt investieren wir.» Im Lager wendet ein Roboter mühelos die Laibe, 24 Tonnen täglich, die früher die Männer buckeln mussten, darunter Greyerzer AOC, schön gereift im Reckenchien.

Der Naturpark sei im vierten Jahr seines Bestehens kein Politikum mehr, sagt Fluri, «jedenfalls keins mit lauten Stimmen.» Allenfalls gebe der Fünfliber pro Kopf und Jahr mal zu reden, den man an den Park liefere. Kein Vergleich zu den wirklich drängenden Problemen im Bezirk: der tägliche Stau vor der Klus, das als ungerecht empfundene System der Sozialregion. Bestes Zeichen für Zustimmung beim Naturpark sei der bald erfolgte Protest der Bergzone, einbezogen zu werden, nicht bloss – wie am Anfang – die Talsohle.

Jede Gemeinde musste Zusammenarbeit beschliessen (neun Gemeinden sind es insgesamt). Alle sind sie vertreten im Vorstand des Vereins Region Thal, dessen emsige, sehr motiviert wirkende Geschäftsstelle wie eine Wabe im Balsthaler Verkehrszentrum sitzt und drei Bereiche betreut: regionale Entwicklung, Betrieb des Parks und den Bereich Nachhaltigkeit, unter anderem mit der «Lokalen Agenda 21».

Die Aufgaben dürften sich wohl Zug um Zug überlagern, auch wenn Sandra von Ballmoos, die Kommunikationsleiterin, die Bereiche akribisch genau auseinander definiert.

Dann führt der Weg in die andere Richtung des Tals, in Richtung Laupersdorf und Welschenrohr. Über die Gegend wird uns in wenigen Minuten Susi Bader sagen: «Es gibt bei uns kein Matterhorn, und es ist nicht der Vierwaldstättersee.» In anderen Worten: Sensationen liegen anderswo. Aber Susi Bader weiss auch: Sensationen wecken selten eine tiefere Neugier oder gar Neigung zu einer Region.

Hingegen tut es diese Landschaft. Mit ihrem unverwechselbar wechselnden Charakter von rau zu lieblich, dem aufragenden Karst, dessen Zacken windgerupfte Föhren zieren wie auf japanischen Tuschzeichnungen. Gefolgt von dichten Wäldern über Hügel, in die abenteuerliche Bergstrassen führen. Eine Herausforderung wohl auch für die Chauffeure des Naturpark-Busses, der die Leute bis zu den Kreten bringt. Rau und windgerupft – wir können es nicht verhehlen – war da oben teils auch der Charme von Bewohnerinnen einsamer Höfe. Umbellt von Hofhunden, brachte die Frau für eine Auskunft kaum die Zähne auseinander, erklärte das jedoch gewissermassen mit dem scharfen Zusatz: «Wir sind nicht beim Naturpark!»

Dabei sind Susi und Peter Bader, die Wirtsleute der «Krone» in Laupersdorf, sogenannte Gastropartner. Eine ansehnliche Reihe nutzt wie sie das Parklabel und achtet darauf, regionale Produkte anzubieten – Rapsöl, Mehl, Teigwaren, Mozzarella aus der Oberen Tannmatt, Würste von Metzger Stübi in Matzendorf, demnächst gar eine Nusstorte, quasi Laupersdorfs Antwort auf Bündens Allerweltsoblate.

Das scheinen die Leute zu ahnen, wo sie es noch nicht wissen. Gäste aus Zürich, angereist mit Cabrio, auf dessen Heck «Vivaldi II» stand, bestellten ein Dessert unter der Bedingung, «dass es wirklich hausgemacht ist». Susi Bader sagt dazu: «Nur wenn die Dinge authentisch sind, bringt der Fokus auf den Naturpark etwas.»

Wirt Bader möchte im Herbst auch Wildbret aus der Region servieren. Das scheitere aber (noch) an den Jägern, weil die nur ganze Tiere verkaufen. Bald feiern Hubertus’ Kameraden ihre Versammlung. Was für Wild bekommen sie vorgesetzt? Bader lächelt ... – der Naturpark birgt also auch Geheimnisse, authentische, nur Einheimischen vorbehaltene Geschichten.

Eine Broschüre des Parks listet 23 Themen auf, mit denen man sich talauf, talab beschäftigen kann (eine qualitativ etwas strengere Auswahl wäre vielleicht zweckmässiger). Eine Spezialität zieht sich hoch oben die Parkgrenze entlang, gleichzeitig die Kantonsgrenze zwischen Solothurn und Bern: Trockenmauern, wegen ihrer verblüffenden Länge gleichsam eine chinesische Thalmauer. Viele haben da geduldig Steine gefügt ohne Mörtel, nicht wenige dafür sogar bezahlt.

Trockenmaurer Oliver Bürgi und sein Kompagnon Reto Ingold schildern auf dem Probstenberg den Wert solchen Chrampfs überzeugend als Zen des Steineschichtens plus Teamgeistbildung.

Ihr Hof liegt auf Berner Seite, aber sie profitieren vom Naturpark, indem sie mit einem neuen Gästehaus die gelegentliche Beherbergungsnot des Parks lindern. Dass ihr Haus ein klarer Bau der Neuzeit ist, sagen sie, verdanken sie freilich den weniger rigiden Bauvorschriften Berns.

Meistgesehen

Artboard 1